Politik

Beförderung nach Kiew? Selenskyj entlässt Botschafter Melnyk

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Andrij Melnyk Anfang Juni auf der Besuchertribüne des Deutschen Bundestags.

(Foto: picture alliance / photothek)

Der ukrainische Botschafter in Berlin verliert seinen Posten. Das geht aus einem Dekret des ukrainischen Präsidenten hervor. Der Vorgang sei "Teil diplomatischer Praxis". Bislang ist unklar, in welche Funktion Melnyk wechselt. Kürzlich hieß es, er könne ein wichtiges Amt in Kiew übernehmen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Andrij Melnyk als Botschafter der Ukraine in der Bundesrepublik Deutschland entlassen. Das geht aus einem Dekret Selenskyjs hervor, das vom Präsidialamt in Kiew veröffentlicht wurde. Melnyk, der seit 2015 für einen Botschafter ungewöhnlich lange im Amt war, wurde im Rahmen eines größeren Botschaftertauschs entlassen.

Selenskyj bezeichnete die Abberufung als normalen Vorgang. "Ich habe heute Dekrete über die Entlassung einiger Botschafter der Ukraine unterzeichnet. Diese Frage der Rotation ist ein üblicher Teil der diplomatischen Praxis", sagte er in einer Videobotschaft, ohne einen Botschafter namentlich zu nennen. "Für Tschechien, Deutschland, Ungarn, Norwegen und Indien werden neue Vertreter der Ukraine ernannt", sagte Selenskyj. Die Kandidaten würden vom Außenministerium vorbereitet.

Der Parlamentsabgeordnete Oleksij Hontscharenko, der zwar zur Opposition gehört, normalerweise jedoch gut informiert ist, wies auf seinem Telegram-Kanal auf einen Bericht der "Bild"-Zeitung hin, wonach der Melnyk als stellvertretender Außenminister nach Kiew wechseln könnte. "Wir warten auf die Bestätigung", so Hontscharenko. Die "Bild"-Zeitung hatte erst vor wenigen Tagen geschrieben, dass der aus dem westukrainischen Lwiw stammende 46-Jährige noch vor dem Herbst Berlin verlassen könnte. Die Zeitung zitiert einen ukrainischen Beamten mit den Worten, Melnyk werde "in Kiew sehr geschätzt für seine Arbeit".

Eklat um Äußerung zu Bandera

Dass der Wechsel so schnell kommt, ist durchaus überraschend. Melnyk ist in Deutschland zwar bekannter als in der Ukraine, aber auch in Kiew ein prominenter Diplomat. Zuletzt sorgte er für Schlagzeilen, als er sich im Interview mit dem Journalisten Tilo Jung über den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera geäußert hatte. Unter anderem hatte Melnyk behauptet, es gäbe keine Beweise für den Massenmord an Juden und Polen durch Anhänger Banderas im Zweiten Weltkrieg. Vorwürfe, er habe den Holocaust verharmlost, wies Melnyk zurück.

Stepan Bandera

Stepan Bandera war einer der wichtigsten Anführer der Organisation Ukrainischer Nationalisten, die 1929 in Wien gegründet wurde und einen unabhängigen ukrainischen Staat erkämpfen wollte. "Die Ideologie dieser Organisation war faschistisch, antisemitisch, antirussisch und antipolnisch", sagt die Historikerin Franziska Davies im Interview mit ntv.de. Milizen, die Bandera nahestanden, haben sich im Zweiten Weltkrieg an der Vernichtung der Juden beteiligt und waren verantwortlich für die Ermordung von 70.000 Polen 1943 und 1944 in Wolhynien. Davies weist darauf hin, dass die Ukraine erst seit den 1990er Jahren die Beteiligung am Holocaust aufarbeitet. Bandera sei in der Ukraine hoch umstritten.

Die Äußerungen des ukrainischen Botschafters führten unter anderem zu einem Telefonat zwischen den Außenministern Polens und der Ukraine, in dem die polnische Seite ihre Unzufriedenheit ausdrückte. Anschließend distanzierte sich das ukrainische Außenministerium von Melnyks Äußerungen. Möglicherweise hat dieser Vorgang die Abberufung des Diplomaten noch beschleunigt. Über Nachfolgekandidaturen für Melnyk ist vorerst nichts bekannt.

Melnyk hatte vor allem in der SPD mehrfach Verärgerung ausgelöst, weil er mit deutlichen Worten immer wieder eine stärkere Unterstützung seines Landes mit Waffen gefordert hatte. Die Ukraine wurde am 24. Februar von Russland überfallen, seither setzt sich das Land gegen die Invasionstruppen zur Wehr. Nach Einschätzung westlicher Beobachter ist sie dabei dringend auf westliche Hilfen angewiesen.

Quelle: ntv.de

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