Gewalt außer KontrolleWas über die Krawalle nach der Messerattacke in Belfast bekannt ist
Von Stefan Guther
Sirenen, Feuer, schwarzer Rauch. In Belfast kommt es in der Nacht nach einem schockierenden Messerangriff zu massiven Ausschreitungen. Die Wut der Randalierer richtet sich gezielt gegen Zuwanderer - der Angriff und die Krawalle ereignen sich in einer Zeit erhöhter rassistischer Spannungen in Großbritannien. Auch am nächsten Tag zeigten Bilder verwüstete Straßen. Was wir über die Ereignisse wissen und was nicht.
Was ist bei den Krawallen passiert?
Maskierte Menschenmengen versammelten sich am Dienstagabend in verschiedenen Teilen Belfasts und setzten Häuser, einen Bus, Autos und Barrikaden in Brand. Auf den Straßen griffen die Maskierten gezielt ausländisch aussehende Menschen und Häuser von Zuwanderern an. Familien mussten aus brennenden Häusern gerettet werden. Es seien "Szenen ferner Brutalität", zitiert CNN die nordirische Ministerpräsidentin Michelle O'Neill. Laut BBC wurde unter anderem eine afrikanische Familie von maskierten Männern aus ihrem Haus vertrieben, die seit 20 Jahren in Belfast lebt. Auch ein türkischer Friseursalon wurde britischen Medienberichten zufolge angegriffen. Zudem lieferten sich die maskierten Banden Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Was hat die Krawalle ausgelöst?
Auslöser der Eskalation ist ein brutaler Messerangriff, der gefilmt und im Netz verbreitet wurde. Im Anschluss an die Tat machen Gerüchte die Runde, ein Migrant habe einen Einheimischen beinahe getötet. Daraufhin richtet sich die Wut der Menschen gegen Migranten.
"Viele Menschen sind wütend und viele sind zutiefst erschüttert, was vollkommen verständlich ist. Gewalt wie diese hat in unserer Gesellschaft aber keinen Platz. Und meine Gedanken sind ganz bei dem Verletzten, seinen Angehörigen und allen, die von diesem schrecklichen Anschlag betroffen sind", sagte O'Neill.
Was ist über den Messerangriff in Belfast bekannt?
Die Tat, bei der ein Mann schwer verletzt wird, soll sich am Montagabend gegen 22.30 Uhr Ortszeit in der Belfaster Innenstadt ereignet haben. In einem Video, das im Netz kursiert, ist zu sehen, wie ein Angreifer mit einem Messer mitten auf einer Straße auf einem blutüberströmten Mann sitzt und diesen mit einem Messer traktiert. Offenbar versucht er, ihm die Kehle durchzuschneiden. Zwischendurch hebt er das Messer in die Höhe und ruft etwas. Nach einer Weile wagen sich mehrere Umstehende und Polizisten an ihn heran und versuchen, den Angreifer von seinem Opfer zu trennen. Am Tatort wird ein Küchenmesser sichergestellt. Premierminister Keir Starmer verurteilte den Messerangriff als "grauenhaft".
Was ist über das Opfer bekannt?
Das Opfer ist Berichten zufolge ein Mann in den Vierzigern. Er wurde mit erheblichen Augenverletzungen sowie schweren Verletzungen an Rücken und Gesicht ins Krankenhaus gebracht, sagte der stellvertretende Polizeichef von Nordirland, Ryan Henderson. Der Zustand des Attackierten sei weiterhin ernst.
Was ist über den Täter bekannt?
Der Messerstecher ist nach Angaben der Behörden ein 30-jähriger Mann, der vermutlich aus dem Sudan stammt. Er war im Februar 2023 von Paris nach Dublin geflogen und nach Nordirland eingereist. Dort beantragte er Asyl und erhielt im September 2023 die Erlaubnis, bis 2028 im Vereinigten Königreich zu bleiben. Demnach hat er ein legales Aufenthaltsrecht in Nordirland. Der Mann ist in Haft und soll wegen versuchten Mordes, Besitzes eines Gegenstandes mit Klinge oder Spitze an einem öffentlichen Ort und Morddrohungen angeklagt werden. Ein Gerichtstermin ist für den Sudanesen im Laufe des Tages geplant.
Hat die Tat einen terroristischen Hintergrund?
Bisher gebe es keine Hinweise darauf, dass der Messerangriff mit Terrorismus in Verbindung stehe, sagte Henderson. Jedoch würden sich die Ermittlungen noch in einem frühen Stadium befinden. In den nationalen Sicherheitsdatenbanken gebe es keine Spuren des Messerstechers. Er sei der Polizei von Nordirland bisher nicht bekannt gewesen, so Henderson.
Wer sind die Randalierer?
Die Randalierer seien "nicht an der Einwanderungsdebatte interessiert", sondern wollten stattdessen "Chaos stiften und Gewalt auf die Straßen bringen", wird der Belfaster Stadtrat Carl Whyte in der BBC zitiert. Laut Jon Burrows, dem Vorsitzender der Ulster Unionist Party, soll es sich bei den Randalierern zumeist um junge Männer und Kinder unter 16 Jahren mit verhüllten Gesichtern gehandelt haben, "die glaubten, es sei ihre patriotische Pflicht, einen Bus in Brand zu setzen, um so Wohnungen von Einwanderern aufzuspüren."
"Diese Szenen waren absolut entsetzlich", sagte Burrows in der BBC, der eigenen Angaben zufolge am Abend selbst vor Ort im Osten von Belfast war. Der Polizeichef von Nordirland, Jon Boutcher, bezeichnete die gewalttätigen Ausschreitungen als "einen gewaltigen Akt der Selbstzerstörung durch hirnlose Idioten, die damit nur ihre eigene Zukunft zerstören".
Wer hat zu den Protesten aufgerufen?
Die nordirische Justizministerin Naomi Long macht in der BBC rechtsextreme "Akteure in böser Absicht" verantwortlich. "Wir haben gestern den Ansturm von Kommentatoren der extremen Rechten auf die sozialen Medien erlebt, die ganz offensichtlich versuchten, rassistische Spannungen anzuheizen und dabei auf ein Narrativ aufzubauen, das sie im Zusammenhang mit Einwanderung haben", sagte die Ministerin in der Sendung "BBC Breakfast".
Anti-Einwanderungs- und rechtsgerichtete Accounts sollen laut CNN in den sozialen Medien, insbesondere bei X, das Video für sich genutzt haben und zu Protesten aufgerufen haben. Auch der US-Milliardär und Besitzer von X, Elon Musk, habe demnach zu Demonstrationen aufgerufen und entsprechende Inhalte weiterverbreitet. "Nur durch wiederholtes und lautes Protestieren wird es eine Veränderung geben!", schrieb Musk bei X, als er einen Aufruf zu landesweiten Kundgebungen von Tommy Robinson teilte, einem umstrittenen Agitator, der anti-muslimische Hetze verbreitet und mehrfach, unter anderem wegen Körperverletzung und illegaler Einreise in die USA, vorbestraft ist.
Wie reagiert die Politik auf den Vorfall und die Unruhen?
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer und die nordirische Regierungschefin Michelle O'Neill verurteilten den Angriff aufs Schärfste. Starmer nannte den Messerangriff "grauenhaft" und "widerlich" und fügte hinzu, dass er "absolut keine Toleranz für solch abscheuliche Gewaltszenen auf unseren Straßen" habe. O'Neill sprach von "widerwärtiger Feigheit", bei der Gruppen von maskierten Männern Familien aus ihren Häusern vertrieben hätten. "Rassismus, Einschüchterung und Gewalt sind falsch, wo immer sie auftreten", schrieb sie in einem X-Beitrag.
Wie geht es nun weiter?
Um alle Menschen in Belfast zu schützen, wird die Polizei eigenen Angaben zufolge auch in den nächsten Tagen die Präsenz erhöhen. Sie appellierte, die Bevölkerung solle sich nicht weiter anstacheln lassen und das Video nicht weiter verbreiten. Polizeichef Boutcher rief alle Mitglieder der Gesellschaft dazu auf, gemeinsam gegen weitere Unruhen auf den Straßen vorzugehen. Doch in Teilen von Belfast ist die Gewalt offenbar längst außer Kontrolle.