Politik

Baerbock stellt ihr Buch vor "Wahlkampf kommt auch von kämpfen"

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Gut gelaunt stellt Baerbock ihr Buch vor. Dass sie unter Druck steht, ist aber spürbar.

(Foto: REUTERS)

Es könnte besser laufen. Nach furiosem Start verlieren die Grünen wieder an Rückhalt. Der Parteitag und nun ein Buch von Kanzlerkandidatin Baerbock sollen sie wieder in die Offensive bringen. Gelingt das? Kämpfen jedenfalls will die Parteichefin.

Mit dem Wetter ist Annalena Baerbock vollauf zufrieden. "Eigentlich bin ich ein Sommertyp, voll und ganz", sagt sie gut gelaunt auf der Dachterrasse des Berliner Hauses der Kulturen der Welt. Die Sonne scheint, es ist heiß und das Kanzleramt ist in Sichtweite. Ein Omen? Nein, aber eine gut platzierte Buchvorstellung für Baerbocks "Jetzt. Wie wir unser Land erneuern".

Es ist nicht unüblich, dass Politiker Bücher schreiben. Dass die Grünen-Chefin und erste Kanzlerkandidatin der Partei es jetzt, in der beginnenden heißen Phase des Wahlkampfs vorlegt, überrascht aber doch. Es erklärt vielleicht, warum sie das Werk nicht zusammen mit einem Spitzenpolitiker einer anderen Partei vorstellt, wie es bei ähnlichen Veranstaltungen Usus ist. Und es zeigt vielleicht, dass Baerbock wieder in die Offensive kommen will, nach den Rückschlägen der vergangenen Wochen.

Eignet sich das Buch dazu? Es entstand parallel zum Wahlprogramm, was sich auch bemerkbar macht. Es ist ein politisches Programm für die Zukunft und enthält eher allgemeine Vorstellungen als konkrete Forderungen. Es geht um Klimaschutz, die Vielfalt der Gesellschaft und Außenpolitik, angereichert durch autobiographische Einblicke in Kindheit und Jugend sowie ihre politische Laufbahn. Warum es nicht persönlicher geworden ist? Sie fände es "etwas suspekt, mit 40 eine Autobiographie zu schreiben", sagt Baerbock. "Ich habe vor, noch ein paar Jährchen länger zu leben."

Zu persönlich will sie aber auch bei der Buchvorstellung nicht werden. "Was privat ist, bleibt privat", sagt die Politikerin. Aber die Zuhörer erfahren etwa, dass ihre 2011 geborene Tochter jetzt selbst Nachrichten lesen kann, auch die über ihre Mutter. Dass im Garten der ehemaligen Trampolin-Leistungssportlerin noch ein solches Sportgerät zum Stressabbau steht. Und dass sie wenig Zeit hat, Serien zu schauen.

"Haudrauf, das ist nicht meine Art"

Wer das grüne Wahlprogramm etwas kennt oder sich mit Baerbock beschäftigt hat, erfährt nicht allzu viel neues, weder aus dem Buch, noch bei dessen Vorstellung. Zu besprechen gibt es dennoch einiges. Denn Baerbock ist nach ihrer Kür zur grünen Kanzlerkandidatin zwar mit sehr viel Rückenwind und sehr guten Umfragewerten in den Wahlkampf gestartet. Doch mittlerweile hakt es, aus ganz verschiedenen Gründen. Selbstgemachte Fehler mischen sich mit misslungenen Strategien der Grünen und Angriffen von allen politischen Seiten. Und die Union hat in Umfragen wieder die Führung übernommen.

Die hohe Aufmerksamkeit hat Baerbock zumindest nicht überrascht. "Dass da jeder Punkt und jedes Komma angeschaut und umgedreht wird, das war mit unserer Kanzlerkandidatur-Ankündigung für uns klar", sagt sie. Dennoch habe sie geärgert, "dass wir so fokussiert waren auf das Wahlprogramm, und andere Dinge nicht gecheckt haben", erklärt sie mit Blick auf die scharfe Kritik an nicht gemeldeten Sonderzahlungen und Ungereimtheiten in ihrem Lebenslauf. Gelernt hat sie zudem, das Mikrofon erst anzuschalten, wenn sie auf ein Podium trete. "Danach stöpsele ich es auch wieder ab", sagt Baerbock. Es ist eine Lehre vom Parteitag, wo sie nach ihrer Rede einen Kraftausdruck benutzte, während das Mikro noch angeschaltet war.

Ob sie nachtragend sei, wird Baerbock gefragt. Sie verneint. Aber dass ihr die politischen Angriffe zuletzt zugesetzt haben und sie unter Druck steht, hört man immer wieder durch. Vor allem solche Attacken, die grüne Positionen bewusst zuspitzen, sie verdrehen. Statt über ihre eigenen Positionen zu sprechen, hätten "andere sich darauf beschränkt, zu kritisieren, was die Grünen machen", sagt die Parteichefin. "Dieses Haudrauf, das ist nicht meine Art, das ist nicht unsere Art", sagt sie, stellt aber gleichzeitig klar: "Wahlkampf kommt auch von kämpfen. Darum wird es in den kommenden Monaten auch gehen."

"Manches ist für Frauen in der Politik einfach anders"

Kämpfen muss Baerbock. Die 40-jährige Mutter kleiner Kinder hat realistische Chancen aufs Kanzleramt. Auch das ist ein Grund für viel Hass und Hetze in sozialen Netzwerken. "In meiner Rolle als erste Kanzlerkandidatin der Grünen gab es auch viele Fragen mit Blick auf Alter und mit Blick auf Kinder", sagt Baerbock. Ob eine Frau in Deutschland Kanzlerin werden kann, sei aber nicht gefragt worden. "Viele Kämpfe wurden von anderen Frauen schon erkämpft", erklärt sie unter Verweis auf Kanzlerin Angela Merkel und die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth. Sie erlebe aber auch, dass ein paar Kämpfe eben noch nicht zu Ende seien.

Diskussionen über Weiblichkeit in der Politik lehnt sie dennoch ab. "Ich hadere sehr mit diesem Schwarz-Weiß", sagt Baerbock über weibliches und männliches Regieren. Gleichzeitig stellt sie fest, dass die Erfahrungen, die Frauen auch in westlichen Demokratien in der Spitzenpolitik machen würden, ihren Blick darauf prägen, "was es mit Menschen machen kann, wenn sie mit Härte und Unrecht getroffen werden". Manches sei für Frauen in der Politik einfach anders als für Männer.

Baerbock beklagt auch, dass sich in der Politik nicht immer das beste Argument durchsetze. "Aber eigentlich sollte es so sein. Rede und Gegenrede, das macht mir Spaß, das spornt mich an." Als sie ihre politische Karriere gestartet habe, sei sie schockiert gewesen, dass viele Menschen eine Kluft wahrnehmen würden zwischen sich und der Politik. Das habe sie angetrieben, diese Kluft zu schließen. Was ihr dabei hilft, in der Normalität anzukommen? Die Kinder. Und die Erfahrungen aus dem Sport: Teamgeist, der Mut Neues zu wagen, und der Umgang mit Tiefschlägen. Wichtig sei, daraus zu lernen, man müsse das abhaken und beim nächsten Mal besser machen, sagt Baerbock. Auf dem Trampolin dürfte das aber leichter sein als in der heißen Phase des Wahlkampfs.

Quelle: ntv.de

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