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"Revolution in der Medizin" TK führt elektronische Patientenakte ein

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Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse, präsentierte die App zum Start der ersten "Elektronischen Gesundheitsakte".

(Foto: picture alliance / Wolfgang Kumm)

Versicherte der Techniker Krankenkasse können in Zukunft Impfungen, Medikamente und Röntgenbilder in einer elektronischen Patientenakte speichern. Branche und Politik sehen darin einen großen Fortschritt. Experten mahnen einheitliche Standards an.

Versicherte der Techniker Krankenkassen (TK) können Gesundheitsdaten wie Impfungen, verschriebene Medikamente, Diagnosen oder Röntgenbilder künftig in einer elektronischen Patientenakte speichern. Es sei ausschließlich Sache der Versicherten, was dort abgelegt werde und wer Zugriff auf die Informationen erhalte, erklärte TK-Chef Jens Baas bei der Vorstellung der geplanten elektronischen Gesundheitsakte in Berlin.

Die TK ist nach eigenen Angaben die erste Kasse, die bundesweit solch eine elektronische Akte einführt. Zuvor lief die gemeinsam mit dem Technologieunternehmen IBM Deutschland entwickelte Anwendung erfolgreich im Testbetrieb. Bislang liegen medizinische Daten dezentral bei Ärzten, Krankenhäusern, Therapeuten oder Krankenkassen. Die Patienten haben keinen direkten Zugriff auf ihre eigenen Daten und müssen Röntgenbilder und Laborwerte bei verschiedenen Ärzten abfragen.

Künftig sollen die Versicherten mit ihrem Smartphone über die TK-App jederzeit auf den digitalen Datentresor zugreifen können. Sie können alle relevanten Daten, die der TK vorliegen, in ihre Akte laden. Dazu zählen beispielsweise Impfungen, verschreibungspflichtige Medikamente oder sämtliche Arztbesuche einschließlich der Diagnosen.

Daten als kryptische Zahlenkolonnen

Die elektronische Akte kann zudem manuell ergänzt werden. So können auch freiverkäufliche Medikamente per Barcodescanner hinzugefügt oder Arztbriefe und Röntgenbilder hochgeladen werden. Auch die Daten von Krankenhausaufenthalten sollen künftig gespeichert werden können. Dazu schließt die Kasse Kooperationsverträge mit Kliniken.

Die Daten sind demnach dreifach gesichert und können ausschließlich auf einem registrierten Smartphone mit dem persönlichen Passwort innerhalb der TK-App eingesehen werden. Gleichzeitig werden die Daten von Ende zu Ende verschlüsselt, so dass ausschließlich der Nutzer die entschlüsselten Informationen sehen kann. Außerhalb des Smartphones werden die Daten in kryptische Zahlenkolonnen umgewandelt.

Gespeichert werden die Daten auf Servern in Deutschland. Bei einem Kassen- oder Arztwechsel bleiben sie weiterhin beim Versicherten. "Es geht hier schließlich nicht um ein Modellprojekt für wenige tausend, sondern um ein zukünftiges digitales Versorgungstool für mehr als zehn Millionen Menschen", erklärte Matthias Hartmann, Chef von IBM Deutschland. Baas erklärte, die Zusammenführung und Analyse von Gesundheitsdaten sei "die nächste große Revolution in der Medizin". "Das reine Vorhalten von Daten bietet keinen Mehrwert, wir müssen aus ihnen Informationen machen, damit sie unseren Versicherten nutzen."

Bundesamt für Digitales gefordert

Patientenschützer und die Verbraucherzentralen pochen auf hohe einheitliche Standards bei neuen digitalen Anwendungen mit Gesundheitsdaten. Das Nutzen einer elektronischen Patientenakte müsse kostenfrei und freiwillig sein, sagte der Gesundheitsexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), Kai Vogel, der Deutschen Presse-Agentur. "Jeder Patient muss die Hoheit über seine Daten behalten."

Union und SPD planen im Zuge der Fortentwicklung der elektronischen Gesundheitskarte den Aufbau einer "elektronischen Patientenakte" bis zum Jahr 2021. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bezeichnete diese als "Schlüsselfunktion". Der CDU-Politiker will die elektronische Gesundheitskarte, die eigentlich schon vor über zehn Jahren mit ihren Anwendungen zur Verfügung stehen sollte, in den nächsten dreieinhalb Jahren massiv vorantreiben.

Zur Digitalisierung im Gesundheitswesen hat Spahn extra eine Abteilung im Gesundheitsministerium geschaffen. Allerdings hat der CDU-Politiker auch betont, dass er keine "Insellösungen" möchte, die nicht auf andere Kassen übertragbar sind. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz betonte, nur der Staat könne höchste Sicherheitsstandards garantieren. Spahn solle daher ein Bundesamt für die Digitalisierung im Gesundheitswesen schaffen, sagte Vorstand Eugen Brysch. Ein Wildwuchs unterschiedlicher Anbieter werde diesem Anspruch nicht gerecht.

Quelle: n-tv.de, fzö/AFP/rts/dpa

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