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Schlampige Ermittlungsarbeit? Suizid eines NSU-Zeugen wird neu aufgerollt

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Im September 2013 wurde der ausgebrannte Wagen von Florian H. von der Polizei untersucht - offenbar nicht gründlich genug, wie neu aufgetauchte Fundstücke beweisen sollen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Florian H. will Erkenntnisse über den Tod der Polizistin Michèle Kiesewetter haben. Doch kurz vor einem Treffen mit der Polizei stirbt er. Die Beamten sprechen von Selbstmord, waren bei der Ermittlung aber offenbar nachlässig.

Wolfgang Drexler, der Vorsitzende des Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss, hat in die Landtagsverwaltung Baden-Württemberg eingeladen. Für viele Journalisten liest sich die Einladung wie die übliche Routine: ein paar Infos zu den nächsten Terminen, mehr nicht. Doch es kommt ganz anders - die wenigen Medienvertreter bekommen neue, brisante Details präsentiert: Bei der Untersuchung des Autowracks von Florian H., einem möglicherweise wichtigen Zeugen im NSU-Mordprozess, der vor anderthalb Jahren in seinem Auto in Stuttgart verbrannte, übersahen die Ermittler der Kriminaltechnik offenkundig eine Machete, eine Pistole und ein Schlüsselbund. Der Vorsitzende ist fassungslos - denn bisher galt der Tod des jungen Mannes als Suizid.

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Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler ist fassungslos über die jetzt aufgetauchten Fundstücke.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der 21 Jahre alte Neonazi-Aussteiger Florian H. hatte offenbar Erkenntnisse über ein Treffen zwischen dem NSU und der Neoschutzstaffel in Öhringen, östlich von Heilbronn. In Heilbronn war die Polizistin Michèle Kiesewetter im Jahr 2007 ermordet worden. Die Bundesanwaltschaft beschuldigt die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, den Mord begangen zu haben. Der Fall Florian H. könnte der Schlüssel sein, zu dem bisher völlig mysteriösen Mord und zu möglichen Verbindungen zwischen der Polizei und der rechten Szene in der Region.

Die Gegenstände, die SPD-Politiker Drexler nun in der Landtagsverwaltung präsentiert hat, sollen aus dem dunklen Peugeot stammen, in dem der 21-Jährige am 16. September 2013 verbrannte. Der Untersuchungsausschuss hat mit den nun entdeckten Gegenständen eklatante Mängel in der Polizeiarbeit offengelegt. Denn die Machete, die Pistole und der Schlüsselbund, der laut "Spiegel" hinter dem Rücksitz gelegen haben soll, wurden jetzt erst, nach anderthalb Jahren, im Wrack gefunden - und das nicht von der Polizei.

Schwester findet den Schlüssel

Entdeckt wurden die Gegenstände – zu denen auch noch ein Feuerzeug, zwei Mobiltelefone, der Deckel eines Tankkanisters und Tablettenhüllen eines Schmerzmittels gehören – von der Schwester des verbrannten Opfers, Tatjana. Die Familie hatte das ausgebrannte Wrack nach Abschluss der kriminaltechnischen Untersuchung abgeholt und bei Freunden untergestellt.

Die erneute Untersuchung des Wagens, die laut einem Bericht der "Stuttgarter Zeitung" mit dem Untersuchungsausschuss abgestimmt war, hat sich gelohnt. Die Schwester des möglichen NSU-Zeugen konnte Drexler Anfang der Woche die zahlreichen Fundstücke, die die Polizei entweder übersehen oder nicht protokolliert hatte, übergeben.

"Das muss uns die Polizei erklären"

"Wir können uns keinen Reim darauf machen, warum die Polizei diese Gegenstände nicht gefunden hat", wird der Ausschussvorsitzende im "Spiegel" zitiert. "Das muss uns die Polizei erklären." Drexler und seine Mitarbeiter seien demnach "völlig erstaunt" gewesen, dass die Gegenstände nun plötzlich auftauchten. Offenbar, so heißt es in dem Bericht weiter, sei die Polizei nur den Belegen für einen Suizid von H. nachgegangen. "Alles andere hat sie nicht interessiert."

Doch was die Polizei für die Todesursache von Florian H. vermutet, wird von der Familie des jungen Mannes bestritten. Sie ist sich sicher, dass der damals 21-Jährige nach seiner Abkehr vom rechten Lager wegen Insiderkenntnisse von ehemaligen Weggefährten unter Druck gesetzt und womöglich umgebracht worden ist. Doch gerät diese Theorie nun ins Wanken. Denn das Fehlen des Schlüssels war das wichtigste Indiz auf eine "Fremdeinwirkung". Sein Vorhandensein stützt eher die These vom Suizid. Der Fall wird neu aufgerollt.

Im Zuge der neuen Ermittlungen um den Tod von Florian H. könnte ein Kriminalkommissar aus Baden-Württemberg eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Der Ermittler Jörg B., der der Familie die Todesnachricht des jungen Mannes überbracht hat, soll zusammen mit einem weiteren Kollegen Kontakte zum deutschen Ableger des Ku-Klux-Klans gehabt haben. Das jedenfalls berichtet das "Schwäbische Tagblatt". Und damit die ohnehin schon sehr verwirrende Geschichte noch bizarrer wird, heißt es in dem Bericht weiter, dass einer der beiden Polizisten später Gruppenführer der in Heilbronn getöteten Kiesewetter gewesen sei.

Quelle: ntv.de