Politik

Bericht aus dem Kriegsgebiet "Was mit uns passiert, ist der Horror"

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Ukrainische Panzer in der Nähe von Debalzewo.

(Foto: REUTERS)

Bis zum Beginn der Waffenruhe war Debalzewo einer der am heftigsten umkämpften Punkte der ostukrainischen Front. Am Sonntag deutete nichts darauf hin, dass eine der Seiten die Waffen in der nächsten Zeit niederlegen wird.

Nach dem Ende der Verhandlungen in Minsk haben sowohl der russische Präsident Wladimir Putin als auch sein ukrainischer Amtskollege Petro Poroschenko von einer Waffenruhe in der Ostukraine gesprochen, die um Mitternacht am 15. Februar in Kraft treten sollte. Aber was am Sonntag in der Gegend von Debalzewo nahe Donezk passierte, zeigte das gegenteilige Bild: Um Mitternacht wurde mit dem Beschuss aufgehört - ab 6 Uhr morgens nahm die Artillerie ihre Arbeit wieder auf.

In der Bevölkerung ist die Hoffnung auf eine dauerhafte Waffenruhe gering - zu lebendig ist die Erinnerung an den vergangenen Herbst. Schon damals war in Minsk eine Waffenruhe ausgehandelt worden, die jedoch nicht gehalten hat. Die Menschen hier wissen, dass es bis zu einem wirklichen Kriegsende noch weit ist, und dass die Beschlüsse von Minsk nur zu einer Abschwächung der Kampfhandlungen führen werden, ihnen aber keinesfalls eine Rückkehr zu einem ruhigen und friedlichen Leben garantieren. Derzeit stellt sich eher die Frage, wie viele Menschen noch sterben müssen, bevor es einen wirklichen und stabilen Frieden gibt.

Die Bevölkerung des Dorfes Klynove nördlich von Debalzewo hat bereits gelernt, wie man unter den Bedingungen des Kriegs seine alltägliche Arbeit macht. Der Bauer Nikolai erzählt, dass Haubitzen auf einem Feld stehen, das ihm gehört. Als wir ihn am Samstag treffen, wird gerade geschossen.

"Haben Sie keine Angst, das ist ein Angriff", sagt Nikolai. "Ich kann Ihnen Munitionen zeigen, die nicht weit von meinem Haus niedergegangen ist. Oh … hören Sie das? Jetzt wird zurückgeschossen." Man hört das Rumpeln und sieht, wie die Geschosse in Richtung Debalzewo fliegen.

"Es ist ewiger Krieg, es gibt keine Hoffnung!

Debalzewo in der Oblast Donezk ist ein strategisch wichtiger Punkt für die Streitkräfte der selbsternannten Volksrepubliken von Donezk und Luhansk. Hier befindet sich ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, der zwischen den beiden Gebieten liegt und über den der Nachschub leichter als bislang abgewickelt werden könnte. Seit dem Sommer 2014 befindet sich die Stadt unter der Kontrolle der ukrainischen Armee. In den drei Tagen vor Beginn der Waffenruhe wurde erbittert um die Straßenverbindung gekämpft, die zur Stadt führt. Die Evakuierung Debalzewos war so unmöglich.

Russische Medien und Präsident Putin bekräftigen immer wieder, dass Debalzewo eingekesselt sei, und mit ihnen auch die ukrainischen Soldaten. Die ukrainische Seite sagt wiederum, dass sich sowohl die Stadt als auch die Verbindung zur Stadt unter ihrer Kontrolle befinde, nur eben unter ständigem Beschuss durch die Separatisten. Zudem erklärte die ukrainische Regierung, in der Nacht auf den 12. Februar sei wieder schweres Kriegsgerät aus Russland in die Ukraine gebracht worden.

Der Bauer Nikolai wird rot vor Wut, als ich über den Waffenstillstand spreche. "Was für Vereinbarungen? Über was sprechen Sie? Es ist ewiger Krieg, es gibt keine Hoffnung!" Das ist die Situation, in der dieser Mann hier arbeitet. Er hat eine große Familie, die er ernähren muss. "Ja, die haben einen Waffenstillstand vereinbart. Und was heißt das? Heute schlagen sie mit doppelter Kraft." Nikolai glaubt nicht, dass Friede kommen wird.

"Die haben den Krieg in unser Haus gebracht!"

Um 0.00 Uhr in der Nacht von Samstag auf Sonntag beginnt der Waffenstillstand. Es ist beinahe wie Silvester: Viele warten bis Mitternacht ist. Bei allem Pessimismus hoffen die Leute doch auf Frieden. Am Sonntag fahren wir um 10 Uhr entlang der Bahnstrecke von der Stadt Artemiwsk zurück nach Debalzewo. Wir sehen ukrainische Kontrollpunkte; niemand hat sich von den bisher gehaltenen Positionen zurückgezogen. Zwanzig Kilometer vor Debalzewo hört man das erste Artilleriefeuer.

Die Durchfahrt nach Debalzewo ist immer noch dicht. Wir biegen ab und fahren in das Dorf Myronivskyi. Die Straßen sind leer, nur manchmal trifft man ausgehungerte Hunde, die etwas zu essen suchen. Am Ende des Dorfes steht ein fünfstöckiges Gebäude. Alle Fenster sind zerbrochen, einige Wände eingestürzt. Mehrere Häuser sind ausgebombt. Niemand ist da, man hört nur das Rumpeln der Artillerie.

Dann hören wir Stimmen. Wir kommen näher stellen fest, dass dort Männer Wasser in einen Keller tragen. Ungefähr 30 Menschen hausen hier schon seit einer Woche, darunter sieben Kinder. Die Leute sind müde und wütend. Die 35-jährige Olesya, die mit ihrem Mann und Sohn in diesem Keller wohnt, sagt: "Warum sind die Soldaten gekommen? Wir haben nicht auf sie gewartet! Die haben den Krieg in unser Haus gebracht! Wir haben diese Regierung nicht gewählt! Wir wollen, dass dies hier die Volksrepublik Donezk ist, wir wollen nichts mit Kiew zu tun haben. Die sollen fort gehen!" Sie schaue nur russische Nachrichten: "Die sagen die Wahrheit."

Während die Eltern über ihre politischen Präferenzen sprechen, malen die Kinder still vor sich hin. Sie haben nur drei Stunden Licht aus Generatoren, denn die Gruppe muss Treibstoff sparen. Dascha ist elf Jahre alt. Es gab eine Zeit, als sie nach Deutschland geflogen ist, um als Vertreterin der Ukraine an Tanzwettbewerben teilzunehmen. Jetzt sie kann nur gelegentlich ihren Keller verlassen.

Vor einem weiteren Haus stehen fünf alte Leute an einer Feuerstelle und kochen. "Sind Sie von der Presse? Kommen Sie, ich will Ihnen etwas zeigen." Wir folgen ihm. "Schauen Sie, vor ein paar Tagen schlug hier ein Geschoss ein. Dabei starb ein Mann. Und jetzt sehen Sie dort. Sehen Sie die Mülltonnen und die rote Decke daneben? Das ist Leiche des Mannes. Er liegt hier schon seit fünf Tagen. Niemand kennt ihn, niemand begräbt ihn. Gestern Morgen hat jemand die Stiefel der Leiche geklaut. Was mit uns passiert, ist der Horror."

Quelle: ntv.de

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