Politik

Transportertraum für Piloten Von der Transall zum Airbus A400M

MSN18Taxi022852800.jpg

Ein Flugzeug für 175,31 Millionen Euro pro Stück: "So einen Vertrag unterschreiben wir nie wieder, so viel steht fest."

(Foto: Airbus)

Später und teurer als geplant: Der A400M soll die Bundeswehr in ein neues Zeitalter hieven. Doch das neue Flugzeuge gilt schon jetzt als Symbol für die Probleme bei großen Rüstungsprojekten. Hersteller Airbus kontert mit ganz eigenen Vorwürfen.

Die Ohrenstöpsel brauchen Bundeswehrsoldaten nicht mehr, wenn sie künftig in ihre Einsatzgebiete fliegen. Der A400M startet verhältnismäßig leise, aber sehr steil in den stark bewölkten Himmel über der spanischen Metropole Sevilla. Mit einer Neigung von 19 Grad hebt das künftige Transportflugzeug der Bundeswehr ab. "Das sind zwei Prozent mehr, als das, was die Transall unter besten Bedingungen kann", sagt Airbus-Testpilot Thomas Wilhelm ein bisschen stolz.

Mit der Transall C-160 fliegt die Luftwaffe seit fast 50 Jahren. Die Maschinen sind in internationalen Einsätzen weltweit sehr gefragt, weil sie auch auf unebenem Gelände landen können - etwa mitten in der Wüste. Deswegen hat die Bundeswehr sie nach Afghanistan oder nach Mali geschickt. Zuletzt waren Transall-Maschinen an der Ebola-Luftbrücke in Westafrika beteiligt. Aber die Oldtimer der Luftwaffe sind auch anfällig für Pannen.

Im Oktober fielen gleich zwei Maschinen hintereinander aus, die Militär-Ausbilder in den Irak bringen sollten. Mit dem A400M soll das nicht mehr so schnell passieren. "Das sind zwei Generationen Unterschied", sagt Wilhelm dazu bei einem Testflug mit Journalisten. Der Pilot war selbst 18 Jahre lang mit der Transall unterwegs. "Das ist wie der Unterschied zwischen einem Auto aus den 60er Jahren und einem Wagen der heutigen Zeit."

Mit Klo und Panzer ins Krisengebiet

Der A400M ist deutlich größer und leistungsfähiger als die Transall. In den Rumpf passt mehr als doppelt so viel Material, auch Hubschrauber und leichte Panzerfahrzeuge. 116 Passagiere können deutlich komfortabler befördert werden. Die Sitze sind zwar nicht Businessclass, aber ermöglichen anders als in der Transall eine einigermaßen natürliche Sitzposition und sind mit Kopfstütze ausgestattet. Ein zivilisatorischer Fortschritt ist außerdem die Toilettenkabine - in der Transall gab es nur eine Klappe in der Bordwand mit Vorhang.

Der oder die A400M?

Flugzeuge tragen viele Namen: Seriennummern, Typbezeichnungen, militärische Codes, Titel für die Vermarktung oder Spitznamen aus der Truppe. Beim Airbus A400M "Atlas" jedoch herrscht Verwirrung. Der Flieger scheint in Fachkreisen zuweilen das Geschlecht zu wechseln. Der Airbus? Das Flugzeug? Die A400M?

Die Lösung ist simpel. In der Umgangssprache sprechen Politiker und Laien von "dem Airbus", "dem Transportflieger" und damit auch von "dem A400M". Ingenieure und Piloten wiederum orientieren sich an einer alten Tradition, derzufolge Fluggeräte generell weiblich sind. Sie sagen die "A400M".

Diese eigentümliche Gepflogenheit verrät weniger über etwaige Gefühle im Cockpit als über die Geschichte der Fliegerei insgesamt. Denn die Fortbewegung durch die Luft baut in vielen großen und kleinen Details auf den Jahrhunderte alten Erfahrungen der Seefahrt auf. Davon zeugen nicht nur die Uniformen ziviler "Flugkapitäne" oder die Ankunft am "Flughafen". Auch die Kunst der "Navigation" oder eben das Geschlecht der Maschine sind Überreste dieser Entwicklung. Denn Schiffe, so gilt zumindest im angelsächsischen Sprachraum, tragen schon immer weibliche Namen.

Die Bundesregierung hat insgesamt 53 Exemplare des neuen Transportflugzeugs bestellt. Das erste wird seit Ende Oktober von der Luftwaffe am Standort der Endmontage in Sevilla getestet. Noch in diesem Jahr soll es offiziell übergeben und an den Fliegerhorst im niedersächsischen Wunstorf überführt werden. Der A400M ist aber nicht nur ein modernes Transportflugzeug. Er ist auch ein Symbol für die Probleme bei deutschen Rüstungsprojekten. Vier Jahre ist die Auslieferung in Verzug. Der Stückpreis ist laut Verteidigungsministerium im Laufe der Jahre von 124,79 Millionen Euro auf 175,31 Millionen Euro gestiegen.

"Das unterschreiben wir nie wieder"

Airbus will aber nun nicht mehr als Sündenbock dastehen und versucht das Negativ-Image des A400M aufzupolieren. "Das ist alles übertrieben", sagt der Vertriebschef von Airbus Defence and Space, Christian Scherer. "Der A400M ist kein schwarzes Schaf." Der Airbus-Vorstandschef Thomas Enders machte seinem Ärger über das A400M-Bashing kürzlich in einem "Cicero"-Interview noch deutlicher Luft: "Wir werden uns nicht noch einmal in die Tasche lügen und von Regierungen zu Programmvereinbarungen drängen lassen, wenn die zugrundeliegenden Termine und Budgets von vornherein unrealistisch sind", sagte er. "So einen Vertrag wie beim A400M unterschreiben wir nie wieder, so viel steht fest."

Wann der erste A400M in einen Bundeswehr-Einsatz starten wird, ist noch offen. Bei Airbus heißt es, eigentlich wäre das schon im Dezember möglich. Die Luftwaffe will sich aber etwas Zeit lassen und zunächst einmal mit dem neuen Flieger trainieren. Die französische Luftwaffe, die im August vergangenen Jahres ihren ersten A400M erhielt, war nicht so zögerlich. Schon nach vier Monaten startete die erste Maschine nach Mali.

Vortritt für die Franzosen

Kritik an dem Auslieferungsplan der deutschen Militärtransportmaschinen lässt man bei Airbus nicht gelten. "Kritiker der aktuellen Zeitplanung sollten auch wissen, dass die - durchaus mögliche - Auslieferung der A400M zu einem früheren Zeitpunkt von der Bundesregierung nicht verlangt worden ist", erklärte ein Airbus-Sprecher im Herbst. "Man ließ Frankreich den Vortritt, deren Ersatzbedarf für die Transall noch augenfälliger war als der der Bundeswehr."

Das Projekt hatte immer wieder durch Verzögerungen und Preissteigerungen für Spannungen und offenen Streit zwischen dem deutschen Verteidigungsministerium, dem Airbus-Konzern und den übrigen Partnerländern gesorgt. Die Propellermaschine wird mehr als fünf Jahre später als ursprünglich geplant ausgeliefert.

Insgesamt wirkt die Entwicklungszeit recht kurz: Offizieller Projektstart war im Jahr 2003. Im Dezember 2009 konnte die A400M zum Jungfernflug abheben. Anfang August 2013 kann die französische Luftwaffe den ersten einsatzfähigen Transporter in Empfang nehmen.

Projektbremsen bei der Bundeswehr?

Zehn Jahre vom Projektstart bis zum Beginn der Auslieferung sprechen tatsächlich für ein vergleichsweise zügiges Tempo. Airbus verweist darauf, dass bei den Franzosen und in der Türkei mittlerweile bereits sechs Maschinen im Einsatz sind - und verschweigt, dass der Auftragserteilung im Jahr 2003 fast zwei Jahrzehnte Vorentwicklung voraus gingen.

Für den Flugzeugbauer liegen die Gründe für den verspäteten Einsatz neuer Rüstungstechnik vor allem bei der Bundeswehr selbst. "Man darf gespannt sein, wie lange der Prozess bei der Bundeswehr von der Bereitstellung der Maschine bis zum ersten Einsatz dauert", meinte ein Airbus-Insider. "Die deutsche Rüstungsbürokratie sollte in Zukunft auch den Vergleich mit anderen einsatzorientierten Streitkräften nicht mehr scheuen müssen." Airbus sei bereit, die Truppe bei der Einführung des neuen Fluggeräts bei jedem Schritt zu unterstützen.

Aus der Sicht von Airbus liegen Hauptgründe für die schlechte Verfassung der Bundeswehrausrüstung bei der Bundeswehr selbst: "Mangelhafte Ersatzteilversorgung, Personal- und Organisationsdefizite, überkommene Strukturen, fehlender Fokus und deshalb unzureichende Ressourcen", fasst ein Airbus-Vertreter die Ursachen zusammen.

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa/rts