Politik

Prozess gegen junge IS-Anhängerin Was trieb Safia S. zu der Messerattacke?

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Mit einem Messer hat Safia S. einem Polizisten in den Hals gestochen.

(Foto: Presseportal.de / Polizeidirektion Hannover)

Mit 15 Jahren scheitert Safia S. beim Versuch, allein zur Terrormiliz IS nach Syrien zu reisen. Nach ihrer Rückkehr nach Hannover sticht sie einen Polizisten mit einem Messer nieder. Es ist die wohl erste IS-Attacke in Deutschland. Nun kommt der Fall vor Gericht.

An eine Terrorattacke denken die zwei Bundespolizisten wohl kaum, als sie im Hauptbahnhof Hannover am 26. Februar eine 15 Jahre alte Schülerin überprüfen. An dem Freitagnachmittag herrscht Hochbetrieb in den Ladenpassagen. Die Jugendliche ist den Beamten verdächtig hinterhergelaufen. Nach der Routinefrage nach dem Ausweis rammt das Mädchen einem der Polizisten unvermittelt ein Gemüsemesser in den Hals und verletzt ihn schwer, der Kollege überwältigt Safia S.

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Vor dem Oberlandesgericht Celle muss sich die 16-jährige Safia S. wegen einer Messerattacke auf einen Polizisten verantworten.

(Foto: dpa)

Auf der Suche nach dem Motiv kommt schnell ein möglicher islamistischer Hintergrund ins Spiel. Einige Wochen später sind sich die Ermittler sicher: Die Tat ist eine "Märtyreroperation" für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gewesen. Sie werten den Angriff als die erste vom IS in Deutschland in Auftrag gegebene Terrortat - Monate später folgen die Attacke in einem Regionalzug bei Würzburg und die Explosion während eines Musikfestes in Ansbach.

Wenn sich die inzwischen 16-jährige Safia S. von diesem Donnerstag an vor dem Oberlandesgericht Celle wegen versuchten Mordes und Unterstützung des IS verantworten muss, steht eine Frage im Mittelpunkt: Wie konnte sich so ein junges Mädchen für solch eine Gewalttat radikalisieren? Die Deutsch-Marokkanerin trägt Kopftuch, im Internet präsentiert sich die Gymnasiastin wie unzählige Altersgenossinnen: Selfies vor dem Kleiderschrankspiegel, Fotos mit Freundinnen, Bilder von Katzen, vom Schlittschuhlaufen und von einem Paris-Ausflug.

Radikalislamisches Umfeld

Dass die Gewalttat der Schülerin einen langen Vorlauf hatte, ist schon Tage später deutlich. Auf Youtube ist Safia bereits 2008 mit dem Salafistenprediger Pierre Vogel beim Rezitieren des Korans zu sehen, als "unsere kleine Schwester im Islam" präsentiert der Extremist die damals Siebenjährige. Vollends auf dem radikalen Weg ist Safia spätestens am 22. Januar 2016, als sie einen Flug von Hannover nach Istanbul besteigt. Ihr Reiseziel: Syrien, wohin kurz zuvor ihr älterer Bruder aufgebrochen war. Während der 18-Jährige in türkischer Haft landet, wird Safia von ihrer Mutter aus Istanbul zurückgeholt, in Hannover erwartet sie die Polizei.

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Die Messerattacke auf einen Polizisten ereignete sich am 26. Februar 2016 in einer Einkaufspassage des Hauptbahnhofs Hannover.

(Foto: dpa)

Die späteren Ermittlungen bringen ans Licht, dass die Behörden zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit gehabt hätten, die drohende Gefahr zu bannen. Zwar kassierten die Fahnder Safias Handys ein, die auf Arabisch verfassten Anweisungen des IS zu der Messerattacke übersetzten sie aber erst Anfang März, da ist es schon zu spät. Und auch aus dem Umfeld gab es vorab Hinweise auf die Radikalisierung. So schaltete die Mutter bei der Ausreise der Tochter die Behörden ein. Außerdem gab es Hinweise der Großmutter, eines Lehrers und der Schulleitung. Letztlich wurde die Polizei am Tag der Messerattacke in Safias Schule vorstellig - verhindern konnte das den Angriff nicht.

Mindestens so beunruhigend wie die Radikalisierung der Schülerin ist das Umfeld, in dem sie sich bewegte. So hatte Safia Kontakt zu dem inzwischen abgetauchten afghanischen Asylbewerber Ahmed A., dem die Behörden in Hannover wegen möglicher Anschlagspläne in seiner Heimat den Ausweis abnahmen. In Celle als Mitwisser der Messerattacke mitangeklagt ist der Deutsch-Syrer Mohamad Hasan K., gegen den die Bundesanwaltschaft weiterhin ermittelt, weil er mit den angeblichen Terrorplänen zu tun haben könnte, die zur Absage des Fußball-Länderspiels im November 2015 in Hannover führten. Nach einem Fluchtversuch wurde K. Ende September in Griechenland festgenommen. Er ist nun nach Deutschland ausgeliefert worden und wird beim Prozess in Celle mit auf der Anklagebank sitzen.

Unklare Schuldfähigkeit

Der Safia-Prozess dürfte für die Justiz nicht einfach werden. Die Behörden erhoffen sich von harten Strafen für IS-Unterstützer einen Abschreckungseffekt und das Abebben der Ausreisewelle radikalisierter Jugendlicher Richtung Syrien. Doch in welchem Umfang ist die schon als Grundschülerin indoktrinierte Jugendliche schuldfähig, wie stark wurde sie zuletzt von IS-Drahtziehern über Chatnachrichten ferngesteuert? Und hätten die Behörden nicht früher eingreifen müssen? Ist das Mädchen zugleich Opfer - wie ihr Bruder, der nach der Rückkehr nach Hannover in die Psychiatrie eingewiesen wurde?

Maximal drohen Safia zehn Jahre Haft, ihrem Bekannten als Mitwisser fünf Jahre. Wie das Gericht bereits mitteilte, ist es möglich, dass die Öffentlichkeit zum Schutz der Jugendlichen von dem Prozess ausgeschlossen wird. Die Hintergründe würden dann hinter verschlossener Türe erörtert.

Quelle: ntv.de, Michael Evers, dpa

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