Politik

"Corona ist ein Arschloch" Steinmeier gibt Covid-Genesenen eine Stimme

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Steinmeier im Gespräch mit Joachim Huber, der fünf Wochen im Koma lag.

(Foto: dpa)

Politiker, Virologen, Lehrer und Corona-Kritiker - sie alle melden sich während der Krise zu Wort. Mal laut, mal leise. Nun lädt der Bundespräsident fünf ehemalige Covid-19-Erkrankte ins Schloss Bellevue ein, um ihre Sicht auf die Dinge zu erfahren. Und um ihnen eine Stimme zu geben.

Joachim Huber ist vor allem glücklich, dass er niemanden angesteckt hat. Niemanden aus seiner Familie und auch sonst niemanden. Wenigstens das. Sonst kann der 62-jährige Journalist aus Berlin den vergangenen Monaten, seit er sich im März mit dem Coronavirus infiziert hat, nichts Gutes abgewinnen. Gar nichts. Joachim Huber sitzt an diesem grauen Novembertag neben dem Bundespräsidenten im Schloss Bellevue und sagt: "Corona ist ein Arschloch." Einfach so. Und jeder, der ihm zuhört, wie er seine Krankheitsgeschichte erzählt, kann ihm diese drastische Wortwahl nicht verübeln. Im Gegenteil, am Ende kann man ihn verstehen.

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Joachim Huber leidet bis heute an den Spätfolgen seiner Erkrankung.

(Foto: Heike Boese, ntv)

Staatsoberhaupt Frank-Walter Steinmeier hat fünf ehemalige Covid-19-Patienten, die inzwischen wieder gesund sind, eingeladen, um die Corona-Krise mal aus ihrer Warte zu betrachten: Neben dem 62-jährigen Huber sind das eine 31-jährige Yoga-Lehrerin, ein 46-jähriger Lungenarzt, eine 26-jährige Mitarbeiterin des Technischen Hilfswerks und ein 20-jähriger Popsänger. Drei der ehemaligen Patienten sind per Video aus ihren Heimatorten zugeschaltet.

Sie alle hatte der Coronavirus erwischt, aber vor allem Joachim Huber hatte es regelrecht aus den Schuhen gehauen. Ärzte sprechen in so einem Fall von einem "besonders schweren Verlauf". Er selbst sagt, "es begann mit Fieber und Kurzatmigkeit und endete in einer furchtbaren Tortur". Insgesamt fünf Wochen lag Huber im Koma, er musste beatmet werden, seine Nieren versagten, am Ende hatte er sogar einen Herzinfarkt. Als er wieder wach wurde, konnte er sich so gut wie nicht mehr bewegen, weil sich seine Muskeln beinahe komplett zurückgebildet haben. "Wenn ich etwas trinken oder essen wollte, musste ich auf einen Pfleger warten, der mich aufgerichtet hat. Es ging nichts mehr. Die Muskeln bilden sich zurück, wie Butter in der Sonne schmilzt."

"Die schweren Verläufe nehmen zu"

Obwohl er inzwischen wieder angefangen hat zu arbeiten, ist er noch lange nicht wieder vollständig hergestellt. Am linken Bein trägt er eine Orthese, weil der Fuß noch taub ist und einfach nicht macht, was er soll. "Da könnte sogar eine Teppichkante zu einem Hindernis werden, mindestens aber zu einer schlimmen Stolperfalle." Aber Joachim Huber will unbedingt wieder tanzen, spätestens im kommenden März, ein Jahr nach seiner Erkrankung, soll es so weit sein. Deswegen nutzt er konsequent jedes Reha-Angebot. Jetzt, da sein Fitnessstudio geschlossen ist, trainiert er mit Youtube-Videos zu Hause. Jeden Tag.

Wenn er davon erzählt, wirkt das sehr diszipliniert. Seinen Körper, seine Muskeln kann er trainieren. Albträume, die ihn bis heute quälen, hat er nicht unter Kontrolle. Im Schlimmsten träumt er, dass sein Schwiegervater gestorben ist. So realistisch, dass er sogar seiner Frau kondoliert habe. Die Eindrücke, die diese Krankheit bei ihm hinterlassen hat, müssen so dramatisch sein, dass er Menschen, die Corona leugnen, die Gefahr herunterspielen oder sich und damit auch andere bewusst gefährden, auffordert, im Fall der Fälle auf eine Behandlung zu verzichten. "Warum sollten die sich gegen eine Krankheit behandeln lassen, die es ihrer Auffassung nach gar nicht gibt?"

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Einige der ehemaligen Patienten waren per Video zugeschaltet.

(Foto: dpa)

Dr. Heinz-Wilhelm Esser ist Lungenarzt und leitet die Pneumologie am Sana-Klinikum in Remscheid. Er war selbst mit dem Coronavirus infiziert und kann verstehen, wenn jemand solche Gedanken wie Joachim Huber hat, wenngleich für ihn als Arzt derlei Überlegungen tabu sind. Der 46-jährige Mediziner macht sich aktuell große Sorgen, weil die Covid-19-Patienten "immer jünger werden und die schweren Verläufe zunehmen". Noch habe man die Situation unter Kontrolle, aber das könne sich jederzeit ändern.

Trotzdem sagt der Arzt, dass die Versorgung der Patienten sehr gut sei. "Wenn man sich mit Corona infiziert, dann wenigstens in Deutschland." Aber auch bei uns sterben täglich Corona-Infizierte. Vor diesem Hintergrund macht es den Mediziner fassungslos, wie man das Virus herunterspielen, verharmlosen oder gar leugnen könne. Diese Menschen würde er "gern mal einladen auf eine meiner Covid-Stationen". Wer einmal erlebt habe, wie die Patienten isoliert, abgeschieden, manchmal ganz allein sterben, dem vergehe die Unterstellung, das alles sei nur eine große Verschwörung, sagt er.

Schweißausbrüche und Panikattacken

Auch Nadja Alzner kämpft noch immer mit den Spätfolgen der Corona-Infektion. Die Yoga-Lehrerin ist 31 Jahre alt und hat keine Vorerkrankungen. Damit ist sie weit weg von einer Risikogruppe und ist trotzdem erkrankt, nicht so schwer wie Joachim Huber, aber auch mit schlimmen Symptomen. "Ich konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr schlucken und musste mir ein Notizbüchlein besorgen. So habe ich mit meinem Freund kommuniziert." Sie litt unter nächtlichen Schweißausbrüchen und Panikattacken. Wie so viele andere Corona-Patienten konnte sie nichts mehr schmecken, nichts riechen. "Wir haben Knoblauch in eine Zitrone gedrückt - nichts. Da war einfach nichts." Inzwischen kommt der Geschmackssinn zurück, aber er habe sich verändert.

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Konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr schlucken: Nadja Alzner.

(Foto: Heike Boese, ntv)

Der Bundespräsident hat sich während der Pandemie schon mehrfach zu Wort gemeldet, aber er weiß auch, dass er mit einer Fernsehansprache jüngere Menschen kaum erreicht. Deshalb ist Steinmeier froh, dass Mike Singer per Videozuschaltung dabei ist. Der 20-jährige Musiker, künftiges Jurymitglied der RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar", hatte im Sommer seine Corona-Erkrankung öffentlich gemacht. Auf Instagram hat er 1,4 Millionen Follower. Diese Reichweite nutzt er, um an seine Fans zu appellieren, die Vorsichtsmaßnahmen ernst zu nehmen. "Ich hatte niemals damit gerechnet, dass ich mich anstecken könnte." Singer sagt, dass er "so ein Familienmensch sei" und vor allem seine Großeltern nicht gefährden wollte, deshalb habe er sich damals isoliert. Als der Bundespräsident ihn fragt, was die Politik tun kann, um Künstlern wie ihm zu helfen, antwortet Singer: "Mir geht's gut, weil ich breit aufgestellt bin. Aber meinem Team geht's scheiße. Meinen Bühnenbauern oder den Soundtechnikern, denen geht es schlecht. Die brauchen Hilfe."

Alle, die an diesem Tag mit dem Bundespräsidenten diskutieren, reagieren fassungslos und wütend, als die Diskussion auf die Demonstration von Corona-Kritikern am vergangenen Samstag in Leipzig kommt. Steinmeier betont zwar, das Demonstrationsrecht sei ein hohes Gut, sagt aber auch: "Rücksichtslosigkeit ist kein Freiheitsrecht … - … wo einige Zehntausend Menschen die Auflagen missachten, die Regeln verspotten und weder auf Abstand achten noch Masken tragen, da werden Grenzen überschritten." Die Gesellschaft müsse sich über Mittel und Wege der Pandemiebekämpfung öffentlich auseinandersetzen. Demonstrationen müssten möglich sein. "Aber die Demonstrationsfreiheit ist nicht die Freiheit zur Gefährdung anderer. Wer sich nicht an die Regeln hält, ignoriert, dass er andere Menschen einem Risiko aussetzt. Es geht eben nicht nur um die Freiheit ohne Maske. Sondern es geht auch um die Freiheit von anderen."

Quelle: ntv.de