Politik

"Ein Akt großer Dummheit"Trump und Starmer streiten um eine Insel so klein wie Norderney

08.06.2026, 10:40 Uhr
imageVon Kevin Schulte
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Diego Garcia ist die Hauptinsel des Chagos-Archipels. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Grönland war gestern, jetzt greift Donald Trump nach einer Insel im Indischen Ozean. Es geht um den Chagos-Archipel mit der Hauptinsel Diego Garcia. Winzig, aber militärstrategisch enorm wichtig für die USA.

Schon seit einigen Monaten hat Donald Trump seinen Blick auf eine winzige Insel im Indischen Ozean gerichtet, jetzt werden seine Pläne konkreter. Der US-Präsident will die Chagos-Inseln kaufen, berichtet die britische Zeitung "Telegraph". Dafür müsste sich Trump aber mit Großbritannien einig werden. Denn die Hauptinsel des Archipels, Diego Garcia, soll eigentlich noch mindestens 99 Jahre unter britischer Kontrolle bleiben. Dafür zahlt London eine Milliardensumme an Pacht.

Auf Diego Garcia befindet sich ein Militärstützpunkt, den Großbritannien und die USA gemeinsam nutzen. Und dank des Pachtvertrags auch mindestens die nächsten 99 Jahre weiter nutzen können.

Voriges Jahr im Mai hatte die britische Regierung entschieden, die Chagos-Inseln an Mauritius zurückzugeben, aber Diego Garcia weiter zu pachten. Damals begrüßte die US-Regierung den Deal. Außenminister Marco Rubio sagte, auch Trump unterstütze das Abkommen. Es handele sich um eine "monumentale Errungenschaft". Der britische Premierminister Keir Starmer sagte, Trump und die anderen Verbündeten des Westens würden "die strategische Bedeutung dieser Basis erkennen".

Trump sieht in Diego Garcia einen strategisch wichtigen US-Außenposten. Und dennoch folgte hinsichtlich des Großbritannien-Abkommens mit Mauritius wenig später eine rhetorische Kehrtwende des Präsidenten: Die Rückgabe der Chagos-Inseln sei "ein Akt großer Dummheit" und ein weiterer Grund, warum Grönland an die USA übergeben werden müsse, schrieb Trump Mitte Januar auf Truth Social. Seine Begründung: China und Russland würden in der Aufgabe der Chagos-Inseln einen "Akt der totalen Schwäche" sehen.

Nach einem Krisengespräch zwischen Trump und dem britischen Premierminister Keir Starmer legte Großbritannien seine Pläne, Chagos an Mauritius zurückzugeben, vorerst auf Eis. "Wir glauben weiterhin, dass das Abkommen der beste Weg ist, um die Zukunft der Militärbasis langfristig zu sichern, aber wir haben immer gesagt, dass wir das Abkommen nur weiter vorantreiben, wenn es die Unterstützung der USA hat", teilte ein britischer Regierungssprecher mit.

Ein US-Regierungsvertreter sagte, Präsident Donald Trump vertrete konsequent die Position, dass Großbritannien das Territorium nicht aufgeben dürfe. Diego Garcia sei eine unverzichtbare Militärbasis von enormer Bedeutung für die nationale Sicherheit der USA. Washington stehe in regelmäßigem Austausch mit London, um die Insel als regionalen Sicherheitsanker zu erhalten.

Malediven sind nächster "Nachbar"

Diego Garcia ist so klein wie Norderney und trotzdem die größte Insel des Chagos-Archipels im Indischen Ozean. Die rund 60 kleinen Inseln verteilen sich auf 7 Atolle und führen ein einsames Leben. Die nächstgelegenen Inselgruppen sind die Malediven, 750 Kilometer nördlich, sowie die Seychellen, 1800 Kilometer westlich. Anders als die Touristenparadiese ist Diego Garcia aber einer der militärstrategisch wichtigsten Orte im Indischen Ozean. Amerikas "unsinkbarer Flugzeugträger", so wird die Insel genannt.

Völkerrechtlich gehört Diego Garcia zum Inselstaat Mauritius. Der liegt mehr als 2.000 Kilometer südwestlich. Die Hoheit über die Insel hat aber immer noch Großbritannien. Es ist ein Relikt aus alten Kolonialzeiten. 1814 hat London die Chagos-Inseln in Besitz genommen, zusammen mit Mauritius. 1968 entließen die Briten Mauritius in die Unabhängigkeit, aber drei Jahre zuvor hatten sie den Chagos-Archipel inklusive Diego Garcia administrativ von Mauritius getrennt: Noch heute heißt der Chagos-Archipel deshalb offiziell "Britisches Territorium im Indischen Ozean" (BOT). Die Chagossianer wurden vor der Errichtung der Militärbasis umgesiedelt, leben heutzutage hauptsächlich auf Mauritius, den Seychellen und in Großbritannien.

Im Jahr 2019 hat sich Mauritius jedoch die Souveränität über Chagos erkämpft. Den Haag entschied, dass Großbritannien die Inseln "so schnell wie möglich" an Mauritius zurückgeben muss. Die Briten hätten "den Prozess der Entkolonialisierung von Mauritius nicht rechtmäßig abgeschlossen", begründete das Gericht.

115 Millionen Euro Pacht - pro Jahr

Nach der Entscheidung vor Gericht ist jahrelang nichts passiert. London argumentierte, die Einschätzung von Den Haag sei nur eine beratende Stellungnahme und daher nicht bindend. Großbritannien bewegte sich auch dann nicht, als der Internationale Seegerichtshof im Jahr 2021 die Souveränität von Mauritius über Chagos bestätigte. Erst der Regierungswechsel im Vereinigten Königreich, von den Tories zu Labour, führte zum Kurswechsel.

Seit 1971 gibt es den Militärstützpunkt bereits. Es ist eine der wichtigsten und geheimsten US-Basen im Ausland. Hier wurden bereits U-Boote, Langstreckenbomber und AWACS-Aufklärer stationiert, während zweier Golfkriege und beim Angriff auf Afghanistan nach dem 11. September. 2002 und 2003 soll der US-Geheimdienst CIA Terrorverdächtige im Gefängnis auf Diego Garcia inhaftiert und gefoltert haben.

Trump ist die Insel aus mehreren Gründen strategisch wichtig. Die Lage von Diego Garcia ist exzellent: Von hier aus, mitten im Indischen Ozean, lassen sich Südasien, Ostafrika und der Nahe Osten gleichermaßen gut überwachen. Das schließt den Iran mit ein.

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Quelle: ntv.de

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