Politik

Islamisten auf dem Vormarsch Taliban-Attacken erschüttern Afghanistan

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Ein Mitglied der afghanischen Sicherheitskräfte in einem Gefecht mit den Taliban in der Provinz Kandahar.

(Foto: imago images/Xinhua)

Die NATO-Truppen ziehen sich zurück, die USA wollen Afghanistan bis zum 11. September verlassen haben. Derweil häufen sich die Meldungen von Gebietsgewinnen der radikal-islamistischen Taliban. Die Sicherheitskräfte geben Bezirk um Bezirk auf.

Diesmal ist von zehn getöteten Minenräumern die Rede. Die Einheit der britisch-amerikanischen Organisation Halo Trust soll im Norden Afghanistans, in der Provinz Baghlan, überfallen worden sein. Laut Halo Trust war eine "unbekannte, bewaffnete Gruppe" am Dienstagabend (Ortszeit) in ein Camp eingedrungen und hatte das Feuer eröffnet. Bisher bekannte sich niemand zu dem Vorfall. Während das afghanische Innenministerium die militant-islamistischen Taliban beschuldigte, erklärten die Islamisten auf Twitter, sie hätten mit dem Vorfall nichts zu tun. Baghlan war in den vergangenen Monaten wiederholt zum Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen den Terroristen und Regierungstruppen geworden.

Nicht nur im Norden, sondern im gesamten Land hat die Gewalt zuletzt stark zugenommen. Beobachter warnen, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan nach dem angekündigten vollständigen Abzug der US- und anderer NATO-Truppen noch verschlechtern könnte. Hinweise darauf gibt es viele, und anders als nun in Baghlan sind die Taliban bei zahlreichen Gewaltausbrüchen eindeutig die treibende Kraft dahinter.

So auch am Dienstag, als erneut Bezirkseroberungen der militant-islamistischen Gruppe bekannt wurden. Nach Angaben von Provinzräten handelte es sich um Daulatabad in der Provinz Fariab im Norden des Landes und Dschaghatu in der südöstlichen Provinz Gasni. Damit sind seit Beginn des Abzugs der westlichen Streitkräfte am 1. Mai 11 der rund 400 Bezirke in den 34 afghanischen Provinzen an die Islamisten gefallen. Zum Vergleich: Einem UN-Bericht zufolge konnten die Taliban im gesamten Vorjahr fünf Bezirkszentren erobern, vier davon wurden binnen weniger Tage von der Regierung zurückerobert. Laut dem UN-Bericht kontrollieren oder kämpfen die Taliban um die Kontrolle von geschätzten 50 bis 70 Prozent des Territoriums des Landes außerhalb der Städte.

Rückzug nach tagelangen Kämpfen

Die Kräfteverhältnisse scheinen sich zu ändern. Es ist unklar, wie sehr die ausländischen Truppen die Sicherheitskräfte der Regierung noch unterstützen. Der Bezirk Daulatabad sei bereits länger von den Taliban belagert worden, berichten die Provinzräte. Vergangene Woche allerdings hätten die Islamisten den Belagerungsring enger gezogen und die Sicherheitskräfte im Bezirkszentrum nicht mehr versorgt werden können. Polizei- und Armeekräfte seien in der Nacht auf Dienstag schließlich in einen Nachbarbezirk geflohen. Aus Dschaghatu hätten sich die Sicherheitskräfte nach rund drei Tagen Kämpfen zurückgezogen, sagten Parlamentarier. Insgesamt seien nun zehn der 18 Bezirke der Provinz unter Taliban-Kontrolle. Mindestens zwei weitere Bezirke stünden kurz vor dem Fall, sollten die Kräfte dort keinen Nachschub erhalten, warnten Behördenvertreter.

Die Situation sei mittlerweile sehr komplex, sagte Provinzrat Fasel Hak Mohammadi aus Daulatabad. Die Soldaten würden die Befehle ihrer Kommandeure nicht mehr befolgen, sie hätten ihre Moral verloren. Wie im Bezirk Kaisar, der am Montag an die Taliban gefallen war, hätten die Kräfte keine der angeforderten Unterstützungen bekommen. Vielerorts scheint die Regierung des Landes den radikalen Islamisten militärisch nicht mehr Herr zu werden. Der Gouverneur der Provinz Badghis machte die Taliban zuletzt für einen Autobombenanschlag verantwortlich, bei dem elf Zivilisten getötet wurden, darunter drei Kindern.

"Taliban wollen den militärischen Druck hochhalten"

Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network bemerkt das aktuelle Tempo der Angriffe. "Die Eroberung von mehreren Distrikten in wenigen Tagen hat es lange nicht gegeben", sagt er. "Die Taliban wollen den militärischen Druck hochhalten, die Regierungstruppen beschäftigen und vielleicht auch durch Überlastung demoralisieren." Für die Regierung seien die Übernahme der Bezirkszentren - die Gebiete rund um diese seien ja meist schon lange in der Hand der Taliban - Kontroll- und Souveränitätsverluste. Noch aber handle es sich eher um periphere Gebiete.

Ruttig will daher noch keinen "großen Marsch" der Taliban an die Macht erkennen. Bezirkszentren würden immer wieder auch zurückerobert. Für signifikante militärische Fortschritte ginge es eher um Provinzhauptstädte. Ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums sagt, es gebe einen Plan, die Bedrohungen zu beseitigen. In den jüngst verlorenen Gebieten werde sich die Situation sehr bald normalisieren. Unklar ist, ob die USA und andere NATO-Truppen zu einer solchen Normalisierung noch viel beitragen. Sie sind damit beschäftigt, Material aus dem Land zu schaffen oder - zum Ärgernis vieler Afghanen - vor Ort zu vernichten.

US-Präsident Joe Biden hat einen vollständigen Truppenabzug aus Afghanistan bis spätestens 11. September angekündigt, dem 20. Jahrestag der Terroranschläge von New York und Washington, die Ausgangspunkt der US-Intervention in Afghanistan waren. Die US-Armee hat bereits mehrere Militärstützpunkte an die afghanischen Streitkräfte übergeben. US-Angaben zufolge ist der Abzug des Militärs etwa zur Hälfte abgeschlossen.

Quelle: ntv.de, mbe/AFP/dpa

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