Politik

Dreißig Jahre später Uwe Barschels Tod ist noch immer ungeklärt

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Uwe Barschel weist bei einer Pressekonferenz mit einem "Ehrenwort" alle Beschuldigungen zurück.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Viele sagen, es war Mord. Andere glauben eher an Suizid. Noch heute beschäftigt einige der Tod des CDU-Politikers Uwe Barschel im Jahr 1987. Fehler bei den Ermittlungen und Ungereimtheiten nähren diese Zweifel.

In einer Badewanne liegt, den Kopf gegen ein zusammengerolltes Handtuch gelehnt, der vor Kurzem zurückgetretene Kieler Ministerpräsident Uwe Barschel. Seine Augen sind geschlossen. Komplett bekleidet mit einer schwarzen Hose, einem weißen Hemd und einer gelockerten Krawatte ruht seine linke Hand auf der Brust. Barschel ist tot. Am 11. Oktober 1987 entdeckt der "Stern"-Reporter Sebastian Knauer den Leichnam des einstigen CDU-Hoffnungsträgers in einem Hotelzimmer in Genf. Er schießt ein Foto, das wenige Tage darauf auf dem Cover seiner Zeitschrift erscheint.

Auch 30 Jahre später steht nicht zweifelsfrei fest, ob der 43-Jährige ermordet wurde oder aus eigenem Willen starb. Die Schweizer Behörden gingen rasch nach den ersten Ermittlungen von einem Selbstmord aus. Doch während der Untersuchungen kam es zu etlichen Pannen. Die Polizei stellte im Hotelzimmer Verpackungen von Medikamenten sicher, die später nicht mehr auffindbar waren. Vermutlich wurden sie von Ermittlern versehentlich entsorgt. Auch die Kamera, mit der die Ermittler den Tatort fotografierten, war defekt und die geschossenen Bilder unscharf. Als einzig verwertbare Aufnahmen des Tatorts blieben die, die der "Stern"-Reporter gemacht hatte.

Zum Zeitpunkt seines Todes stand Barschel im Mittelpunkt einer Affäre, die bis heute seinen Namen trägt. Eine Woche vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein, am 7. September 1987, hatte der "Spiegel" aufgedeckt, dass Detektive den Spitzenkandidaten der SPD, Björn Engholm, bespitzelt hatten. Bei der Steuerfahndung seien anonym gefälschte Unterlagen über ihn eingegangen. Ein Referent aus der Kieler Staatskanzlei namens Reiner Pfeiffer legte daraufhin eine eidesstattliche Erklärung ab, in der es hieß, Barschel selbst habe die Steueranzeige und die Bespitzelung angeordnet.

Medikamenten-Cocktail selbst verabreicht

Die Barschel-Affäre geht als beispiellose Schmutzkampagne mit spektakulären Enthüllungen in die Geschichte der Bundesrepublik ein. Öffentlich schwört Barschel auf der berühmten Ehrenwort-Pressekonferenz am 18. September seine Unschuld. Dem Druck kann er jedoch nicht standhalten, eine Woche später erklärt er seinen Rücktritt. Weitere zwei Wochen später ist er tot.

Unumstritten ist, dass Barschel einen hoch dosierten Medikamentencocktail zu sich genommen hat. In seinem Hotelzimmer wurden insgesamt acht Medikamente gefunden, darunter ein Schlafmittel und eines mit stark sedierender Wirkung, das Übelkeit und Brechreiz verhindert.

Seit 1980 soll Barschel das angstlösende Beruhigungsmittel Tavor eingenommen haben. Ein Flugzeugabsturz wenige Monate vor seinem Tod, den er als einziger von vier Insassen überlebt hatte, könnte diesen Konsum verstärkt haben. Barschel hatte am 31. Mai bei einem Anflug auf Lübeck den Piloten trotz schlechter Witterungsbedingungen zur Landung gedrängt. Das jedenfalls warfen Angehörige eines der Unglücksopfer Barschel vor.

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Der damalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel, aufgenommen am 30. Juni 1987 bei einer Pressekonferenz in Mölln

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Genfer Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass Barschel sich den tödlichen Medikamenten-Cocktail selbst verabreicht hat. Danach habe er sich vollbekleidet in die Badewanne gelegt, sei dort eingeschlafen und nach mehreren Stunden an den stark überdosierten Schlafmitteln gestorben.

Es bleiben Zweifel

Der damalige Rechtsmediziner des Hamburger Universitätsinstituts, Werner Janssen, hat 1987 gemeinsam mit dem Leitenden Oberarzt Klaus Püschel die Leiche von Barschel obduziert. "Es war Suizid. Für eine andere Annahme gab es keine Anhaltspunkte", sagte Janssen im vergangenen Jahr der "Zeit". Janssens Sektionsprotokoll schließt "eine versehentliche Überdosierung bei einem bewusstseinsklaren Menschen" angesichts der Substanzenmenge aus. Unwahrscheinlich sei auch die Möglichkeit einer unbemerkten Verabreichung. "Nach den vorliegenden Erkenntnissen gibt es keinen Anhalt für eine Beibringung der zum Tode führenden Substanzen unter äußerem Zwang", heißt es in dem Protokoll.

Doch Hämatome auf der linken Stirnseite, eine verschwundene Flasche Rotwein, die sich Barschel am Abend auf sein Zimmer bestellt hatte, und ein im Hotelflur gefundener Knopf, der zu dem Hemd des CDU-Politikers gehörte, nähren die Mordthese. Zumindest für das Hämatom hatten die Hamburger Ärzte eine Erklärung. Es sei naheliegend, dass Barschel sich die Unterblutung selbst zugezogen habe, etwa an einem Türrahmen oder durch einen Aufstoß am Badewannenrand. Fremdeinwirkung könne ausgeschlossen werden.

Schon nach dem Flugzeugabsturz kamen die ersten Verschwörungstheorien auf. Angeblich hätte die Stasi einen Mordversuch auf Barschel unternommen. Nach seinem Tod machen Gerüchte die Runde, der 43-Jährige habe Geschäftskontakte in den Nahen Osten gehabt oder sei in Waffengeschäfte mit dem Iran und Israel involviert gewesen. Mit seinen zahlreichen Reisen in die damalige DDR hätte er sich die Stasi zum Feind gemacht haben können, heißt es.

Fall beschäftigt einige noch heute

Sieben Jahre nach seinem Tod eröffnet die Staatsanwaltschaft Lübeck auf Wunsche der Familie ein Ermittlungsverfahren. Der Leitende Oberstaatsanwalt Heinrich Wille lässt alle Beweismittel aus dem Genfer Hotelzimmer erneut untersuchen. Auch alle Zeugen werden erneut vernommen. Doch statt Antworten zu finden, werfen die Ermittlungen nur neue Fragen auf. 1998 müssen die Ermittler ihre Untersuchung einstellen. Wille ist bis heute davon überzeugt, dass Barschel ermordet wurde und seine Ermittlungen behindert worden sind.

Auch der Toxikologe Hans Brandenberger wurde von der Familie Barschel beauftragt, die Ergebnisse der Gerichtsmedizin erneut zu prüfen und kommt zu dem Schluss: Das tödlich dosierte Schlafmittel sei erst nach den anderen, ebenfalls hochdosierten sedierenden Mitteln in den Körper gelangt. Barschel wäre physisch gar nicht mehr dazu in der Lage gewesen, nachträglich das tödliche Schlafmittel zu sich zu nehmen. Bei der Zufuhr hätte Barschel unmöglich noch handlungsfähig sein können. Die tödliche Substanz muss dem CDU-Politiker deswegen im Zustand der Bewusstlosigkeit eine andere Person verabreicht haben, schlussfolgert Brandenberger.

Sicher ist nur: Je mehr Zeit vergangen ist, desto eher scheint die Öffentlichkeit an einen Mord zu glauben - auch wenn es bis heute weder ein konkretes Motiv noch glaubwürdige Tatverdächtige gibt.

Quelle: n-tv.de, mit dpa

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