Politik

Autobahnen, Schienen, HäfenSo zementiert Russland seinen Anspruch auf ukrainische Gebiete

30.03.2026, 19:37 Uhr 20240327-DSC-8255Von Lukas Wessling
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Russland steckt Millionen in Bauprojekte in den besetzen ukrainischen Gebieten. (Foto: picture alliance/dpa/TASS)

Satellitenbilder sprechen oft mehr als Worte. Im Süden und Osten der Ukraine zeigen sie, wie ernst Russland es mit seinen Herrschaftsansprüchen meint. Millionen hat Moskau dort bereits in den Ausbau von Straßen und Schienen gesteckt. Und offenbar gibt es auch einen Plan, wo das Geld dafür herkommen soll.

In den besetzten Gebieten im Süden und Osten der Ukraine wird gebaggert und gebaut. Die Nachrichtenagentur Reuters hat Tausende Satellitenbilder, offizielle russische Dokumente und Handelsdaten durchforstet. Das Ergebnis: Moskau stecke Hunderte Millionen Dollar in den "aggressiven Ausbau von Infrastruktur für Handel und Transport". Russland will so die "Wiedervereinigung" mit den besetzten Gebieten vorantreiben, organisiert mit den Bauprojekten aber auch den militärischen Nachschub für die Front neu.

In den Jahren von 2022 bis 2025 hat Russland 2500 Kilometer Eisenbahnstrecken, Landstraßen und Autobahnen neu angelegt, ausgebaut oder repariert. Zu diesem Schluss kommt die Reuters-Analyse. Mithilfe eines KI-Modells habe man große Mengen an Bildmaterial durchforstet und ausgewertet.

Den Umfang der russischen Arbeiten verdeutlichen auch Zahlen, die Reuters aus öffentlich zugänglichen Regierungsdokumenten gewonnen haben will: Seit dem Jahr 2024 hat Russland demnach 11,8 Milliarden Dollar für die Entwicklung der besetzten ukrainischen Gebiete bereitgestellt. Das sei ein Vielfaches der Summen, die in die Entwicklung strukturschwacher Regionen in Sibirien oder im Nordkaukasus fließen, schreibt die Nachrichtenagentur.

"Russland hat nicht die Absicht ..."

Für Beobachter zeigt das vor allem eins: Moskau richtet sich dauerhaft im Süden und Osten der Ukraine ein. "Wie Russland dort investiert, deutet darauf hin, dass es nicht die Absicht hat, diese Gebiete zurückzugeben", sagt die Sicherheitsexpertin Karolina Hird vom US-Thinktank "Institute for the Study of War" (ISW). Russland investiere massiv in die Industrie und Wirtschaft der besetzten Ukraine, um aus der Besatzung Profit zu schlagen. Das binde die besetzten Gebiete auch finanziell an Russland.

Moskau kontrolliert derzeit etwa ein Fünftel der Ukraine, darunter den Großteil der vier Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson. Laut der russischen Verfassung gelten sie bereits in ihrer Gänze zum Staatsgebiet der Russischen Föderation.

Russland zementiert mit dem Ausbau von Straßen und Gleisen seinen Anspruch auf die eroberten Gebiete. Es schafft Fakten aus Asphalt und Stahl. Das russische "Institut für räumliche Planung" (EIPP) schreibt in einer Mitteilung aus dem März 2023, die Schaffung eines zusammenhängenden Straßennetzes helfe unter anderem dabei, "die Integration der Regionen in den nationalen Raum der Russischen Föderation zu beschleunigen".

"Wiederbelebung unserer angestammten Gebiete"

Zentraler Teil der russischen Pläne ist die "Noworossija-Autobahn". Unter dem Begriff Noworossija (zu Deutsch Neurussland) fasst Moskau die ukrainischen Regionen zusammen, auf die es Anspruch erhebt. Die Autobahn soll als Teil des "Asowschen Rings" spätestens in vier Jahren auf einer Strecke von 1400 Kilometern um das Asowsche Meer herumführen. So soll die bereits 2014 von Russland eroberte Halbinsel Krim mit dem russischen Festland und den eroberten ukrainischen Gebieten verbunden werden.

Parallel dazu baut Russland eine Eisenbahnlinie, die über die russisch-ukrainische Grenze hinweg bis nach Melitopol in ukrainisches Territorium hineinragen soll. 525 Kilometer Schienenweg sind geplant.

Diese Bauvorhaben sind zentral für die wirtschaftliche Anbindung der eroberten Gebiete an Russland, sie würden deren "Investitionsattraktivität" steigern, heißt es von russischer Seite. Sie sollen aber auch den Tourismus voranbringen. Das Straßennetz werde die "wichtigsten Sehenswürdigkeiten der wiedervereinigten Regionen" miteinander verbinden, schreibt das russische Planungsinstitut und zählt auf: ein Naturschutzgebiet und ein Landschaftspark in Donezk, militärhistorische Gedenkstätten in Luhansk, Kurorte in Saporischschja und Seen in Cherson. Schon 2023 setzten Menschen in Russland auf die touristische Entwicklung der Region. Ein junger Mann aus Brjansk, einer russischen Stadt unweit der Grenze, berichtete ntv.de damals etwa, er suche nach einer Ferienwohnung im zerbombten Mariupol, "solange es noch billig ist".

Der russische Präsident Wladimir Putin spricht von einem "groß angelegten Programm zur sozioökonomischen Entwicklung". Im Wesentlichen sei es ein "Programm zur Wiederbelebung unserer angestammten, historischen russischen Gebiete". Die Ukraine weist die russischen Gebietsansprüche entschieden zurück. Präsident Wolodymyr Selenskyj stellte infrage, ob die Menschen in den besetzten Gebieten wirklich von den russischen Investitionen profitieren würden. Er verwies auf die seit 2014 besetzte Krim hin; die russischen Bauprojekte dort seien eine "Fassade", die vor allem militärischen Zwecken diene.

Denn neben Handelsgütern und Personen werden natürlich ebenso Waffen und anderes Militärgerät über die reparierten und ausgebauten Straßen und Schienen im Osten und Süden der Ukraine bewegt. Für Russlands Armee sei der wichtigste Faktor die Infrastruktur, sagte ein Vertreter des ukrainischen Militärgeheimdienstes.

Russland verkauft tonnenweise ukrainische Kohle

Laut russischen Behörden bietet die geplante neue Autobahn einen entscheidenden Vorteil: Sie ermögliche es, die Krimbrücke zu umgehen. Die hatte sich in den vergangenen Jahren als wunder Punkt der russischen Militärinfrastruktur erwiesen - immer wieder konnte die Ukraine die Krimbrücke angreifen und so die russische Armee von Nachschub abschneiden. Auch die Eisenbahnlinie dürfte dem Militär nutzen. Als Putin ihren Bau 2023 in einer Rede ankündigte, sagte er, die russische Eisenbahn sei essenziell für den Krieg in der Ukraine: Sie gewährleiste zuverlässig militärische Transporte und versorge Rüstungsunternehmen mit allen nötigen Rohstoffen und Komponenten.

Bleibt die Frage: Wie finanziert das kriegsgebeutelte Russland seine Bauvorhaben? Der russische Staatshaushalt hat mit westlichen Sanktionen zu kämpfen, leidet unter sinkenden Einnahmen aus Öl- und Gasexporten sowie einer schwächelnden Konjunktur. Ein Teil der Antwort scheint zu sein: Russland finanziert seine Investitionen im Süden und Osten der Ukraine unter anderem mit ukrainischen Bodenschätzen und hofft auf steigende Erträge in der Zukunft.

Russische Zolldaten zeigen, dass zwischen März 2022 und März 2025 mindestens 508.500 Tonnen Kohle im Wert von 13,2 Millionen US-Dollar aus den besetzten Regionen exportiert wurden. Käufer waren unter anderem Unternehmen in der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Der russische Staat versteigert zudem Minen und Agrarflächen in den besetzen Gebieten. Darunter befindet sich etwa die Goldmine Bobrykivske in der Region Luhansk. Ihr Goldvorkommen von rund 1,64 Tonnen hat einen geschätzten Marktwert von fast 260 Millionen Dollar. Die Abbaurechte wurden laut Verkaufsunterlagen für 9,7 Millionen Dollar an ein Unternehmen vergeben, das vom russischen Bergbaukonzern Polyanka kontrolliert wird.

In den Regionen Donezk und Luhansk liegen riesige Kohle- und Metallerzvorkommen, sie sind reich an Lithium, Uran, Titan und seltenen Erden. Dieser Reichtum hatte vor einem Jahr das Interesse des US-Präsidenten Donald Trump geweckt, der damals ein Abkommen mit Kiew unterzeichnete, das den USA erlaubt, Vorkommen in der Ukraine auszubeuten.

Moskau treibt neben dem Ausbau des Straßen- und Schienennetzes folgerichtig die Anbindung der eroberten Gebiete auch über den Seeweg voran: Die Häfen in Mariupol und Berdjansk werden ausgebaut und wieder für den internationalen Schiffsverkehr geöffnet. Satellitenbilder zeigen neue Lagerhallen und wachsende Umschlagplätze.

Quelle: ntv.de, mit rts

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