Politik

Der Kriegstag im Überblick Ukraine: Nachschubweg erfolgreich gestört - London sieht Russen in Cherson geschwächt

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Der Nachschub und die Versorgung für Tausende russische Truppen auf der Westseite des Dnipro sei derzeit von zwei provisorischen Fährverbindungen abhängig, heißt es in einer Einschätzung britischer Geheimdienste.

(Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

Die Ukraine meldet im Süden des Landes Erfolge bei der Zerstörung wichtiger Nachschubrouten der russischen Besatzer. Auch nach Einschätzung britischer Geheimdienste zeigt die Taktik Wirkung. Unterdessen hält vor allem im Donbass der schwere Beschuss Russlands an. Auch das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja soll wieder Ziel von Angriffen geworden sein - bleibt jedoch die Frage, wer dafür verantwortlich ist. Derweil fordert der ukrainische Verteidigungsminister Olekxij Resnikow die USA und andere westliche Staaten zur Hilfe bei der Verfolgung russischer Kriegsverbrechen auf. Der 171. Kriegstag im Überblick.

Ukraine: Autobrücke von Dnipro-Staudamm unbefahrbar

Im Süden der Ukraine ist die Autobrücke des Staudamms Nowa Kachowka im Gebiet Cherson nach ukrainischen Angaben infolge mehrerer Angriffe nicht mehr zu befahren. Die Brücke sei von Raketen- und Artillerieeinheiten gezielt unbrauchbar gemacht worden, teilte das ukrainische Armeekommando Süd bei Facebook mit. Die Verwaltung der russischen Besatzer bestätigte den Beschuss. Zugleich warnte sie vor Schäden an der Staumauer, was zu einer Katastrophe führen könne. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben zunächst nicht.

Die Betreiber haben nach eigenen Angaben die Leistung des angeschlossenen Wasserkraftwerks auf Notbetrieb heruntergefahren. "Wir arbeiten in einem sehr gefährlichen Modus", sagte der Vizechef des Kraftwerks, Arsenyj Selenskyj, der russischen staatlichen Nachrichtenagentur TASS zufolge. Der staatliche Fernsehsender RT berichtete über regelmäßigen Beschuss der Brücke über den Schiffskanal und den Staudamm selbst.

London sieht russische Position geschwächt

Die russische Position im besetzten südukrainischen Cherson ist nach Einschätzung britischer Geheimdienste durch die Gegenangriffe der Ukraine auf strategisch wichtige Flussquerungen deutlich geschwächt. Über die zwei Hauptstraßenbrücken über den Dnipro könne mutmaßlich keine erhebliche militärische Ausrüstung mehr in die russisch besetzen Gebiete westlich des Flusses transportiert werden, hieß es vom britischen Verteidigungsministerium.

An der wichtigen Antoniwka-Brücke seien den Russen in den vergangenen Tagen nur oberflächliche Reparaturen gelungen, so die Einschätzung aus London. Die andere wichtige Brücke sei durch ukrainische Angriffe mit Präzisionswaffen in den vergangenen Tagen für schwere Militärfahrzeuge unbefahrbar geworden. Selbst nach weiteren Reparaturen würden die Brücken voraussichtlich eine Schwachstelle des russischen Militärs bleiben. Der Nachschub und die Versorgung für Tausende russische Truppen auf der Westseite des Dnipro sei von zwei provisorischen Fährverbindungen abhängig.

Ukraine meldet neue Raketenangriffe im Süden und im Osten

Das ukrainische Militär berichtete am Samstag über neue schwere russische Raketenangriffe im Osten des Landes. So seien die Stadt und die Region Charkiw massiv beschossen worden, teilten die ukrainischen Behörden mit. Drei Menschen, darunter ein 13 Jahre alter Junge, seien im Gebiet Charkiw verletzt und ins Krankenhaus gebracht worden, hieß es. Auch die Stadt Kramatorsk im Donbass wurde nach Behördenangaben am Freitagabend beschossen. Dabei seien mindestens zwei Zivilisten getötet und 13 verletzt worden. Der Donbass war weiterhin das Hauptschlachtfeld.

Das Verteidigungsministerium in Moskau bestätigte in seinem Lagebericht den Raketen- und Artilleriebeschuss unter anderem in den Gebieten Charkiw und Cherson. Der Schwerpunkt lag demnach weiter im Gebiet Donezk, das im Zuge des russischen Angriffskriegs als nächstes Ziel Moskaus komplett der ukrainischen Kontrolle entrissen werden soll. Eingenommen worden sei nun der Donezker Vorort Pisky im Nordwesten der Großstadt, hieß es. Das ukrainische Militär widersprach unterdessen den russischen Angaben über die angebliche Eroberung der Ortschaft. Dort werde weiter heftig gekämpft, teilte der ukrainische Generalstab mit.

Berichte von neuen Angriffen auf AKW Saporischschja

Auch das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja soll wieder Ziel von Angriffen geworden sein. Die Ukraine und Russland machten sich erneut gegenseitig für Angriffe verantwortlich. In der Region Saporischschja warnten die Behörden davor, auf die Straße zu gehen, weil russische Truppen in Richtung des Atomkraftwerks schießen würden. Die Angaben sind von unabhängiger Seite nicht überprüfbar.

In der Luftlinie etwa 45 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernten Gebietshauptstadt Saporischschja schlugen am Freitagabend fünf russische Raketen ein. Dabei seien Gebäude der Infrastruktur zerstört worden, teilte Gouverneur Olexander Staruch mit. Mindestens eine Frau sei verletzt worden. Die sechstgrößte Stadt der Ukraine ist in ukrainischer Hand. Der südliche Teil des Gebietes Saporischschja ist jedoch russisch besetzt.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hat einen sofortigen Abzug russischer Truppen aus dem besetzten Atomkraftwerk Saporischschja in der Südukraine gefordert. Das AKW dürfe nicht in militärische Auseinandersetzungen hineingezogen werden, schrieb Borrell auf Twitter. Er unterstütze Forderungen nach einer Demilitarisierung des Gebietes und dringe auf einen Besuch von Experten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Die internationale Gemeinschaft ist besorgt, weil das seit März von russischen Truppen besetzte größte AKW Europas mehrfach beschossen wurde. Die Ukraine und Russland sehen die Verantwortung jeweils bei der anderen Seite.

Kiew will Verfolgung russischer Kriegsverbrechen vorantreiben

Verteidigungsminister Resnikow richtete derweil eine Bitte um Hilfe für die Verfolgung der Verbrechen über das Außenministerium in Kiew an die Ukraine-Kontaktgruppe, zu der neben den USA auch Deutschland und Großbritannien gehören. Es müsse eine internationale Koalition gebildet werden, um die blutigen Taten zu verfolgen, betonte der Minister. Resnikow bezog sich besonders auch auf das Schicksal von ukrainischen Kriegsgefangenen, die in russischer Haft massenhaft getötet und gefoltert würden. "Ich zweifele nicht daran, dass wir nach dem Sieg der Ukraine in diesem Krieg auf dem einen oder anderen Weg jeden aufspüren werden, der an den barbarischen Morden und der Folter beteiligt ist", sagte Resnikow. Dabei sollten nicht nur die Täter selbst, sondern die Befehlsgeber und jene, die solche Verbrechen rechtfertigten, bestraft werden.

Amnesty kündigt Prüfung seines Ukraine-Reports an

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International will nach heftiger Kritik an ihrem Bericht zur Kriegsführung der ukrainischen Armee dessen Entstehungsprozess aufarbeiten. Man werde von externen Experten eine gründliche Prüfung des Vorgangs durchführen lassen, heißt es in einem der Deutschen Presse-Agentur am Samstag vorliegenden Statement der Organisation. In dem Bericht hatte Amnesty der ukrainischen Armee vorgeworfen, sich in Wohnvierteln zu verschanzen und damit Zivilisten unnötig in Gefahr zu bringen. Kiew kritisierte, die Nichtregierungsorganisation habe durch den Fokus auf Verfehlungen der Armee des angegriffenen Landes eine Täter-Opfer-Verkehrung betrieben. Kritiker stellten auch die Methodik des Berichts teilweise infrage.

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Quelle: ntv.de, kst/dpa

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