Politik

Durchhalteparolen in der Krise Wann ist der Sturm vorüber?

In der Corona-Krise profiliert sich Gesundheitsminister Spahn als souveräner Krisenmanager, der ehrlich und offen über den Stand der Dinge informiert. Doch ob die angeordneten Maßnahmen wirken, bleibt unklar. Genauso, was passiert, sollten sie nicht greifen. Stattdessen beginnt die Zeit der Allgemeinplätze.

"Noch ist das die Ruhe vor dem Sturm", sagte Jens Spahn heute Vormittag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler. Was der Bundesgesundheitsminister meint, ist, dass uns das Schlimmste in der Corona-Krise noch bevorsteht. Italienische Zustände womöglich, oder spanische. Tausende Tote, überlastete Krankenhäuser, Ärzte, die schon im Wartezimmer entscheiden müssen, wer leben darf und wer nicht.

Um dies zu verhindern, gilt seit dem vergangenen Sonntag deutschlandweit eine weitgehende Kontaktsperre. Noch mindestens die ganze nächste Woche sind öffentliche Ansammlungen von mehr als zwei Personen verboten. Teilweise ist nicht einmal das alleinige Verweilen im Park erlaubt. In der Frühlingssonne ein Buch lesen? Nicht möglich.

Trotz dieser gravierenden Einschränkungen gibt die Bundesregierung ein äußerst souveränes Bild ab. Ja, am Anfang zögerte die Politik. Genauso, wie viele andere, weil sich die Gefahr abstrakt viele Tausend Kilometer entfernt in China abspielte und mehrheitlich zu einer zweiten Grippewelle verklärt wurde. Als das Coronavirus europäischen Boden erreichte und bald ganz Norditalien unter Quarantäne gestellt wurde, war die Reaktion besonnen und energisch. Ruhig und sachlich erklären Bundeskanzlerin Angela Merkel, Minister Spahn und RKI-Chef Lothar Wieler seitdem regelmäßig den aktuellen Stand der Dinge. Appellieren, warnen, machen Mut. Und überzeugen.

Staunen im Ausland

Im RTL/ntv Trendbarometer trauen aktuell 40 Prozent der Bundesbürger der Union zu, mit den Problemen in Deutschland am besten fertig zu werden - vor zwei Wochen lag dieser Wert noch bei 20 Prozent. In anderen Ländern staunt die Öffentlichkeit über die niedrige Sterblichkeitsrate in Deutschland. Wenn Länder gesucht werden, die mit der Herausforderung besonders gut zurechtkommen, wird neben Südkorea, Singapur und Taiwan mittlerweile immer häufiger auch die Bundesrepublik genannt.

Aber diese kleinen Erfolgsgeschichten rücken eine andere Frage in den Fokus der Menschen: Wann kommt der Sturm eigentlich? Und woran erkennen wir, dass er vorüber ist?

"Wir müssen es schaffen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und die Kapazitäten auf den Intensivstationen in Deutschland zu erhöhen", sagte Spahn heute Vormittag. Ein Appell, den es so aus seinem Mund schon vor beinahe vier Wochen gab. Wie viele Kapazitäten wir seit Anfang März aufgebaut haben, wie viele noch fehlen, um den Sturm meistern zu können - das sagte Spahn nicht.

Was ist der Plan?

Auch nicht, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Oder auf dem falschen. Zunächst müsse sich in den Zahlen der Infektionsfälle zeigen, ob die Maßnahmen Wirkung zeigten und sich die Ausbreitung verlangsamt habe, sagte Spahn. "Es braucht jetzt ein paar Tage, bis wir das sehen." Frühestens nach Ostern soll es so weit sein.

Aber was passiert denn, wenn sich herausstellt, dass die Maßnahmen nicht greifen? Wie sieht die Exit-Strategie der Bundesregierung aus, wenn es gut läuft?

Spahn erinnerte lediglich mit Allgemeinplätzen daran, dass es "auch eine Zeit nach Corona geben" wird, und dass es eine Debatte darüber geben müsse, wie Deutschland schrittweise wieder ein Stück Normalität herstellen könne. Ihn beschäftige, "wie wir die Freiheiten zurückbekommen, aber Balance dazu halten, neue Virusherde zu verhindern".

Junge Menschen zuerst

Dabei scheint der Plan bereits zu reifen. In der Social-Media-App Jodel, auf der bevorzugt junge Menschen unterwegs sind, stellte sich Kanzleramtschef Helge Braun am Mittwoch eine Stunde lang den Fragen der Nutzerinnen und Nutzer. Darunter auch, wie es denn nun mit den Beschränkungen weitergeht. "Die nächste Phase lautet natürlich: Junge Menschen, die nicht zur Risikogruppe gehören, dürfen wieder mehr auf die Straße", antwortete Braun, der die Maßnahmen im Kanzleramt koordiniert, erstaunlich offen und konkret. "Dann müssen wir aber konsequent testen und die Kontaktpersonen von Infizierten herausfinden, damit die Erkrankungen nicht wieder exponentiell ansteigen."

In der Corona-Pandemie profiliert sich Jens Spahn bisher als souveränen Krisenmanager, und empfiehlt sich nachhaltig für die Merkel-Nachfolge. Dieses Vertrauen hat er sich mit seinem offenen Umgang verdient, und das setzt er aufs Spiel, wenn die Appelle die gleichen wie vor vier Wochen sind - auch wenn es sich um die "größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg" handelt.

Man kann all das als Stochern im Dunkeln abtun oder als gefährliche Spekulation. Aber die Menschen haben mit ihrer gelebten Solidarität und Gelassenheit bewiesen, dass sie Antworten verdient haben und notfalls auch mit schlechten umgehen können. Auch wenn der Sturm noch kommt, dürfte die Bundesregierung mittlerweile wissen, ob genügend Betten auf deutschen Intensivstationen zur Verfügung stehen.

Quelle: ntv.de