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Kanzlerkandidaten der SPD Steinbrück muss Schulz eine Lehre sein

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Kanzlerkandidaten unter sich: Steinbrück und Schulz.

(Foto: imago stock&people)

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz wird in diesen Tagen häufig mit Peer Steinbrück verglichen. Zwischen beiden Männern gibt es Parallelen - was nicht bedeutet, dass Schulz' Kampagne ebenfalls scheitern muss.

Was Martin Schulz tat, als Sigmar Gabriel ihm die Kanzlerkandidatur anbot? Nach eigenen Angaben rief er seine Frau an und holte sich ihr Okay, bevor er zusagte. Das unterscheidet Schulz von Vorgänger Peer Steinbrück, der seine Ehefrau vor vier Jahren vor vollendete Tatsachen gestellt haben soll. Mit Steinbrück selbst wird sich Schulz wohl kaum besprochen haben. Dieser hätte ihm womöglich eher von einer Kandidatur abgeraten. Steinbrück bezeichnete seine Kanzlerkandidatur bei der Bundestagswahl 2013 später als Fehler. In seinem Buch "Vertagte Zukunft" zog er das Resümee: Selbst 20 Jahre Erfahrung hätten nicht ausgereicht, "um sich die Härten eines solchen Zweikampfs vorzustellen". Schulz und Steinbrück – in diesen Tagen schreiben viele Medien über die Gemeinsamkeiten der beiden SPD-Kanzlerkandidaten, dabei gibt es auch markante Unterschiede.

Die schlechte Ausgangssituation

Steinbrück und Schulz haben eine viel schlechtere Ausgangsposition als fast alle SPD-Kanzlerkandidaten vor ihnen. Beide starten mit einem großen Rückstand auf die Union und einer mangelhaften Machtoption. Steinbrück setzte 2013 auf Rot-Grün, ohne Aussicht auf Erfolg. Eine Koalition mit den Linken, die einzige Möglichkeit, den Kanzler zu stellen, lehnte er ab. Und Schulz? Auch jetzt gibt es keine Umfrage, in der eine von der SPD geführte Koalition eine Mehrheit hat. Auf mögliche Konstellation angesprochen, sagt Schulz: "Wir wollen das Land führen und den Kanzler stellen, in welcher Konstellation auch immer." Wie vor vier Jahren steht die SPD vor der Schwierigkeit, aus der gemeinsamen Bundesregierung Wahlkampf gegen die Kanzlerin führen zu müssen. Am Ende könnte ihr erneut keine andere Möglichkeit bleiben, wieder als Juniorpartner in eine Große Koalition zu gehen.

Die Sturzgeburt

Die Kür beider Kandidaten verlief chaotisch. Ende September 2012 rief die SPD Steinbrück kurzerhand zum Spitzenkandidaten aus, nachdem Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit Journalisten seinen Verzicht angedeutet hatte. Steinbrück hatte in den ersten Monaten stark damit zu kämpfen, dass kein ausgearbeitetes Kandidaten-Drehbuch bereit lag. Vier Jahre später rechneten die meisten in der SPD bis zum Schluss damit, dass Gabriel antritt. Die Partei erfuhr schließlich aus den Medien von dessen Rückzieher, Schulz wusste nur einige Tage länger Bescheid. Wie sein Vorgänger steht er nun vor der Schwierigkeit, innerhalb kurzer Zeit eine Kampagnenstrategie entwickeln zu müssen. Ein Unterschied: Die Schulz-Kür markiert die krassere Zäsur, übernimmt er parallel doch auch den Parteivorsitz und beendet damit die siebeneinhalbjährige Ära Gabriel. Die Hausmacht in der SPD-Zentrale könnte helfen, einen guten Wahlkampf auf die Beine zu stellen. Die schlechte Abstimmung zwischen Kandidat und Parteichef war vor vier Jahren eine der größten Schwierigkeiten.

Der Hoffnungsträger

Steinbrück war 2013 Hoffnungsträger, Schulz ist es heute. Auch Steinbrück verdankte die Kandidatur seinen glänzenden Beliebtheitswerten. Als er im September 2012 antrat, lag die SPD bei den Meinungsforschern zwischen 27 und 30 Prozent. Anschließend legte die Partei nur kurz etwas zu. Nach seinen Äußerungen zum Beispiel über das Kanzlergehalt sank Steinbrücks Popularität rasch. Auch Schulz erhielt vor allem deshalb den Vorzug, weil er bei den Deutschen wesentlich beliebter ist als SPD-Chef Sigmar Gabriel. Dennoch gibt es Unterschiede. Schulz' Zugkraft ist offensichtlich größer als Steinbrücks, auch weil er in der eigenen Partei weit weniger umstritten ist. Bei den Meinungsforschungsinstituten Forsa und Insa legte die SPD auf Anhieb jeweils fünf Punkte zu. Bei Infratest Dimap kletterte sie sogar um acht, der Rückstand verkürzte sich von siebzehn auf sechs Punkte. Bei der Direktwahl-Umfrage zog Schulz sogar an Merkel vorbei. Offenbar wünschen sich viele Deutsche nach zwölf Jahren einen Wechsel. Seit seiner Kür vor gut einer Woche vermeldet die SPD mehr als 3000 neue Mitglieder; Schulz löst einen Begeisterungssturm aus. Die Frage ist nur, wie lange er anhält.

Der Gegner

Steinbrück kämpfte 2013 ohne jegliche Wechselstimmung im Rücken und gegen eine fast übermächtige Gegnerin. Vor allem die Popularität von Angela Merkel sicherte der Union bei der Wahl starke 41,5 Prozent. Seitdem hat sich die Lage deutlich verändert. Merkels Beliebtheit in der Bevölkerung hat gelitten. Auch intern ist ihr Zuspruch nicht sehr groß. Bis heute fremdelt ein Teil der Union mit der Flüchtlingspolitik Merkels, die CSU ließ lange offen, sie als Spitzenkandidatin zu unterstützen. Die Schwesterparteien ziehen wenig harmonisch in den Wahlkampf, die SPD hingegen tritt geschlossen auf - einer von mehreren Vorteilen für Schulz. Ein weiterer Unterschied: Vor vier Jahren zettelten Unionspolitiker eine Debatte um die hohen Nebenverdienste Steinbrücks an, die dem Kandidaten schadete. Heute wirken CDU und CSU einigermaßen verdutzt über die Schulz-Kür. Hinter vorgehaltener Hand wird der "geniale" Schachzug sogar gelobt.

Das lockere Mundwerk

Martin Schulz wird in nächsten Wochen alles daran setzen, einen besseren Start hinzulegen als Steinbrück. Dabei muss er aufpassen. Mit Steinbrück verbindet ihn nämlich nicht nur die starke Rhetorik, sondern auch das Faible für flotte Sprüche. In dieser Hinsicht dürfte sein Vorgänger warnendes Beispiel sein, das zeigt: Im Alltag eines Kanzlerkandidaten warten allerorts Fallstricke. Jede Äußerung wird auf ihr Angriffspotenzial hin untersucht, Nichtigkeiten können schnell zum Skandal aufgeblasen werden. Steinbrück geriet innerhalb kürzester Zeit in eine Art Dauer-Rechtfertigungsmodus. Spätestens nachdem er bei einer Veranstaltung, auf die Belastungen des Wahlkampfes angesprochen, in Tränen ausbrach, konnte man fast Mitleid mit ihm haben. Anschließend gelang Steinbrück es nicht mehr, sich als aussichtsreiche Alternative zu Merkel in Stellung zu bringen. Für Schulz wird dies ein schwieriger Spagat. Als Herausforderer muss er frech sein, ohne Polarisierung geht es nicht. Vielleicht meldet er sich doch mal bei Steinbrück, möglicherweise hält dieser den einen oder anderen Ratschlag für ihn bereit.

Quelle: n-tv.de

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