Politik

"Kleine Fehler, extreme Wirkung" Warum warnten nicht überall Sirenen vor der Flut?

Alle wollen vor der Flutkatastrophe alles richtig gemacht haben. Doch mehr als 160 Menschen sind tot. Hunderte werden noch vermisst. Der Fehler liegt offenbar im System.

Viele kennen das aus ihrer eigenen Kindheit: Die Sirenen heulen, man erschreckt sich, die Eltern aber nicht, denn es ist nur der turnusmäßige Probealarm für den Ernstfall. Der Ernstfall, das waren früher fallende Atombomben und andere militärische Angriffe. Doch der jahrzehntelange Kalte Krieg löste sich nach der deutschen Wiedervereinigung in Luft auf. Der kapitalistische Westen und der Ostblock waren keine offenen Systemfeinde mehr. Mit dem omnipräsenten Konflikt verschwand auch ein Teil des Bevölkerungsschutzes. Und, konkret, vielerorts die heulenden Sirenen.

Bei der aktuellen Flutkatastrophe haben die Warnsysteme nicht ausreichend funktioniert. Bundesinnenminister Horst Seehofer und das ihm unterstellte Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe weisen die Schuld von sich. Aber irgendetwas muss ja schiefgelaufen sein: Mehr als 160 Tote, Hunderte Vermisste und Zerstörung gespenstischen Ausmaßes sprechen eine deutliche Sprache. Beim Katastrophenschutz hakt es ganz gewaltig.

Bei der aktuellen Flutkatastrophe waren Bundesländer, Städte und Kommunen verantwortlich, die Warnungen des Deutschen Wetterdienstes zu bewerten und an die Betroffenen weiterzugeben. Dies geschah aber offenbar mangelhaft. Die Vorgehensweisen sind nicht standardisiert. Sirenen heulen nur dort, wo es noch welche gibt. Der Bund ist nur noch im Kriegsfall dafür zuständig, die Bevölkerung zu warnen. Bei großen Gefahren verbreiten die Behörden ihre Warnungen per Rundfunk und Fernsehen. Dazu kommen die digitalen Warnmöglichkeiten über Handys und andere Geräte.

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Nach dem Erdrutsch in Erftstadt.

(Foto: imago images/Reichwein)

Anzeichen, dass etwas knirschte im System, die gab es. Da wäre etwa der Warntag im vergangenen September, vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe groß angekündigt. Zum Zeitpunkt des Tests hörten viele: nichts. Die Benachrichtigungen über die Warn-Apps kamen zu spät oder gar nicht an, die Sirenen etwa in Berlin und München waren nach Ende des Kalten Krieges abgebaut worden. Der damalige Behördenchef Christoph Unger monierte danach, beteiligte Mitarbeiter und Stellen hätten sich schlicht nicht an die Absprachen gehalten. Er musste trotzdem gehen.

"Kaputte Kettenglieder"

Aus dem gescheiterten Härtetest wurde nachweislich nicht (schnell) genug gelernt. Laut Professorin Hannah Cloke, die nach der Oderflut 2002 das europäische Warnsystem European Flood Awareness System, kurz "Efas", mit aufgebaut hatte, waren die Behörden schon am Wochenende vor den Flutwellen erstmals benachrichtigt worden. Die Informationen über die gefährdeten Orte wurden täglich genauer, ähnlich einer Wettervorhersage. Der Fehler lag laut Cloke in der Informationsübermittlung: "Es gibt kaputte Kettenglieder. So viele Tote im Jahr 2021 sind nicht akzeptabel. Etwas stimmt nicht mit dem System", wird die Wissenschaftlerin von der BBC zitiert.

Der staatliche Deutsche Wetterdienst hatte rechtzeitige Benachrichtigungen über extremen Regenfall herausgeschickt, ist aber nicht für die Warnung der Bevölkerung vor Ort verantwortlich. Die Behörden konnten früher an ungefähr 80.000 Stellen in Ost und West Sirenen aufheulen lassen. Im Jahr 2015 gab es laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe nur noch etwa 15.000 Sirenen. Früher waren die nationalen Regierungen verantwortlich, inzwischen sind es Bundesländer und Kommunen. In Westdeutschland gab es dafür zehn zentrale Warnämter, die vor allem bei Angriffen benachrichtigen sollten; etwa bei bevorstehender Bombardierung, Artilleriebeschuss oder Angriffe mit Atom-, biologischen und chemischen Waffen.

Inzwischen seien "nahezu vollständig" die Städte und Gemeinden für die Sirenen verantwortlich. Viele haben die akustischen Warnanlagen wegen des Wartungsaufwands abgebaut, abgeschaltet oder einfach nicht mehr ersetzt. Das soll sich nach Wunsch von Armin Schuster ändern: Der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe will "die gute alte Sirene" zurück, sagte er. In den vergangenen Jahren seien demnach insbesondere digitale Warnsysteme aufgebaut worden, sagte Schuster.

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Bundesinnenminister Horst Seehofer (links) und Bundesamtspräsident Armin Schuster (rechts).

(Foto: dpa)

Auf etwa 9 Millionen Geräten in Deutschland sollen die Warn-Apps installiert sein. Wenn aber der Strom ausfällt oder der Mobilfunk, reicht das nicht. Schuster will verschiedene Warnmittel besser kombinieren. Ein Förderprogramm des Bundes von 90 Millionen Euro gibt es dafür, aber der Behördenchef zweifelt daran, dass dies ausreicht. Vor allem gehe es darum, die Bevölkerung zu sensibilisieren, sagte Schuster. "Worauf ich keinen Einfluss habe, ist, wie vor Ort damit umgegangen wird."

"Wir brauchen eine große (...) Kampagne in den nächsten Jahren, denn wir werden weiter mit solchen Extremwetterlagen rechnen müssen", sagte Wolfram Geier, der die Abteilung Risikomanagement in der Behörde leitet, dem Deutschlandfunk: "Noch ist es nicht im Bewusstsein der Menschen so richtig angekommen, dass ihr kleiner Bach, ihr kleiner Fluss um die Ecke, dass der innerhalb kürzester Zeit anschwellen kann."

Langsamer Informationsfluss

Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Offensichtlich gibt es träge Strukturen beim deutschen Krisenmanagement. "Die Informationswege sind zu lang, nicht einheitlich und zum Teil schlecht organisiert", sagt Professor Oliver Posegga von der Universität Bamberg im Gespräch mit ntv.de. Der Wissenschaftler untersuchte über Jahre in einem Forschungsprojekt, wie der Informationsfluss im Katastrophenfall verbessert werden kann. "Das Problem liegt nicht in den verwendeten Technologien, sondern in den Prozessen und Verantwortlichkeiten dahinter, die maßgeblich dafür sind, dass die richtigen Informationen rechtzeitig bei den Betroffenen ankommen."

Anders gesagt: Menschliches Versagen ist im aktuellen Fall möglich. Es ist aber unklar, an welchen Stellen. Posegga warnt davor, vorschnell Schlüsse zu ziehen: "Wir müssen erst gründlich analysieren, dann verstehen, aus den Erkenntnissen lernen und wenn überhaupt erst zum Schluss personelle Konsequenzen ziehen. Nicht anders herum." Die Fakten liegen demnach noch nicht vollständig vor. "Zeitgleich werden bereits personelle Konsequenzen gefordert, während wir noch Verstorbene bergen." Das Ziel war und ist, dass die Warnungen rechtzeitig bei allen Betroffenen ankommen. Aber: "Bei plötzlichen Katastrophen solchen Ausmaßes haben auch vermeintlich kleine Fehler extreme Auswirkungen. Da kommt es auf wenige Stunden an", sagt Posegga.

Bundesinnenminister Horst Seehofer verteidigte die föderale Struktur des Katastrophenschutzes. Es wäre unvorstellbar, dass die Arbeit in einer solchen Katastrophe zentral von irgendeinem Ort aus geleistet werden könne. "Zentralismus verbessert hier gar nichts", bremste Seehofer. Erst nach der Hilfe werde darüber zu reden sein, wo Verbesserungen möglich seien und Zusammenarbeit enger gestaltet werden könne. Die Meldewege, soweit der Bund zuständig sei, hätten funktioniert.

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Aber da hakt es womöglich auch. Zentralisiertere und einheitlichere Prozesse des Krisenmanagements könnten helfen, besser und früher auf Extremsituationen reagieren zu können, sagt Wissenschaftler Posegga. "Im Ernstfall müssen sich viele Organisationen und Verantwortliche unter extremen Bedingungen schnellstmöglich koordinieren", weiß er. "Dabei können Zeit und wichtige Informationen verloren gehen, was zu verheerenden Konsequenzen führen kann." So wie im aktuellen Fall.

Es gäbe noch ein Mittel, damit dringende Warnungen nicht im Kommunikationswirrwarr der Verantwortlichen verloren gehen. In den USA etwa können Behörden auch akustische Warnungen auf Mobiltelefone senden, die unabhängig von Betriebssystem, Software oder Einstellungen in Mark und Bein fahren. In Deutschland hingegen kann schon der Lautlosmodus die Apps nutzlos machen. Womöglich sind flächendeckende Sirenen doch keine so schlechte Idee.

Quelle: ntv.de

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