Politik

Internationale Pressestimmen "Trump ist ein unheilvolles Genie"

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Kritischer Blick in die Zeitung.

(Foto: imago/AFLO)

Donald Trump ist neuer US-Präsident. Was das bedeutet, darüber streitet die internationale Presse. Während einige Medien mahnen, Trump ernstzunehmen, beschwören andere wahlweise eine "Katastrophe" herauf - oder bleiben ganz entspannt.

Frankreich

Libération: "Schock. Donnerschlag. Und ein Schwindelgefühl angesichts der Idee, dass Donald Trump in kaum zweieinhalb Monaten seine Koffer im Weißen Haus abstellt. (...) Mit einem außergewöhnlichen politischen Gespür begabt, hat Donald Trump, ein ebenso visionäres wie unheilvolles Genie, mehr als irgendjemand sonst den Verdruss eines Teils Amerikas und dessen Abscheu auf Washington und die Eliten erfasst, die den Hoffnungen von Hillary Clinton eine kalte Dusche verpasst haben."

Le Monde: "Mit einer Wahl hat sich am Dienstag, dem 8. November, der Blick Washingtons auf die Welt und jener der Welt auf die Vereinigten Staaten dramatisch verändert. Das Erdbeben beschränkt sich nicht allein auf die demokratische Beispielhaftigkeit, auf die Washington - nicht ohne eine gewisse Arroganz - Anspruch erhob. Die Nachfolge im Weißen Haus kann nicht mit anderen Machtwechseln zwischen den zwei großen amerikanischen Parteien verglichen werden, die sich oft hinter den gleichen Zielen versammeln, wenn die Interessen das Landes auf dem Spiel stehen. Mit Donald Trump beginnt die Zeit des Unbekannten."

Le Figaro: "Amerika ähnelt an diesem Morgen einer dieser Schwerverwundeten, denen man den Schlamm abwaschen muss, um ihre Wunden zu entdecken und sie endlich zu versorgen. Der Zusammenstoß war heftig, die Schäden sind immens. Zwei Länder sind aufeinandergeprallt, ohne dass irgendjemand über lange Zeit den Unfall hätte kommen sehen. Die erste Aufgabe des neuen Bewohners des Weißen Hauses wird es sein, zu versuchen, sie wiederzuvereinigen. (...) Neben Gewalt und Schlamm wird von diesem amerikanischen Wahlkampf das Bild eines großen Scheiterns bleiben. Politiker, Medien, Analysten haben den Bulldozer Trump nicht kommen sehen und sich bereitwillig an die Karikatur gehalten. Oder eher: Sie haben das wütende Volk nicht wahrgenommen, das auf seiner breiten Spur marschierte. (...) Das Jahrmarkt-Phänomen hat das Gesellschaftsphänomen verdeckt."

England

The Guardian: "Wer hat Schuld? Diese Liste ist so lang. Sie reicht von der Republikanischen Partei zu den Medien, zu den Meinungsforschern und Datenfreaks, die so falsch lagen, zu Clintons Wahlkampfteam, das demokratische Hochburgen für selbstverständlich hielt, bis zu Clinton selbst, die trotz all ihrer Stärken eine Kandidatin mit Makeln war. Man könnte sie alle verurteilen, aber wen kümmert das schon an einem solchen Tag? Das mächtigste Land der Welt wird künftig von seinem gefährlichsten Führer gelenkt werden. (...) Der Präsident, der zu Kriegszeiten das Amt innehatte, das Trump im Januar antreten wird, sagte einst den Amerikanern: "Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst." Das stimmt heute so nicht. Amerika und der Rest von uns haben viel zu fürchten - allen voran den Mann, der jetzt an der Spitze der Welt steht."

Times: "Trump war stark angeschlagen durch sein Benehmen, doch der Schaden wäre viel größer gewesen, wenn die Menschen seiner Gegnerin vertraut hätten. Weil Donald Trumps Mängel so groß sind, haben europäische Beobachter unterschätzt, wie viele Amerikaner der Ansicht sind, dass Hillary Clintons Mängel mindestens ebenso groß sind. Das mag für viele auf dieser Seite des Atlantik eine außerordentliche Einschätzung sein. Doch wenn man dies nicht begreift, ist es unmöglich, die US-Wahl von 2016 zu verstehen."

Spanien:

El País: "Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, dass die Wahlen in den USA die wichtigsten des Planeten sind. Ob's gefällt oder nicht: Das Schicksal von Millionen von Menschen auch außerhalb der USA sowie auch der internationalen Beziehungen und der Weltwirtschaft hängt zu einem sehr großen Teil davon ab, wer für die nächsten vier Jahre ins Oval Office einziehen wird. Mit der Stimmabgabe haben die US-Bürger entschieden, welche Rolle ihr Land künftig in der Welt spielen wird. Und zum ersten Mal nach langer Zeit hatten sie die Wahl zwischen zwei Optionen, die nicht nur klar differenziert, sondern auch völlig gegensätzlich waren. Die von Hillary Clinton vertretene internationalistische und multilaterale Politik gegen den Isolationismus von Donald Trump."

La Stampa: "Das Volk des Aufstandes erobert Amerika und wählt Donald Trump, es erschüttert die Welt. In knapp elf Monaten hat der weiße Mittelstand, gegeißelt von der Wirtschaftskrise und sozialen Missständen, in dem Tycoon einen Verteidiger gefunden, der (...) die Demokraten von Hillary Clinton geschlagen und das Establishment in Washington gedemütigt hat. Er hat den ganzen Planeten überrascht. Es ist ein Hurrikan der Unzufriedenheit, der aus dem Bauch der Nation schlägt und der seine Hochburg in den Midwest-Staaten hat, die Barack Obama einst erobert hatte und die nun die Farbe gewechselt haben.

Schweden

Göteborgs Posten: "Monatelang hat man Trumps Anhänger verhöhnt und zu Idioten erklärt, sie als ungebildet beschrieben (wann wurde solch unverblümte Klassenverachtung politisch korrekt?), als Ausschuss einer Demokratie. Jetzt haben sie ihr demokratisches Recht und ihre Pflicht wahrgenommen. Egal, was die etablierte Politikerklasse, der Journalistenstand oder jemand anders denkt, haben sie ihre Wahl getroffen. Wann beginnt das Establishment, sie ernst zu nehmen, egal, was man von ihren Ansichten hält?"

Dagens Nyheter: "Mit Donald Trump als Präsident tritt die Welt in eine neue, unvorhersehbare und gefährliche Ära ein. (...) Er verachtet die Demokratie. Er tritt die Menschenrechte mit Füßen. Er ist Fürsprecher für Protektionismus, Nationalismus und eine unheilige Allianz mit Putins Russland, deren autoritärer Führerschaft und aggressiver Außenpolitik Trump Beifall spendet. (...) Die Wahl von Donald Trump ist eine Katastrophe für alle, die an eine offene und demokratische Welt glauben, die auf Menschenrechten aufbaut. Trumps Sieg löst Angst bei Millionen Menschen auf der ganzen Welt aus."

Tschechien

Lidove noviny: "Wenn man unabhängige und sachlich informierende Medien zu den Grundpfeilern einer Demokratie zählt, dann wirft die zurückliegende US-Wahlkampagne ernste Fragen auf. In Russland folgen die Medien politischen Aufträgen und unterliegen Druck und Zensur. Die meistgesehenen US-Nachrichtensender Fox News und CNN haben sich indes ganz freiwillig zu Geiseln Donald Trumps gemacht. Dessen Show zog bei den Zuschauern, die Gewinne gingen nach oben, die übrigen Kandidaten aber unter. Damit es keine Missverständnisse gibt: Im Unterschied zu Russland haben die USA eine funktionieren Demokratie, die auf der Freiheit des Einzelnen beruht, in ihre DNA geschrieben."

Pravo: "Trumps Slogan, Amerika wieder groß zu machen, hat bei den Wählern gezogen. Schwieriger wird es sein, das Versprechen auch zu erfüllen. Trump wird Firmen schwerlich nötigen können, ihre Produktion in die USA zurückzuverlegen, wo die Kosten höher sind. Er wird Migranten nicht überzeugen können, dorthin zurückzugehen, wo sie hergekommen sind. Die USA werden auch nicht wieder zur einzigen Supermacht werden wie unmittelbar nach dem Zerfall der UdSSR. Zugleich gibt es keinen Grund, vor Donald Trump Angst zu haben, auch wenn seine Äußerungen mitunter schockierend oder sogar geschmacklos sind. Trump kennt das Showgeschäft und weiß, wie er die Menge mitreißen kann. Doch zugleich hat er nicht die Fähigkeit verloren, kühl zu kalkulieren - ein Talent, ohne das er kein Immobilienimperium hätte aufbauen können."

Niederlande

de Volkskrant: "Mit dem Wahlsieg von Donald Trump hat die weiße Unzufriedenheit Amerika in den Griff bekommen. Die amerikanischen Proteststimmen haben sich als lauter erwiesen, als Meinungsforscher zu hören glaubten - es wurde also doch das Brexit-Szenario. Der Kandidat Trump hat es als erster verstanden, diese Unzufriedenheit aufzuzeigen und zu kanalisieren. Nun ist die Frage, ob Trump auch weiterhin darauf hören wird. Seine Ankündigungen im Wahlkampf lassen jedenfalls viel Streit erwarten. (...) Nichts zu befürchten haben allerdings Typen wie der russische Präsident Wladimir Putin und dessen syrischer Kollege Baschar al-Assad. Mit Trumps passiver Haltung gegenüber anderen mächtigen Männern beginnt nun eine Periode der Beschwichtigungspolitik. Die langfristigen Folgen lassen sich schwer vorhersagen, doch die Welt wird vermutlich instabiler."

Schweiz

Blick: "Mit Donald Trump ist genau der Mann Präsident geworden, vor dem die Väter der amerikanischen Verfassung immer Angst hatten: der hemmungslose Populist ohne Sinn für Ausgleich und Bürgertugenden. (...) Jetzt aber hat Trump nicht nur das mächtigste Amt der Welt zur Verfügung, er hat an seiner Seite auch eine republikanische Parlamentsmehrheit samt einer konservativen Hälfte des Obersten Gerichts, die seit Jahren beweist, dass Parteilichkeit ihr weit wichtiger ist als die Interessen des Landes. Trump wird zunächst im Gericht eine rechte Mehrheit einrichten und danach freie Hand haben für ein Programm, das selbst Konservative für gefährlich halten."

Belgien

De Tijd: "Amerika muss nicht wieder groß werden, es muss sich aber wieder mit der Politik versöhnen. Das ist die einzige Schlussfolgerung nach einer langen und traurigen Kampagne, die der Präsidentschaftswahl vorausging. Amerikas Demokratie muss wieder hergestellt werden. (...) Es ist eine neue politische Kultur erforderlich, um die USA wieder mit den Politikern und mit sich selbst zu versöhnen. Das wird eine außerordentlich schwierige Aufgabe. Trump hatte mit der Zerstrittenheit gespielt, um Wähler anzuziehen. Es ist schwer, in ihm die versöhnende Persönlichkeit zu sehen, die Amerikas Politik aus der Sackgasse holen kann. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dies nun vier verlorene Jahre werden."

Quelle: n-tv.de, tno/dpa

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