Politik

Die Weltsicht in Putins StaatViele Russen wähnen ihr Land als Opfer

28.01.2026, 08:46 Uhr
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Kremlchef Putin nährt seit Jahren den Opfer-Mythos. (Foto: picture alliance / Sipa USA)

Die Propaganda wirkt: Eine Mehrheit der Russen unterstützt offenbar noch immer den Krieg. Dabei sei ihnen klar, "dass Putin diesen Krieg bis zur völligen Erschöpfung fortsetzen wird", sagt der Soziologe Gudkow. Dabei hoffen die Russen ausgerechnet auf US-Präsident Trump.

Viele Menschen in Russland sehen sich einer Umfrage zufolge von ausländischen Feinden umzingelt, während sie ihr eigenes Land als Opfer betrachten. Dies sei eine Folge der unablässigen antiwestlichen Propaganda, sagte der russische Soziologe Lew Gudkow vom unabhängigen Lewada-Zentrum Moskau in Berlin bei der Vorstellung seiner Ergebnisse.

Im Auftrag der deutschen Sacharow-Stiftung hat das Institut, in Russland als Auslandsagent eingestuft ist, die Weltsicht der Russen nach vier Jahren Ukraine-Krieg erforscht. In den mehr als 30 Jahren seit dem Ende der Sowjetunion habe Russland nur sechs Jahre lang keinen Krieg geführt, sagte Gudkow. Er sprach von einer "Militarisierung des Bewusstseins".

Unter den mehr als 1600 Befragten sahen 62 Prozent Polen und Litauen als feindselige Länder, gefolgt von Großbritannien (57 Prozent), Deutschland (50 Prozent), Schweden (40 Prozent). Die USA wurden überwiegend als Konkurrent eingestuft (53 Prozent). Auf die Frage nach fünf befreundeten Ländern wurden am häufigsten Belarus, China, Kasachstan, Indien und Nordkorea genannt - mit Ausnahme von Indien repressiv bis diktatorisch regierte Staaten.

Das Bild der USA hat sich bei den Russen über die vergangenen Jahrzehnte mehrfach positiv oder negativ verändert. Es war schlecht unter Präsident Joe Biden wegen der Unterstützung für die Ukraine. Und es verbesserte sich mit dem Amtsantritt von Donald Trump, der ein rasches Ende des Kriegs versprach.

Trump soll den Frieden bringen

"Die Menschen sind den Krieg leid", sagte Gudkow. Die Hoffnungen seien auf Trump übertragen worden, weil klar sei, dass Kremlchef Wladimir Putin den Krieg nicht beenden werde und daran auch nichts zu ändern sei. Die Sehnsucht nach Frieden bedeute aber keine Bereitschaft zu Kompromissen: "Die Russen sind überzeugt, dass die Ukraine aufgeben und kapitulieren wird."

Den Krieg sehen die Russen als vom Westen aufgezwungen an. Russland sei nie ein Aggressor oder Initiator von Konflikten mit anderen Ländern gewesen - im Jahr 1998 bejahten 36 Prozent der Russen diese Aussage. Bis 2024, als die Invasion in die Ukraine schon zwei Jahre dauerte, wuchs dieser Anteil sogar auf 65 Prozent.

In einem Interview mit dem "Spiegel" sagte Gudkow, eine große Mehrheit der Russen unterstütze noch immer den Krieg gegen die Ukraine. Dabei sei ihnen klar, "dass Putin diesen Krieg bis zur völligen Erschöpfung fortsetzen wird - ungeachtet aller Opfer und der gnadenlosen Zerstörung", sagt der Forscher. "Gleichzeitig aber nehmen wir eine große Kriegsmüdigkeit, Unsicherheit und diffusen Unmut in der Bevölkerung wahr."

Kaum einer in Russland glaube an die Schuld der Ukraine, lediglich 16 bis 17 Prozent. "Etwa 70 Prozent nennen die Nato, 80 Prozent die USA als Schuldige. Dagegen machen nur sechs bis acht Prozent der Befragten ihr eigenes Land Russland verantwortlich. Die Russen schieben damit die Verantwortung für den Krieg vollständig von sich."

Zwar würde die Mehrheit der Menschen es gutheißen, wenn Putin die Kämpfe einstelle. Allerdings würden 60 Prozent den Abzug der russischen Streitkräfte aus den besetzten ukrainischen Gebieten verurteilen. Gudkow erforscht seit vielen Jahren die Ansichten seiner Landsleute, inzwischen wird auch er in Russland als sogenannter ausländischer Agent diffamiert.

Quelle: ntv.de, ghö/dpa

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