Politik

Paris und London mitverantwortlich UNHCR rügt "entsetzliche" Lage in Calais

328E0C00B7636FB0.jpg7381868036207533704.jpg

Flüchtlinge versuchen, über einen Zaun zu klettern und in den Eurotunnel zu gelangen.

(Foto: AP)

Zäune würden das Problem in Calais nicht lösen, sagt ein Vertreter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen. Er fordert von Frankreich und Großbritannien andere Maßnahmen. London allerdings hat schon neue Ideen, um Flüchtlinge abzuhalten.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) hat Paris und London für die Flüchtlingskrise am Kanaltunnel mitverantwortlich gemacht. Frankreich und Großbritannien hätten größere Aufnahmekapazitäten abgelehnt, ohne andere Lösungen vorzuschlagen, sagte UNHCR-Europadirektor Vincent Cochetel in Genf.

2015-08-07T152154Z_1857699413_GF20000016863_RTRMADP_3_EUROPE-MIGRANTS-CALAIS.JPG8469835286015877349.jpg

Ein Flüchtling aus dem Sudan hat sich in dem wilden Lager in Calais selbst eine Unterkunft gebaut.

(Foto: REUTERS)

Mit lediglich 3000 Migranten sei die Situation in Calais lösbar, sagte Cochetel. Er schlug unter anderem vor, ungenutzte Kasernen im Land zu Aufnahmezentren umzuwandeln. Stärkere Sicherheitsmaßnahmen hält das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen für ungeeignet zur Bewältigung der Krise. "Zäune lösen das Problem nicht", sagte Cochetel. "Sie fordern die Menschen nur heraus, größere Risiken auf sich zu nehmen."

"Nachhaltige Antwort" nötig

Von Frankreich forderte das UNHCR einen zivilen Notfallplan. Nötig sei eine "dringende, umfassende und nachhaltige Antwort" auf die Lage vor Ort, erklärte die Behörde. Sie sprach von "entsetzlichen Bedingungen" in den Zelten der Flüchtlinge. Das UNHCR kritisierte auch die fehlende Kooperation von Großbritannien. So weigere sich London etwa, Anträge auf eine legale Einreise von Flüchtlingen zu bearbeiten, die Verbindungen nach Großbritannien hätten.

Tunnelbetreiber Eurotunnel hatte zuvor berichtet, die Zahl der Versuche von Flüchtlingen, auf das Gelände zu kommen, sei unter Kontrolle gebracht worden. Eurotunnel begründete das unter anderem mit neuen Zäunen. In Calais campieren Tausende Flüchtlinge in der Hoffnung, illegal nach Großbritannien zu kommen. Sie erwarten sich dort einfachere Bedingungen bei Arbeitssuche oder Asylantrag.

Berufsfahrer kritisieren Zustände

Deutsche Fuhrunternehmen sehen derweil ihr Geschäft bedroht. "Die Fahrer sind völlig genervt, haben Angst und wollen nicht mehr nach England fahren", sagte Horst Kottmeyer vom Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung dem "Focus".

Nach Angaben des Deutschen Speditions- und Logistikverbands haben einige Fuhrunternehmen ihre Transporte eingestellt. "In der Wartezone herrschen unhaltbare Zustände", sagte ein Sprecher der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Auch Branchenverbände in Frankreich und Großbritannien hatten in den vergangenen Wochen die Lage in Calais kritisiert und Unterstützung gefordert.

Großbritanniens Regierung erwägt einem Zeitungsbericht zufolge, den Tunnel notfalls nachts zu schließen, sollte sich die Flüchtlingskrise in Calais wieder verschärfen. Weder Last- noch Passagierzüge dürften dann nachts den Tunnel passieren, berichtete der britische "Telegraph" unter Berufung auf Regierungskreise. Ein britischer Regierungssprecher sagte, man ziehe weiterhin "alle möglichen Handlungsoptionen" in Erwägung.

Quelle: ntv.de, mli/AFP/dpa