Politik

Spannung vor Nordkorea-Gipfel Trump bekommt Torte, Kim macht Selfie

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Drei Tage vor seinem 72. Geburtstag bekam US-Präsident Trump in Singapur schon einmal eine Torte geschenkt - selbst für abergläubische Amerikaner wäre das kein Problem. Dass frühzeitiges Gratulieren Unglück bringen soll, ist dort unbekannt.

(Foto: dpa)

Vor dem Polit-Gipfel des Jahres in Singapur steigt die Spannung. US-Präsident Trump und Nordkoreas Diktator Kim treffen sich, um Frieden zu schaffen. Ob es mehr als einen Handschlag und freundliche Worte gibt, ist höchst fraglich.

So ist das, wenn man weiß, dass bald die ganze Welt auf einen schauen wird. Die letzten Stunden zuvor kann man sich lässig zurückhalten. Und so ist am Tag vor dem großen Gipfel in Singapur von Donald Trump und Kim Jong Un nichts zu sehen. Der US-Präsident bekam beim Mittagessen drei Tage vor seinem 72. Geburtstag eine Torte geschenkt. Dann telefonierte er mit einigen wichtigen Verbündeten. Angela Merkel war, nach allem, was man weiß, nicht darunter.

Von Nordkoreas Machthaber tauchte ein Foto bei Twitter auf. Freundlich lächelnd ließ sich Kim mit dem Außenminister Singapurs, Vivian Balakrishnan, ablichten. Es entstand offenbar bei einem Spaziergang durchs nächtliche Singapur. Es könnte das erste Selfie des Nordkoreaners bei dem Dienst gewesen sein. Die Geschäftigkeit überließen die beiden Hauptdarsteller am Vortag anderen. Die Fachleute in den Delegationen besprachen Einzelheiten, US-Außenminister Mike Pompeo steckte noch einmal den Rahmen für die Nordkoreaner ab: völlige atomare Abrüstung, dafür gibt es Sicherheiten und Marktzugänge.

Der Polit-Gipfel des Jahres geht am Dienstag auf der Insel Sentosa, von Singapurs Innenstadt nur durch eine 500 Meter lange Brücke getrennt, über die Bühne: Es ist ein Treffen von zwei Männern, die sich kürzlich noch wild beschimpften und gegenseitig mit der Atombombe bedrohten. Und auch die erste Begegnung zwischen einem amtierenden US-Präsidenten und einem kommunistischen Führer aus Nordkorea überhaupt.

Trump glaubt an sein Gespür

Für einige Minuten wollen sich die beiden allein treffen, ohne Berater, nur die Übersetzer dürfen noch in den Raum. Trump glaubt an die Macht der Chemie, die er zu seinem Gegenüber aufbauen will. Und wohl auch an die Macht der Bilder, die helfen können, fehlende konkrete Ergebnisse zu übertünchen. Nach dem Gipfel will Trump die Presse informieren. Später geht es im etwas größeren Kreis weiter, zum Mittagessen wird die Runde noch einmal erweitert.

Wenn die Sache gelingt, könnte das Fünf-Sterne-Hotel Capella 65 Jahre nach dem Ende des Korea-Kriegs zum Symbol für Frieden werden. Trump will unbedingt einen Erfolg. Sein Auftritt nach dem G7-Gipfel, als er die Abschlusserklärung aus Wut über Kanadas Premierminister Justin Trudeau platzen ließ, wirkt nach. Auch die Glaubwürdigkeit der USA steht auf dem Spiel. Wie viel ist eine Unterschrift Trumps nach dem Debakel von Kanada noch wert?

Das beste Ergebnis wäre wohl, wenn er von Kim die feste Zusage bekäme, auf das nordkoreanische Atomprogramm zu verzichten. Aber damit rechnet niemand. Die Frage ist nun, was über den an sich schon historischen Handschlag hinaus zu erreichen ist. Der Experte Bruce Cumings hielte ein Moratorium für Raketen- und Atomtests schon für einen Erfolg. "Es wäre noch besser, wenn man es schaffen würde, Nordkorea in den Vertrag über das umfassende Verbot von Atomtests zu bekommen", sagte er.

Sollten die Verhandlungen umfassend scheitern, droht eine neue Eskalation in einem der gefährlichsten Konflikte der Welt. Von Kim, der unter Experten als glänzend vorbereitet gilt, gab es zu all dem kein einziges Wort.

Streitfrage Denuklearisierung

Zuhause stimmten die Staatsmedien die Bevölkerung in bestem kommunistischen Politsprech darauf ein, dass tiefgreifende Ansichten darüber ausgetauscht würden, wie neue Beziehungen entwickelt, ein dauerhafter Friedensmechanismus für die koreanische Halbinsel geschaffen und Denuklearisierung verwirklicht werden könnten. Was genau Denuklearisierung - also atomare Abrüstung - bedeutet, ist allerdings die größte Streitfrage.

So sehen es die Nordkoreaner nicht ein, warum sie auf Atomwaffen verzichten sollen, wenn die US-Streitkräfte mit Flugzeugen und U-Booten ihre eigenen Atomwaffen jederzeit auf Nordkorea richten können. Die Amerikaner stehen ihrerseits vor dem Problem, dass in Nordkorea Tausende Einrichtungen existieren, in denen weiterhin Waffen produziert werden könnten - meist unterirdisch und kaum kontrollierbar.

Und was ist mit dem Wissen der nordkoreanischen Ingenieure? Wer soll sie hindern, ihr Know-how gegen Bares weiterzugeben, im Zweifel an die falschen Leute? Für all diese Probleme werden Lösungen gesucht. Pompeo räumte ein, dass dafür wohl ein einziges Treffen nicht ausreichen wird. Beide Seiten werfen deshalb schon einmal Verhandlungsmassen in den Ring. So könnte es in Richtung einer losen Friedensvereinbarung gehen, um nach dem Treffen am Dienstag Greifbares präsentieren zu können.

Geredet wird sogar darüber, ob auch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen eine Rolle in den Verhandlungen spielen könnte - das würde de facto die Anerkennung Nordkoreas 70 Jahre nach dessen Gründung bedeuten. Trump blieb für seine Verhältnisse äußerst still. Er äußerte sich nur in einer 38-Zeichen-Nachricht über Twitter aus seinem Hotel: "Großartig, in Singapur zu sein, Vorfreude in der Luft!" Alles Weitere überließ er seinem Außenminister. Pompeo sagte, am Ende des Tages müssten sich zwei Verhandlungspartner gegenseitig vertrauen können.

Das klang schon ein bisschen, als ob man mit alten Freunden verhandelt und nicht mit dem Anführer eines Systems, dem man Massenmorde und sonstige Menschenrechtsverletzungen vorwirft. Große Sorge bereitet den Experten, dass der Gipfel keineswegs so gründlich vorbereitet wurde wie das bei Ereignissen von weltpolitischer Bedeutung normalerweise geschieht. Eigentlich setzt man sich nur zusammen, wenn einigermaßen sicher ist, dass am Ende ein gutes Ergebnis steht. Dieses Mal blieben nach der zwischenzeitlichen Absage durch das Weiße Haus nur wenige Tage.

Trump betreibt Diplomatie, indem er erst einmal Chaos anrichtet. Nach dem Eklat auf dem G7-Gipfel steht der US-Präsident allerdings auch unter einigem Erfolgsdruck. In seinen jetzt auch schon anderthalb Amtsjahren zerstörte Trump in der internationalen Politik viel, baute aber kaum etwas wieder auf. Mit einem Erfolg in Singapur könnte er es vielen Kritikern im Rest der Welt zeigen. Trump behauptet, innerhalb der ersten Minute zu wissen, ob das Treffen gelingen werde. Von Kim ist bekannt, dass er das Trump-Buch "The Art of The Deal" in seinem Besitz hat. Wie er sich selbst in Verhandlungen anstellt, darüber hat niemand wirklich eine Ahnung. Gerüchteweise will sich Kim mittags schon wieder verabschieden. Trump will nach bisherigen Planungen am Abend um 20 Uhr Ortszeit mit der Air Force One wieder abheben. Immer noch ist aber auch möglich, dass das Ganze um einen Tag verlängert wird.

Quelle: ntv.de, Christoph Sator und Michael Donhauser, dpa