Politik

Bauernprotest in Berlin "Uns wird der Stinkefinger gezeigt"

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Die Landwirte fühlen sich missverstanden und an den Pranger gestellt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Deutschlands Landwirte sind "sauer". Sauer auf die Agrarpolitik der Bundesregierung. Gegen die neuen Umweltschutzmaßnahmen protestieren Tausende Bauern lautstark in Berlin. Dabei sorgen sie sich nicht allein um ihre Zukunft, sondern auch um ihr Image.

"Wenn wir mit unseren Sprühfahrzeugen unterwegs sind, werden wir angefeindet und bekommen sogar den Stinkefinger gezeigt", sagt Dirk Jägerberg. Dieses "Bauernbashing" müsse ein Ende haben, fordert auch Gerd Klöcker. Die beiden Landwirte aus Niedersachsen sind samt Traktor nach Berlin gereist. Zusammen mit Tausenden Kollegen wollen die beiden gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung demonstrieren.

Vor dem Brandenburger Tor wogt am Mittag ein Meer aus Transparenten. Wie ein Schutzwall ist es umringt von Treckern. "Ich bin sauer", heißt es in dicken schwarzen Buchstaben auf einem der Banner.

"Sauer" sind auch Jägerberg und Klöcker. Sie haben keine Transparente, dafür aber einen ganzen Stapel Flyer dabei. So wollen sie auf die Ziele und Forderungen der Bewegung "Land schafft Verbindung" aufmerksam machen. Ihr Protest richtet sich gegen geplante schärfere Vorgaben zum Insekten- und Umweltschutz, die bei vielen Bauern nur noch als "negative Stimmungsmache" gegen ihren Berufsstand ankommen.

"Von oben kommt nur Druck"

"Wir arbeiten 365 Tage im Jahr, damit die Leute etwas auf den Tisch bekommen", sagt Jägerberg, aber von Wertschätzung fehle jede Spur. Eine faire Diskussion fordert auch Klöcker. "Wir haben doch schließlich auch Kosten und können nicht von der Hand in den Mund leben", sagt er.

Wie die meisten hier fühlen sie sich missverstanden und an den Pranger gestellt. "Die Minister haben ja meist keine Ahnung", sagt Jägerberg. Keiner von denen wisse, wie es sei, einen landwirtschaftlichen Betrieb am Laufen zu halten. "Von oben kommt nur Druck", sagt er. Die Unzufriedenheit der Landwirte ist in Berlin deutlich zu spüren und zu hören. "Wer Bauern quält, wird abgewählt" heißt es auf mehreren Plakaten.

Den Ärger von Tausenden Landwirten bekommt auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze bereits vor ihrer Rede zu spüren. "Wir Bauern stehen mit dem Rücken zur Wand und haben die Schnauze voll von dieser ideologischen Politik", ruft ein Landwirt der SPD-Politikerin zu und erntet tosenden Applaus. Anschließend ertönen "Schulze weg"-Sprechchöre. Die Ministerin hat zu diesem Zeitpunkt noch kein Wort gesagt.

Als Schulze die Bühne betritt, wird sie mit Schweigen begrüßt. "Ich möchte, dass Landwirte Teil der Lösung sind", ruft sie. Etliche Bauern kehren ihr daraufhin demonstrativ den Rücken zu. Sie setze darauf, dass auch die Bauern ein Interesse daran hätten, dass es in Zukunft noch sauberes Wasser und Insekten gebe, fährt Schulze fort. "Aber wir brauchen auch klare Regeln." Dafür erntet sie Pfiffe und Buhrufe aus dem Publikum. "Wir fühlen uns von der Politik nicht mehr vertreten", sagt Jägerberg. Es gebe jetzt schon so viele Auflagen und Kontrollen und "dann kommen auch noch immer mehr Verbote hinzu".

Landwirte sehen ihre Existenz gefährdet

Derzeit arbeitet die Bundesregierung an einem Agrarpaket, das unter anderem ein Verbot von Glyphosat vorsieht. Das umstrittene Pflanzenschutzmittel soll laut Experten Mitschuld am verheerenden Insektensterben sein. Ab 2023 soll daher in Schutzgebieten das insektenschädliche Mittel nicht mehr eingesetzt werden dürfen.

Das stößt bei vielen Bauern auf Unverständnis. "Klar setze ich punktuell Glyphosat ein", sagt Jägerberg. Allerdings produziere er auch nachhaltig: "Alle meine Produkte sind regional und von ausgezeichneter Qualität." Man müsse schließlich auch darauf achten, was für einen CO2-Fußabdruck die Lebensmittel hätten, ergänzt Klöcker. Hinter ihm steht auf einem Traktor in Großbuchstaben: "Ist der Bauer ruiniert, wird dein Essen importiert." Ende Juni hatte die EU ein Freihandelsabkommen mit Südamerika vereinbart. Die Landwirte befürchten, dass dadurch vermehrt billige Agrarprodukte auf den europäischen Markt kommen.

"Vor 50 Jahren noch angesehene Bürger"

"Wir verstehen den Ärger der Bauern", sagt Matthias Lambrecht von Greenpeace, der mit einer kleinen Gruppe von Aktivisten ein Plakat mit der Aufschrift "Wasser, Klima, Tiere schützen, Bauern dabei unterstützen" hochhält. Letztlich seien die politischen Versäumnisse der vergangenen Jahre schuld daran, dass sich die Lage der Landwirte so zugespitzt habe. Andererseits müssten "die Bauern auch verstehen, dass sie eine gewisse Verantwortung haben", sagt Lambrecht.

Auch Bundesagrarministerin Julia Klöckner versucht es mit versöhnlichen Worten, verteidigt aber gleichzeitig die geplanten Neuregelungen der Bundesregierung. Beim Insektenschutz solle jede Maßnahme mit den Bauern besprochen und auf ihre Wirkung untersucht werden, verspricht Klöckner. Dann kündigt sie eine Wertschätzungskampagne für Landwirte an.

"Vor 50 Jahren waren Bauern noch angesehene Bürger", sagt Landwirt Klöcker. Heute sei davon nichts mehr übrig. "Ich bin Landwirt aus Leidenschaft", sagt Jägerberg. Für ihn sei seine Arbeit Beruf und Hobby zugleich. "Doch wenn es so weitergeht, weiß ich nicht, wie lange ich meinen Betrieb noch halten kann."

Quelle: n-tv.de

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