Politik

Ukrainischer Militärexperte "Surowikin versteht, dass das rechte Dnipro-Ufer nicht zu halten ist"

AP22292414766836.jpg

Der Oberbefehlshaber der russischen Truppen in der Ukraine, Sergej Surowikin, sprach am Dienstag im russischen Fernsehen von einer "nicht einfachen" Situation im Bezirk Cherson, die zu "nicht einfachen Entscheidungen" führen könnte.

(Foto: AP)

Der ukrainische Oberstleutnant a.D Oleksij Melnyk geht davon aus, dass Russland in Cherson den Rückzug vorbereitet. Er fürchtet allerdings, dass die Russen auf der ukrainischen Seite der Front einen Damm sprengen könnten, um Zeit zu gewinnen. "Wir sprechen hier über eine humanitäre und technologische Katastrophe für die gesamte Region", sagt er im Interview mit ntv.de. Dass in der Ukraine nun die nasse Jahreszeit beginnt, hält er mit Blick auf die ukrainische Offensive im Süden für kein größeres Problem.

ntv.de: Herr Melnyk, seit anderthalb Wochen greift Russland überall in der Ukraine Einrichtungen der kritischen Infrastruktur an, vor allem Wärmekraftwerke. Soll damit nur die Bevölkerung eingeschüchtert werden oder steckt dahinter auch ein militärischer Sinn?

oleksij melnyk.jpg

Oleksij Melnyk ist Oberstleutnant a.D. der ukrainischen Armee und Co-Direktor der Programme der Internationalen Sicherheit der Kiewer Denkfabrik Zentr Rasumkowa. Zwischen 2005 und 2008 war Melnyk zudem erster Berater des ukrainischen Verteidigungsministers. Er gehört zu den profiliertesten Militärexperten der Ukraine.

(Foto: razumkov)

Oleksij Melnyk: Einen größeren militärischen Sinn sehe ich hier nicht, abgesehen davon, dass die ukrainische Luftabwehr dadurch zusätzlich belastet wird. Die Einschüchterung der Zivilbevölkerung dürfte tatsächlich zu den wichtigsten Motiven Russlands gehören, gerade wenn man sich die Ziele anschaut. 30 Prozent der ukrainischen Energieinfrastruktur wurden durch die Angriffe zumindest teilweise zerstört. Militärische Objekte im Hinterland werden dagegen kaum noch angegriffen. Russland will dadurch seine Unfähigkeit, auf dem Schlachtfeld voranzukommen, kompensieren. Damit will Moskau die politische Führung in Kiew zu Verhandlungen zwingen - es steigert aber nur die Entschlossenheit der ukrainischen Gesellschaft, sich zu wehren.

Offensichtlich hat die russische Armee zuletzt massenhaft iranische Kamikaze-Drohnen vom Typ Shahed-136 eingesetzt, die in Russland unter dem Namen Geran-2 geführt werden. Wie gefährlich sind die?

Sie sind billig, fliegen sehr niedrig, sind vergleichsweise klein, wenn auch nicht im Vergleich zu vielen anderen Drohnen, und die Russen können viele gleichzeitig losschicken. Gefährlich ist auch, dass man sie auf dem Radar kaum erkennt. Allerdings hat die Ukraine nicht lange gebraucht, um zu verstehen, wie man sie abfängt: Zuletzt wurden rund 85 Prozent der Drohnen abgeschossen. Aber Russland hat wohl rund 2400 solcher Drohnen bestellt, und bei dieser Masse besteht immer die Gefahr, dass die restlichen 15 Prozent ihr Ziel erreichen. Wichtig ist für die Ukraine, die Drohnen rechtzeitig zu entdecken und ihre Route genau zu verfolgen. Denn diese Drohnen können ihre Flugbahn nur begrenzt verändern. Sie werden daher gegen statische Ziele eingesetzt, nicht gegen militärische Ziele, die sich bewegen können. Um diese Drohnen zu zerstören, braucht man Radar-Störstationen. Abschießen kann man sie sowohl mit Kurz- und Mittelstrecken-Flugabwehrsystemen als auch schlicht mit Schusswaffen.

Wie ist denn die ukrainische Armee in Sachen Flugabwehr aufgestellt?

Die Ukraine verfügt über viele Kurzstrecken-Flugabwehrraketen, zu denen auch tragbare Flugabwehrraketen vom Typ Stinger gehören. Mit diesen schießen die territoriale Verteidigung und der Grenzschutz oft Drohnen ab, aber auch der eine oder andere Marschflugkörper wurde schon auf diese Weise abgefangen. Die Reichweite liegt aber nur bei bis zu fünf Kilometern Höhe. Insgesamt gehört alles, was eine kürzere Reichweite als 40 Kilometer hat - auch das aus Deutschland gelieferte System IRIS-T - zu den Kurzstreckenraketen und dient der Verteidigung eines Frontabschnitts oder der kritischen Infrastruktur. Hier hat die Ukraine Defizite und bräuchte mehr Systeme, aber wirkliche Probleme gibt es im Mittel- und Langstreckenbereich. Das sind bei der Flugabwehr zum einen 80 Kilometer und zum anderen 200 und mehr Kilometer Reichweite. Die Ukraine hat sowjetische Systeme und modernisierte Systeme sowjetischen Ursprungs, aber es fehlen Raketen dafür, die kaum nachproduziert werden können. Außerdem wären Kampfflugzeuge sehr wichtig - mit einer bodengestützten Flugabwehr allein kann die Ukraine ihren Luftraum nicht schließen. Ein Marschflugkörper, auf dessen Route es keine Flugabwehrsysteme gibt, kann nur von einem Kampfflugzeug abgefangen werden.

Reuters berichtet, dass Russland auch ballistische Raketen vom Iran kaufen könnte. Wäre das für die Ukraine ein Problem?

Ballistische Raketen können wegen ihrer spezifischen Flugbahn nur schwer mit üblichen Methoden abgeschossen werden, dafür bräuchte es Lieferungen spezieller Raketenabwehrsysteme. Aber eigentlich wären für Kiew ballistische Langstreckenraketen vom Typ ATACMS dringend notwendig, um sie in den US-amerikanischen Mehrfachraketenwerfer HIMARS einsetzen zu können. Damit können Ziele in einer Entfernung von bis zu 300 Kilometern erreicht werden - und es könnten die Basen zerstört werden, von denen diese Raketen abgeschossen werden.

Die Besatzungsverwaltung von Cherson soll auf das östliche Ufer des Dnipro-Flusses verlegt werden. Zudem sprach der neue Oberbefehlshaber der russischen Truppen in der Ukraine, Sergej Surowikin, am Dienstag von einer "nicht einfachen" Situation im Bezirk Cherson, die zu "nicht einfachen Entscheidungen" führen könnte. Bereitet Russland den Rückzug vom rechten Ufer vor?

Ich glaube, grundsätzlich versteht Surowikin, dass das rechte Ufer nicht zu halten ist. Sie können die Truppen dort nicht mehr richtig versorgen [weil die Ukraine die Brücken über den Dnipro zerstört hat]. Was mir aber Sorgen bereitet ist, dass Surowikin und andere davon sprechen, die Ukrainer hätten die Absicht, den Damm des Wasserkraftwerks Kachowka zu sprengen. Die Ukrainer haben daran natürlich überhaupt kein Interesse, das ist allen klar. Russland hätte dann aber für sich eine Pufferzone erreicht, damit die Kräfte sich geordnet zurückziehen können und die ukrainische Offensive danach ins Stolpern gerät. Außerdem könnte Moskau es propagandistisch ausnutzen, wenn es behauptet, dass die Ukraine die eigenen Bürger einer Flut ausgesetzt hat. Wir sprechen hier über eine humanitäre und technologische Katastrophe für die gesamte Region.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Russland im Bezirk Cherson taktische Atomwaffen einsetzt?

Weder militärisch noch politisch wird das den Russen dort etwas bringen. Falls sie solche Waffen in der Ukraine wirklich einsetzen sollten, wird das wohl nicht im Bezirk Cherson passieren.

Was macht Russland mit den Truppen, die jetzt noch in Cherson stehen, falls diese sich erfolgreich zurückziehen?

Möglich ist, dass sie in den Bezirk Donezk verlegt werden, wo die Russen schon seit einiger Zeit versuchen, in Richtung der Stadt Bachmut vorzurücken. Obwohl dort auch Söldner der sogenannten Wagner-Gruppe eingesetzt werden, die über reichlich Kampferfahrung verfügen, sind die russischen Erfolge dort überschaubar. Russland ist dort aber zumindest nicht in der Defensive.

Belarus und Russland arbeiten gerade daran, in Belarus einen gemeinsamen Truppenverbund auf die Beine zu stellen. Bedeutet das, dass Kiew ein neuer Angriff droht?

Es geht vorerst um rund 9000 russische Soldaten. Da sind offenbar keine Elitetruppen dabei, sondern zum größten Teil gerade mobilgemachte Reservisten. Für die Zukunft kann nichts ausgeschlossen werden, aber in den nächsten Wochen besteht von dort aus keine Gefahr. Bisher dient das dem Zweck, Teile der ukrainischen Armee an der Grenze zu Belarus zu binden. Doch das kann sich irgendwann ändern.

In der Ukraine gehen die warmen Tage gerade zu Ende. Wie wird sich das Wetter auf das Kampfgeschehen auswirken?

Mehr zum Thema

Der Spätherbst gilt traditionell als kein besonders guter Zeitpunkt für Kriegshandlungen. Das stimmt zum Teil, denn etwa im Süden der Ukraine sind Offensivaktivitäten dann auf asphaltierte Straßen begrenzt. Für vorrückende Truppen ist das natürlich eine zusätzliche Gefahr. Die ukrainische Taktik ist aber bisher, Versorgungswege des Gegners zu unterbinden und Munitionsdepots gezielt zu zerstören. Mit Blick auf dieses Vorgehen wird sich vermutlich kaum etwas ändern.

Mit Oleksij Melnyk sprach Denis Trubetskoy

(Dieser Artikel wurde am Donnerstag, 20. Oktober 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen