Politik

Nach Abzug der NATO-Truppen Steht Afghanistan vor einem Bürgerkrieg?

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Vor einer Woche versammelten sich Angehörige von Milizen in Kabul. Sie wollen die Regierung im Kampf gegen die Taliban unterstützen.

(Foto: AP)

Die Bundeswehr ist abgezogen, die US-Truppen folgen bald. Afghanistan steht vor einer ungewissen Zukunft. Denn die Taliban rücken vor, die Regierung umwirbt bereits Milizen. Experten sehen darin ein "Rezept für ein Desaster" - einen unübersichtlichen Bürgerkrieg.

Die Bundeswehr hat Afghanistan verlassen. Insgesamt vier Transportflugzeuge starteten am Dienstagabend mit den letzten verbliebenen deutschen Soldaten aus dem Feldlager Marmal in Masar-i-Scharif im Norden des Landes. Bilder zeigen Soldaten mit Marschgepäck, die eine C17 besteigen. Schließlich geht auch der Befehlshaber an Bord der letzten A400M: Brigadegeneral Ansgar Meyer.

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Kommandeur Ansgar Meyer kurz vor dem Abflug aus Afghanistan mit dem letzten A400M.

(Foto: dpa)

"Ein historisches Kapitel geht zu Ende", sagte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer mit Blick auf den fast 20 Jahre dauernden Einsatz am Hindukusch. Sie sprach von einem "intensiven Einsatz, der die Bundeswehr gefordert und geprägt hat, bei dem sich die Bundeswehr im Kampf bewährt hat". Zudem erinnerte sie an die 59 Gefallenen der Bundeswehr.

Es war ein schneller Rückzug, angetrieben vom Zeitplan der USA. Ursprünglich wollte Washington seine Truppen bis zum 11. September abziehen, dem 20. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center, die den Einmarsch in Afghanistan ausgelöst hatten. Nun könnten die USA den vollständigen Abzug bereits bis zum Nationalfeiertag am 4. Juli verkünden. Zurück bleiben sollen dann lediglich einige Hundert Sicherheitskräfte, die die US-Botschaft und den Flughafen in der Hauptstadt Kabul sichern.

Kanzlerin Angela Merkel, aber auch die Wehrbeauftragte Eva Högl von der SPD fordern bereits eine Aufarbeitung des Kriegseinsatzes, etwa in einer Enquete-Kommission des Bundestags. Das vorläufige Fazit fällt jedenfalls sehr unterschiedlich aus. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch hält den Einsatz für "gescheitert". "Ich glaube nicht, dass Afghanistan befriedet ist. Das einzige was funktioniert ist der Mohnanbau", sagte er im "ntv Frühstart". CDU-Politikerin Kramp-Karrenbauer sprach dagegen von einem "Einsatz, von dem wir als Bundeswehr sagen: die Aufgaben, die uns das Parlament gestellt hat, haben wir erfüllt".

Düsteres Szenario der US-Geheimdienste

Zwar wurden die ursprünglichen Ziele, die Terrorgruppe Al Kaida in Afghanistan auszuschalten und das radikalislamische Taliban-Regime zu stürzen, schnell erreicht, ebenso der Aufbau afghanischer Sicherheitskräfte. Doch stabilisiert ist das Land keinesfalls. Viel mehr sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch. Sie haben in den vergangenen Monaten Dutzende der etwa 400 Bezirke des Landes erobert. Dazu gehören auch weite Gebiete im Norden Afghanistans, wo die Bundeswehr stationiert war.

Kurz vor dem Abzug der letzten deutschen Soldaten standen die Kämpfer bereits vor Masar-i-Scharif, wenige Kilometer vom Bundeswehr-Standort entfernt. Der ehemalige deutsche Standort Kundus ist umzingelt. Nach dem Abzug der ausländischen Verbände könnten diese und weitere Provinzhauptstädte fallen. Schon jetzt sind Zehntausende Afghanen innerhalb des Landes auf der Flucht, ihre Zahl dürfte drastisch zunehmen.

Ein kürzlich bekannt gewordener US-Geheimdienstbericht zeichnet ein entsprechend düsteres Bild für die Zukunft des Landes. Demnach könnte die afghanische Regierung bereits sechs Monate nach Abzug der US-Truppen zusammenbrechen, wie das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Insider berichtete. Zur Begründung wird etwa darauf verwiesen, dass sich immer wieder afghanische Regierungstruppen kampflos den anrückenden Taliban ergeben haben - was die Regierung in Kabul dementiert.

Afghanen sollen "unter dem Schirm der Scharia leben"

Unterstützt wird diese pessimistische Sicht durch die fehlgeschlagenen Friedensgespräche in Doha. Ursprünglich war der Abzug der NATO-Truppen an ein Friedensabkommen zwischen Taliban und afghanischer Regierung gekoppelt. Doch die Gespräche befinden sich längst in einer Sackgasse. Die Zeit spielt für die Taliban: Sie warten den Abzug der ausländischen Truppen ab, ohne Zugeständnisse machen zu müssen.

Werden die Taliban also perspektivisch an ihr 2001 gestürztes Regime anknüpfen? "Wir wollen, dass alle Afghanen in die künftige Regierung einbezogen werden", sagte Taliban-Sprecher Zabihulla Mujahid kürzlich dem ZDF. Die Afghanen sollten "eine hellere Zukunft haben, ihre Probleme lösen und unter dem Schirm der Scharia leben", fügte er an. Der Hauptgrund für den im Land tobenden Krieg sei "die Anwesenheit von ausländischen Truppen". Gleichzeitig drohte Mujahid jedoch der Regierung unter Präsident Aschraf Ghani: Die Seite, "die Krieg will, um an der Macht zu bleiben", werde sehen, "dass sie zu einer Vereinbarung mit uns kommen muss".

Dass die Taliban an einer Einigung oder einer Teilung der Macht interessiert sind, darf aber bezweifelt werden. Bisher haben sie auch keinen eigenen Friedensplan vorgelegt, der als Grundlage für Gespräche dienen könnte. Der stellvertretende Taliban-Chef Mullah Abdul Ghani Baradar stellte zuletzt lediglich klar, dass die Gruppierung ein "echtes islamisches System" errichten wolle. Auf dieser Grundlage sollten auch Rechte von Frauen und Minderheiten, sowie von Diplomaten und Hilfsorganisationen geschützt werden.

Zumindest verbal sind die Taliban derzeit bemüht, sich vom Regime der 1990er-Jahre zu distanzieren. Damals durften Mädchen nicht zur Schule gehen, Frauen nicht zur Arbeit, ihre Wohnungen durften sie nur in Begleitung eines männlichen Verwandten verlassen. "Das war eine andere Situation als heute, wir können jetzt schneller dafür sorgen, dass Frauen studieren und arbeiten", sagte dazu Taliban-Sprecher Mujahid dem ZDF. Frauen könnten in jenen Bereichen arbeiten, "die nach dem Gesetz der Scharia und der afghanischen Kultur erlaubt sind". Auf dieser Grundlage könnten sie auch studieren.

Regierung verbündet sich mit Milizen

Noch aber sind die Taliban nicht an der Macht. Anders als in den ländlichen Gebieten, die sie bisher erobert haben und aus denen sich Regierungstruppen zurückzogen, dürfte eine Einnahme Kabuls weit schwieriger sein. Wie sich die Lage nach dem kompletten Abzug der US-Truppen entwickelt, ist daher völlig unklar. US-General Mark A. Milley, Chef der Joint Chiefs of Staff der US-Armee, hält als "Worst-Case-Szenario" auch einen Bürgerkrieg sowie eine Zersplitterung der Sicherheitskräfte für möglich. "Das ist sehr gut möglich, und das wäre ein schlechtes Ergebnis", sagte er Mitte Juni vor einem Kongress-Ausschuss. Die Chance auf eine Einigung zwischen Taliban und Regierung schätzte er dagegen als "nicht sehr hoch auf der Wahrscheinlichkeitsliste" ein.

Die Kabuler Regierung jedenfalls arbeitet bereits an einem Bündnis gegen die Taliban, in dem die Armee von Milizen unterstützt werden soll. "Wenn die Taliban mit Gewalt ein diktatorisches Regime in Afghanistan errichten wollen, dann müssen sich alle patriotischen Kräfte zusammentun und entscheiden. Und diese Angelegenheit wird leider auf dem Schlachtfeld entschieden werden", sagte Präsident Ghani. Experten sehen darin jedoch ein "Rezept für ein Desaster". Angesichts der verschiedenen Gruppen könnte schnell eine unübersichtliche Situation entstehen, die nicht nur das Leid der Zivilbevölkerung verlängert, sondern auch Terrororganisationen wie Al Kaida oder dem Islamischen Staat Raum gibt, die mit dem westlichen Einmarsch eigentlich vertrieben werden sollten.

Ghani zeigte sich bei seinem Besuch im Weißen Haus vor wenigen Tagen zumindest kämpferisch. "Sie werden sehen, dass wir mit Entschlossenheit, mit Einheit und mit der Partnerschaft alle Widrigkeiten überwinden werden." Doch er zog auch eine bemerkenswerte Parallele zur US-Geschichte: Afghanistan erlebe derzeit seinen eigenen "1861-Moment", zitierten ihn US-Medien - ein Verweis auf den Beginn des Amerikanischen Bürgerkriegs. Die damals jungen Vereinigten Staaten seien angegriffen worden, sagte Ghani, und bezogen auf sein Land: Man sammle sich zur Verteidigung der Republik, und sei entschlossen, deren Einheit zu bewahren. Was Ghani nicht sagte: Der Amerikanische Bürgerkrieg dauerte vier Jahre und kostete Hunderttausende Menschen das Leben, darunter das von Präsident Abraham Lincoln.

Quelle: ntv.de

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