Politik

Vormarsch in Afghanistan Taliban: Kontrollieren 85 Prozent des Landes

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Der wichtige Übergang Islam Kala zum Iran ist nun in der Hand der Taliban (Archivbild von 2019).

(Foto: AP)

Die Taliban haben nach eigenen Angaben 85 Prozent Afghanistans erobert. Dazu gehören auch immer mehr wichtige Grenzübergänge. Die Nervosität bei den Nachbarn steigt. Doch in Moskau versichern die Radikalislamisten, dass die Kämpfe nicht über die Grenze hinaus ausgeweitet würden.

Seit dem Beginn des Abzugs aller NATO-Truppen Ende April haben die radikalislamischen Taliban nach eigenen Angaben 85 Prozent Afghanistans wieder zurückerobert. Diese Behauptung lässt sich nicht unabhängig überprüfen und wird von der Regierung bestritten. Nach anderen Informationen kontrollieren sie mehr als ein Drittel der rund 400 Bezirke in Afghanistan. Bei ihrem Vormarsch nahmen sie auch zwei wichtige Übergänge an den Grenzen zum Iran und zu Tadschikistan ein. Laut Russland kontrollieren die Aufständischen inzwischen zwei Drittel der afghanisch-tadschikischen Grenze.

"Die Grenze von Islam Kala ist jetzt unter unserer vollständigen Kontrolle und wir werden versuchen, sie heute wieder in Betrieb zu nehmen", sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid der Nachrichtenagentur AFP. Der rund 120 Kilometer von der Stadt Herat entfernte Grenzübergang ist einer der wichtigsten Grenzübergänge Afghanistans. Dort wird der größte Teil des offiziellen Handels mit dem Iran abgewickelt. Wenig später erklärte Mudschahid auch den Übergang Torgundi an der Grenze zu Tadschikistan für "vollständig eingenommen".

Die Regierung in Kabul erklärte, die afghanische Armee bemühe sich derzeit darum, wieder die Kontrolle über Islam Kala und Torgundi zu gewinnen. Afghanische Sicherheitskräfte einschließlich der Grenzpolizei seien in den Regionen präsent, sagte der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Tarek Arian. Es sind nicht die ersten Grenzübergänge, die sich die Taliban seit Beginn des Rückzugs der NATO-Truppen aus Afghanistan sichern konnten. Im Juni hatten sie bereits den wichtigsten Grenzübergang zu Tadschikistan, Schir Chan Bandar, erobert. Infolge heftiger Kämpfe um Schir Chan Bandar waren Hunderte afghanische Soldaten über die Grenze nach Tadschikistan geflohen.

Gespräche in Moskau

Nach Angaben des russischen Außenministeriums haben die Taliban inzwischen zwei Drittel des Grenzgebiets zwischen Afghanistan und Tadschikistan unter ihre Kontrolle gebracht. "Wir beobachten einen starken Anstieg der Spannungen an der afghanisch-tadschikischen Grenze", sagte Ministeriumssprecherin Maria Sacharowa. Die Taliban hätten "schnell weite Teile von an der Grenze gelegenen Bezirken besetzt". Moskau rufe alle Seiten zur Zurückhaltung auf, sagte Sacharowa weiter.

Solange die Taliban ihre Kampfhandlungen auf Afghanistan beschränkten und die Grenzen nicht überquerten, gebe es für Russland keinen Grund zum Einschreiten, sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Die in Tadschikistan stationierten russischen Truppen sind derzeit in Alarmbereitschaft. Aus Usbekistan gab es ebenfalls Berichte über eine gespannte Lage an der Grenze mit Afghanistan. Die Behörden in Turkmenistan berichteten von Gefechten an der Grenze mit dem Nachbarland.

Taliban-Vertreter wiesen allerdings Sorgen um eine Ausweitung der Kämpfe auf Nachbarstaaten zurück. "Unser Territorium wird niemals gegen Nachbarländer und befreundete Staaten benutzt werden", sagte der Leiter einer Delegation, Schahabuddin Delawar, bei einer Pressekonferenz in Moskau. Die Delegation traf nach Informationen der Agentur Interfax den Afghanistan-Beauftragten des Moskauer Außenministeriums, Samir Kabulow. Die Taliban sind in Russland als extremistische Organisation verboten. Trotzdem verhandelt das Land mit ihnen. Auch Präsident Wladimir Putin sei im Bilde, teilte der Kreml mit.

Beobachter befürchten, dass die Taliban nach dem vollständigen Abzug der USA und ihrer NATO-Partner aus Afghanistan wieder die Macht in dem Land übernehmen könnten. Die Islamisten sind in vielen Landesteilen bereits auf dem Vormarsch und stoßen dabei teilweise kaum auf Gegenwehr. An anderen Orten gibt es heftige Kämpfe, wie derzeit um die Provinzhauptstadt Kala-i-Naw im Nordwesten des Landes.

"Einige Hundert" Ortskräfte in Deutschland

Angesichts der Taliban-Offensive zeigte sich die Weltgesundheitsorganisation tief besorgt über den Zugang zur Gesundheitsversorgung in Afghanistan. Eine Reihe von Mitarbeitern des Gesundheitswesens hätten aufgrund von Sicherheitsbedenken Gesundheitseinrichtungen verlassen, sagte Rick Brennan, der WHO-Notfalldirektor in der östlichen Mittelmeerregion. Das Land sieht sich unter anderem mit einem Anstieg der Corona-Fälle konfrontiert. Bislang seien nur vier Prozent der Erwachsenen geimpft.

Trotz des Vormarsches der Taliban verteidigte US-Präsident Joe Biden am Donnerstag seine Entscheidung für einen raschen Truppenabzug aus Afghanistan. Die USA hätten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ihre Ziele im Anti-Terror-Kampf am Hindukusch "erfüllt", sagte er. Biden hat angekündigt, bis spätestens Ende August alle US-Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Die Bundeswehr zog ihre letzten Soldaten bereits Ende Juni aus dem Land ab.

In diesem Zusammenhang sind bisher "einige Hundert" afghanische Ortskräfte nach Deutschland gekommen. Das sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin. "Wir werden denen helfen - und helfen ihnen schon - die uns geholfen haben (...) und wir kennen die Verantwortung, die wir für diese Menschen haben", fügte Regierungssprecher Steffen Seibert hinzu. Zu den Einzelheiten der Hilfe könne man nicht alles öffentlich machen, "aber es ist sicherlich sehr vieles im Gange".

Der Sprecher des politischen Büros der Taliban in Doha (Katar), Suhail Schahin, versicherte in Moskau, dass es nach dem Abzug der US-Truppen etwa für deren afghanische Dolmetscher keinen Grund gebe, das Land zu verlassen. "Wir garantieren ihre Sicherheit", sagte er. Sie könnten in Afghanistan den Wiederaufbau unterstützen.

Quelle: ntv.de, mli/AFP/dpa

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