Ukraine auf US-Daten angewiesenSelenskyj beklagt ausbleibende Warnung vor russischem Angriff

In der Nacht wird die Ukraine von russischen Raketenangriffen überrascht. Präsident Selenskyj spricht von fehlenden Aufklärungsdaten der Partner und meint vor allem die USA. Stellt die Trump-Regierung die Datenweitergabe ein? Der ukrainische Außenminister ist um Klarstellung bemüht.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat nach russischen Raketenangriffen auf die Hauptstadt Kiew eine fehlende Vorwarnung durch die westlichen Verbündeten des Landes kritisiert. "Zu diesem Angriff gab es leider keine Vorwarnung von unseren Partnern", teilte Selenskyj bei Telegram mit. "Aufklärungsdaten über den Abschuss russischer ballistischer Raketen helfen dabei, Menschenleben zu retten, und das ist eine der kritischsten Fragen", sagte er.
"Aber direkte oder indirekte Unterstützung Russlands, die Behinderung der Hilfe für die Ukraine und die Erschwerung des Schutzes vor ballistischen Angriffen - all das trägt definitiv nicht zum Frieden bei", sagte Selenskyj weiter. Der Präsident nannte keinen Partner namentlich, betonte aber, das Land brauche ein starkes Amerika, ein starkes Europa und Partner, "die wirklich helfen". Er forderte wirksamen Druck auf Russland.
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha sagte, dass es weiterhin einen Austausch von Geheimdienstdaten mit den USA gebe. Der Luftalarm sei in der Nacht tatsächlich verspätet ausgelöst worden. "Dies hängt jedoch mit einer speziellen Art von Waffen zusammen, die die russische Seite eingesetzt hat", erklärte er auf dem Warschauer Sicherheitsforum. Zur Art der Waffen machte er keine Angaben.
Laut der BBC geht es dabei um umfunktionierte Flugabwehrraketen des Typs S-400. Der Präsidentenberater für Verteidigungstechnologien, Serhij Bezkrestnow, habe erklärt, dass es nicht das erste Mal gewesen sei, dass der Start der S-400-Raketen von den Geheimdiensten der ukrainischen Partner nicht registriert wurde. Eine BBC-Quelle im ukrainischen Militär bestätigte ebenfalls, dass die USA der Ukraine weiterhin Geheimdienstinformationen liefern. Dabei geht es etwa um Warnungen vor ballistischen Raketenstarts, Daten zu Zielen auf russischem Territorium, Satellitenbilder sowie allgemeine militärische Analysen.
Spiegel-Korrespondent Matthias Gebauer berichtete auf X, Sybiha habe am Rande des Treffens in Warschau von einem technischen Problem auf der Empfängerseite in seinem Land als Grund für das Ausbleiben einer Warnung gesprochen. Die USA und die Ukraine arbeiteten daran, das Problem so schnell wie möglich zu beheben, schrieb er.
Die Ukraine verlässt sich in ihrem Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg traditionell vor allem auf Aufklärungsdaten des US-Militärs, aber auch auf die anderer Nato-Mitgliedstaaten. Die ukrainischen Luftstreitkräfte hatten nach dem Angriff mitgeteilt, dass aufgeklärt werden müsse, warum es diesmal keine Warnung vor der russischen Attacke gegeben habe.
Präsident: Hinterhältiger Angriff auf Kiew
Auch in der Vergangenheit war die ukrainische Hauptstadt schon von den schnellen ballistischen Raketen überrascht worden. Bürger hatten beklagt, dass kein Luftalarm ausgelöst worden sei. Selenskyj sprach nun von einem "hinterhältigen ballistischen Angriff auf Kiew - fünf Raketen, die zivile Infrastruktur trafen".
Selenskyj verurteilte auch den neuen russischen Angriff auf die ostukrainische Großstadt Charkiw, bei dem vier Menschen getötet worden seien. Dort sei ein gewöhnliches Wohnhaus zerstört worden; die Suche nach Verschütteten in den Trümmern dauere an, sagte er. "Insgesamt wurden an einem einzigen Abend allein in Charkiw 41 Menschen verletzt", teilte der Präsident weiter mit.
Selenskyj beklagte erneut, dass sich Russland nicht an die Aufforderung von US-Präsident Donald Trump zu einer Waffenruhe für Angriffe auf Energieanlagen halte. Kiew habe seit der Ankündigung der Feuerpause keine russischen Ölraffinerien oder andere Ziele im russischen Energiesektor angegriffen. "In dieser Zeit haben die Russen sowohl unsere Energieanlagen als auch unsere kritische Infrastruktur angegriffen", sagte Selenskyj. 19 Regionen seien betroffen.
