Sänger führt Epstein-Demo an"Verschwörungsszene setzt auf Naidoo als Galionsfigur"
Von Sebastian Huld
Am Samstag will Xavier Naidoo eine "Kinderschutz"-Demo in Berlin anführen. Die jüngsten Auftritte des Sängers und die Namen seiner Mitstreiter zeigen: Naidoo ist zurück in der Verschwörungsblase - zur Freude interessierter Dritter.
Jürgen Elsässer kann sein Glück kaum fassen. Der Auftritt des Sängers Xavier Naidoo bei einer für Samstag angemeldeten Demonstration in Berlin sei "wirklich eine einmalige Sache", schwärmt der Herausgeber des rechtsextremistischen "Compact"-Magazins. "Zum ersten Mal lässt er sich einbinden und ist im Grunde der Promoter von so einer Demonstration", sagt Elsässer auf dem Youtube-Kanal seines Blatts. Naidoo ruft per Video zur Teilnahme auf, soll in Berlin angeblich auch singen - und kehrt sehenden Auges zurück in den Schoß der Verschwörungsunternehmer und Rechtsextremisten, von denen er sich doch angeblich abgewandt hatte.
Die an der Siegessäule startende Versammlung fordert "die Aufklärung möglicher deutscher Verbindungen im internationalen Epstein-Komplex". Hintergrund ist die Veröffentlichung der Ermittlungsakten zum hundertfachen sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch den US-Finanzmanager Jeffrey Epstein. Angebliche Hinweise auf Verbindungen Epsteins nach Deutschland halten einschlägige Influencer, Verschwörungsaktivisten und Teile des rechtsextremistischen AfD-Vorfelds in Atem.
Das Institut Cemas, das Extremismus und Verschwörungserzählungen im Internet beobachtet, stellt eine im deutschen Sprachraum hochkochende Debatte fest: "Die Szene hatte sich schon vorher für Epstein interessiert, auch wegen dessen Kontakten zu Bill Clinton, seit Veröffentlichung der Akten ist das Thema aber noch mal merklich hochgegangen", sagt Cemas-Geschäftsführer Josef Holnburger.
Gibt es eine deutsche Causa Epstein?
Bislang haben deutsche Medien kaum über Epsteins Kontakte nach Deutschland berichtet, die Auswertung der mehr als drei Millionen Seiten samt Tausenden Namen ist aufwendig. Für die Netzakteure gilt die Hürde journalistischer Recherche nicht: "Sie zählen Namen auf, die sie in den Akten gefunden haben, obwohl sich darin viele Menschen wiederfinden, die mit Epstein nicht direkt zu tun hatten", sagt Holnburger.
Inzwischen hat das Thema den Bundestag erreicht: Am Freitag vergangener Woche verlangte die AfD-Fraktion eine Kommission, die "Anhaltspunkte für deutsche Bezüge zu den Epstein-Akten systematisch untersuchen" solle. Ihr Abgeordneter Götz Frömming zählte bei der Einbringung des Antrags auch die Namen von sechs Deutschen auf, die sich den Akten zufolge in Epsteins Umfeld bewegten, aus welchen Gründen auch immer.
Grünen-Fraktionschefin Irene Mihalic warf der AfD in ihrer Gegenrede vor, im Antrag bewusst antisemitische Verschwörungserzählungen zu bedienen. Am Ende der hitzigen Debatte verweigerten die übrigen Fraktionen dem AfD-Antrag ihre Zustimmung, wie immer. Dennoch deutete AfD das Votum als Beleg, dass alle anderen Parteien offenbar Epsteins Netzwerk schützen wollten.
Parallel hierzu widmet sich das "Compact"-Magazin in seiner aktuellen Ausgabe ebenfalls dem Thema Epstein und raunt auf der Titelseite in Großbuchstaben von "Mädchen Mossad Machteliten". Elsässer wirbt für die Ausgabe mit Informationen über Epsteins "Verbindung zur Rothschild-Bank oder auch zum Mossad". Ohne Antisemitismus geht es so gut wie nie bei Verschwörungserzählungen.
Die Verbindungen zwischen "Compact" und AfD sind gut belegt - genauso wie zwischen AfD und "Deutschland Kurier". Für den Onlinekanal produziert auch der rechtsesoterische Verschwörungsideologe Matthäus Westfal Videos. Der als "Aktivist Mann" auftretende Westfal steht wie Elsässer seit den Corona-Jahren mit Naidoo in Kontakt - und ist Anmelder der "Kinderschutz"-Demo am Samstag in Berlin.
Naidoos doppeltes Comeback
"Xavier Naidoo erreicht ein ganz anderes, viel größeres Publikum als etwa 'Compact' oder irgendwelche Telegram-Kanäle", sagt Extremismusforscher Holnburger. "Deshalb ist Elsässer auch so euphorisch: Die Verschwörungsszene setzt auf Naidoo als Galionsfigur, nachdem sie in den vergangenen Monaten und Jahren zunehmend Probleme hatte, große Menschenmengen zu mobilisieren."
Im Dezember und Januar bestritt Naidoo nach sechs Jahren ein erfolgreiches Comeback: Die "Bei meiner Seele"-Tournee füllte an 16 Abenden große Arenen von Hamburg bis Wien. Mitte Februar gab der Sänger dann sein Comeback in der Verschwörungsszene.
Naidoo tauchte am Rande einer Demonstration vor dem Kanzleramt auf; er bat vor laufenden Kameras den Wachschutz um ein Gespräch mit dem Bundeskanzler. Angestachelt auch von Westfals Suggestivfragen berichtete Naidoo, Geheimbünde "fressen unsere Kinder", während der Snackhersteller Lay’s aus Embryonen gewonnene Gewürzmittel auf Chips streue. Noch im April 2022 hatte sich Naidoo öffentlich distanziert von seinen Verschwörungserzählungen und sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.
Holnburger überzeugte die unkonkret gehaltene Entschuldigung schon damals nicht. In Naidoos jüngstem Interesse an Epstein, den der Sänger in Zusammenhang mit Ritualmorden an Kindern bringt, zeige sich die Kontinuität antisemitischer Motive in Naidoos Ausführungen: "Die Epstein-Verbrechen werden benutzt, um vorher verbreitete Verschwörungserzählungen als nun ebenfalls bewiesen darzustellen." Darunter fallen die sogenannte "Pizzagate"-Erzählung von einem Washingtoner Kinderhändlerring und die für Außenstehende kaum zu überblickende QAnon-Erzählung von massenhaft entführten und gequälten Kindern, aus deren Blut das vermeintliche Verjüngungsmittel Adrenochrom gewonnen wird.
Naidoo war mindestens bis April 2022 QAnon-Anhänger. Nun wurde sein Aufruf zur Demonstration in Berlin von Lionmedia verbreitet, seit Jahren einer der eifrigsten und reichweitenstärksten QAnon-Kanäle in Deutschland. Holnburger beobachtet bei Verschwörungsgläubigen wie Naidoo ein starkes Motiv: "Diese jahrhundertealten Ritualmordlegenden dienen vor allem der Selbstaufwertung, weil man dann vermeintlich gegen das moralisch Bösartigste kämpft, was überhaupt vorstellbar ist." Und immer sind diese Erzählungen antisemitisch aufgeladen.
Noch keine größere Mobilisierung zu erkennen
Vor dem Kanzleramt erklärte Naidoo noch, Demonstrationen und Spaziergänge wie zu Corona-Zeiten seien "sinnlos". Zwei Wochen später, am 4. März, macht Westfal in seinen Netzwerken die Anmeldung der "Kinderschutz"-Demonstration bekannt. Einen Tag darauf verbreitet Westfal den Video-Aufruf von Naidoo - eine Minute, nachdem der Clip ins Netz geladen wurde. Lionmedia-Betreiber Leonard Ziernstein widmete derweil seinen Fan-Kanal auf Telegram zur Koordinationsgruppe für Mitfahrgemeinschaften nach Berlin.
Zehntausend Teilnehmer sind zu dem im Tiergarten startenden Demonstrationszug angemeldet. Die Berliner Behörden listen eine "Initiative Rechtsstaat Kinderschutz Transparenz" als Veranstalter auf, bestätigen auf Nachfrage aber lediglich, dass es sich beim Anmelder um eine Einzelperson handele. Ob Westfals Demonstration tatsächlich den Auftakt einer neuen Mobilisierungswelle bildet, beurteilt Holnburger skeptisch: "Von den Querdenken-Veranstaltungen wissen wir um den Aufwand mit Bussen und Fahrgemeinschaften, davon sehe ich in den Netzwerken und Kanälen bisher wenig."
Naidoo nimmt zwar Videos auf, die der Demo-Anmelder Westfal anschließend verbreitet. Von seinen offiziellen Künstlerkanälen mit vielen Hunderttausend Followern halten Naidoo oder sein Management das Thema aber fern. Offensichtlich soll Naidoos wiedererwachter Aktivismus nicht das musikalische Comeback des Künstlers gefährden.
Ob Rap, Pop, Schlager, Soul oder christliche Musik: Naidoos Gesang, seine Texte und die zur Schau getragene Spiritualität finden seit Jahrzehnten Anklang in den verschiedensten Milieus. Über schon lange vor der Corona-Pandemie krude Ansichten sahen oder lächelten Kollegen, Fans und Unterhaltungsindustrie über Jahre hinweg. Für Holnburger ist das nur schwer verständlich: "Die antisemitischen Motive und Codes in seinen Liedern, seine vielen Postings im Umfeld von religiösen und rassistischen Extremisten: Man kann den Künstler Naidoo gar nicht von seinem Werk trennen."