Politik

"Ich habe Angst vor dem Grexit" Was Griechenlands Syriza-Gegner antreibt

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Tausende demonstrieren in Athen für den Verbleib in der Eurozone.

(Foto: dpa)

Egal, ob Regierungsgegner und Regierungsunterstützer: In Griechenland herrscht Konsens, dass die Sparmaßnahmen überzogen sind. Doch viele meinen, das sei kein Grund, den Euro aufzugeben.

Die Pro-Europa-Veranstaltung im Herzen Athens beginnt mit der Gegendemonstration. Etwa 150 junge Menschen skandieren gegenüber vom Parlament lautstark Parolen. Einer von ihnen weist entrüstet den Verdacht von sich, er sei hier, um die Regierungspartei Syriza zu unterstützen. "Wir sind Anarchisten", erklärt er nachsichtig.

Was das heißt? "Wir sind gegen die Sparmaßnahmen und gegen den Euro", sagt er. Damit könnte er durchaus als angelsächsischer Finanzredakteur durchgehen. Dann muss er das Gespräch beenden, um einen Mitstreiter beim Halten des großen Transparents abzulösen. Auf diesem wird unter anderem zum Kampf gegen das Kapital aufgerufen. Darin unterscheidet er sich dann doch von der angelsächsischen Finanzpresse.

Kurz darauf macht sich die Gruppe, begleitet von Polizisten und in Form eines kleinen Demonstrationszuges, auf den Weg. Denn Tausende Athener versammeln sich vor dem Parlamentsgebäude, um für den Verbleib in der Eurozone zu demonstrieren.

Zu ihnen gehören Dimitris und Konstantinos - beide 25, beide Anwälte. Warum sie hier sind? "Es ist richtig, wenn die Regierung für eine Lockerung der Sparauflagen eintritt", sagen sie. Das dürfe aber nicht dazu führen, dass die Drachme wieder eingeführt werde.

"Wir wollen, dass Europa stärker zusammenwächst", sagt Konstantinos. Leider sei die Regierung anti-europäisch. Es sei ein Irrtum zu glauben, Syriza verkörpere das neue Griechenland, sagt er. Wie die konservative Nea Dimokratia und die sozialdemokratische Pasok sei sie Teil des alten Griechenlands. Auch bei ihr gebe es Günstlingswirtschaft.

"Wir brauchen Reformen"

"Der Sparkurs ist überzogen", sagt Dimitris. "Wir brauchen Reformen". Doch die werde es mit Syriza nicht geben. Und wem kann das gelingen? "Die pro-europäischen Kräfte müssen zusammenarbeiten." Auch bei Syriza gebe es die.

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Viele gut ausgebildete Griechen demonstrieren für an diesem Montag in Athen für Reformen.

(Foto: dpa)

Es sind eher die gut ausgebildeten Athener, die sich an diesem lauen Sommerabend versammelt haben. Anzüge und Krawatten prägen das Bild. Viele sind offenbar nach Feierabend direkt aus dem Büro zum Syntagma-Platz gekommen. Die Atmosphäre ist überaus entspannt. Parolen werden nicht gerufen, Transparente gibt es nicht, kaum jemand reckt ein Schild in die Höhe. Auf einem der wenigen ist "Europa ist unser natürlicher Lebensraum" zu lesen. Es gehört einer gut gekleideten, gut frisierten älteren Dame. "Das hier sind Leute, die nicht ständig demonstrieren", sagt einer.

Auch ein ehemaliger Staatssekretär des Ausbildungsministeriums ist da. Warum er hier ist? "Ich war letzte Woche in Österreich", sagt Panagiotis Kanellopoulos. Dort habe er sich unwohl gefühlt. Sobald jemand mitbekam, dass er Grieche sei, sei er eher unfreundlich und distanziert behandelt worden. "Die Menschen, die heute Abend hier sind, wollen, dass die Vernunft siegt." Griechenland solle keinesfalls aus dem Euro austreten. Denn das sei der erste Schritt zum Verlassen der Europäischen Union. Zudem hätte ein Grexit schlimmere Konsequenzen als der Sparkurs.

Aber demonstrieren hier nicht eher gutsituierte, gut ausgebildete Großstädter für ein Europa, das vor allem ihnen Möglichkeiten bietet? Natürlich hätten die hier Versammelten bei einem Grexit viel zu verlieren, sagt Kanellopoulos. Doch die Menschen, die am Vortag für die Regierung demonstrierten, würden dann wohl noch weitaus mehr verlieren.

"Schweigende Mehrheit"

"Wir sind Europäer, wir sind die schweigende Mehrheit", steht auf einem anderen der wenigen Schilder. Was zweifellos richtig ist: Laut ist es tatsächlich nicht. Nur einmal wird das Gemurmel schrill unterbrochen. Die Rufe einer überaus wütenden Frau sind nicht zu überhören. Sie regt sich darüber auf, dass im Gegensatz zum Vortag die Demonstranten nicht direkt vor das Parlamentsgebäude dürfen. Behelmte Polizisten versperren die Aufgänge. "Das ist undemokratisch", ruft die Frau und ist so aufgebracht, dass sie ihr Mann nur schwer beruhigen kann.

"Wir sind Teil Europas und wollen ein Teil Europas bleiben", sagt Sotiris, nachdem die Frau sich beruhigt hat. Griechenland habe außerhalb der Eurozone keine Zukunft. Aber hat die Rettungspolitik diese Zukunft nicht zerstört? Nein, sagt der 33-Jährige. "Europa hatte nicht die Erfahrung, um eine solche Krise zu lösen." Es sei ein Fehler gewesen, auf Sparmaßnahmen und nicht auf Reformen zu setzen. "Europa hätte darauf bestehen müssen, dass Reformen umgesetzt werden", sagt er. Stattdessen kamen schlecht geplante Kürzungen. Doch das könne man ändern.

Er habe Verständnis für die Menschen, die gegen die Sparmaßnahmen protestieren, sagt Sotiris. Er habe aber kein Verständnis für die Leute, die gegen den Euro demonstrieren: "Ich habe Angst vor dem Grexit."

Quelle: ntv.de