Politik

Dystopie eines Lebens Was, wenn es die DDR noch gäbe?

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In Neubrandenburg erscheint die "Freie Erde" - herausgegeben von der SED-Bezirksleitung.

(Foto: Simon Voigt/Instagram @deichvoigt)

Auslandssemester in Irland und den USA, Basketball im Verein, grenzenlose Freiheiten als Journalistin: Mein Leben wäre ganz anders verlaufen, wäre im Jahr meiner Geburt nicht die Deutsche Einheit vollzogen worden. Ein dystopischer Blick auf die Zeit nach 1990.

Die Rufe verhallen abrupt. Statt "Wir sind das Volk" und "Freiheit" sind angsterfüllte Schreie zu hören. Die Menschenmasse am Berliner Alexanderplatz zerstäubt sich wie eine Pusteblume im Wind. Das Dröhnen wird lauter. Panzer rollen aus den Seitenstraßen heran. Kampfjets lärmen am Himmel. Die friedlichen Demonstrationen in der Deutschen Demokratischen Republik finden am 4. November 1989 ein jähes Ende. Das SED-Regime hat seinen großen Bruder zu Hilfe gerufen, der die "Konterrevolution" brutal niederschlägt. Hunderte verlieren ihr Leben, Unzählige ihren Mut. Sämtliche Bestrebungen, mit dem westlichen Nachbarn eine Einheit zu bilden, sind erstickt, bevor sie überhaupt artikuliert werden können. Die Mauer bleibt stehen. Der Sozialismus in seinem Lauf wird nicht aufgehalten.

Ich rufe mir diese Szenen in Erinnerung, als ich 2012 durch den Matsch robbe. Wir haben die damaligen Proteste nie ausführlich im Schulunterricht behandelt, aber unsere Eltern trichterten uns die Legende als Kinder ein - um ja nicht noch einmal den Aufstand gegen das Regime zu proben. Doch an diesem verregneten Dezembermorgen im ZV-Lager (ZV wie Zivilverteidigung), als die Kälte meine Muskeln lähmt, über meinem Kopf der Stacheldraht droht und ich pausenlos angeschrien werde, stelle ich mir durchaus die Sinnfrage: In welchem Land lebe ich eigentlich? Was soll das alles?

Ich wachse behütet auf. Am 1. Juli 1990 erblicke ich zwei Wochen zu früh in der Rostocker Universitätsklinik das Licht der Welt. Meine rosafarbene Geburtsurkunde führt unter Vermerke auf: "keine". Ich bin 49 Zentimeter groß und 3200 Gramm schwer. Zusammen mit meinen Eltern und meiner älteren Schwester bewohne ich eine kleine Wohnung an der Ostseeküste.

Anfangs habe ich noch meine Schwierigkeiten, mir die Abfolge beim Fahnenappell zu merken. Doch bald schon bin ich stolz, in einer Reihe mit meinen Mitschülern zu stehen und als Jung-Pionier mein blaues Halstuch zu tragen. Als ich älter werde und endlich das rote Tuch der Thälmann-Pioniere umbinden darf, kommt mir meine nunmehr ordentliche Körpergröße zugute. Vom Zweifelderball wechsle ich zum Volleyball. An manchen Nachmittagen klingele ich zusammen mit meinen Altersgenossen an den Häusern in unserem Dorf und frage nach Altstoffen. Wie so viele Generationen in der DDR vor uns haben wir "Timur und sein Trupp" von Arkadi Gaidar gelesen und uns zum Vorbild genommen. An der POS, der Polytechnischen Oberschule, lerne ich Russisch und ab der siebten Klasse Englisch. Das kyrillische Alphabet bereitet mir Schwierigkeiten, aber ich habe keine Wahl.

"Computer am Dienstag, Chaos am Mittwoch"

In meinem Kinderzimmer stapeln sich technische Baukästen und Pebe-Steine. Am Samstagnachmittag dürfen meine Schwester und ich Märchenfilme in der "Flimmerstunde" gucken. Das Sandmännchen ist eh gesetzt. Der kleine Maulwurf ist mein absoluter Liebling. Mit der Pubertät wird die Sendung "elf99" zum Pflichtprogramm. Weil wir auf dem Land leben und meine beiden Großväter LPG-Vorsitzende sind, zieht es uns schon früh auf den Acker. Jede Familie muss auf mehreren Flächen im Frühjahr Rüben verziehen. Wir Kinder helfen eher widerwillig dabei. Im September sammeln wir mit unseren Freunden die Kartoffeln nach, die durch das Raster der Erntemaschinen gefallen sind.

2001 wird meine kleine Schwester geboren. Bei der "Messe der Meister von Morgen" in der POS kann ich mit den Bastelkünsten meiner Mitschüler nicht mithalten. Dafür bin ich zu ungeschickt. Aber unmittelbar nach meiner Jugendweihe stelle ich fest, dass ich gut und gerne Aufsätze schreibe. In mir reift der Wunsch, Journalistin zu werden. Meine bäuerliche Herkunft und meine guten Zensuren bringen mich an die EOS, die Erweiterte Oberschule. In der "Gesellschaft für Sport und Technik", kurz GST, übe ich alle paar Wochen Schießen mit dem Kleinkaliber. Mit Kompass und Karte ausgestattet geht es zur Schnitzeljagd. Beim Crosslauf schnallen wir uns ein Holzgewehr um. Das soll für den Fall schulen, wenn der Klassenfeind angreift.

Nach den blutigen Ereignissen im Herbst 1989 achten unsere Eltern penibel darauf, dass wir kein Westfernsehen gucken. Wir sollen uns in der Schule nicht selbst in die Bredouille bringen und vermeiden, dass schlimmstenfalls die Stasi (oder wie man bei uns sagt: "Horch und Guck") auf uns aufmerksam wird. Auch wenn er an das drakonische Regime mit Egon Krenz an der Spitze nicht glaubt, hält mein Vater an seiner SED-Mitgliedschaft fest. Dann gibt es wenigstens keine unangenehmen Fragen. Ich hole mir mein Parteibuch mit 19 - aus den gleichen Beweggründen.

Die wirtschaftliche Lage spitzt sich in der DDR in den frühen 90er Jahren zu. Kraftstoff ist Mangelware, genauso wie Gegenstände des alltäglichen Bedarfs wie Papiertaschentücher. Als auch die UdSSR immer mehr ins Straucheln gerät, springt die aufstrebende Wirtschaftsmacht China ein. Seit Ost-Berlin das Geschehen am Tian'anmen-Platz im Juni 1989 als "Niederschlagung eines konterrevolutionären Aufstandes" feierte, hat die DDR bei den Pekinger Genossen ein Stein im Brett. Produkte aus der Volksrepublik finden reichlich Absatz in den 14 Bezirken. Die störungsanfälligen Robotron-Rechner A7100 mit CAD/CAM ("Computer am Dienstag, Chaos am Mittwoch") werden zusehends durch Lenovo-Hardware ersetzt.

Peking gibt die Richtung vor

Als ich 2005 an die EOS komme, darf das Kommunistische Einheitsnetz, kurz KEN, in keinem Haushalt mehr fehlen. Anfangs braucht es noch einige Minuten, bis die elektronische Post "ElPo" bei meiner Schulfreundin Lisa ankommt. Doch schon bald schreiben wir uns regelmäßig. Mit der Suchmaschine Baidu, die wir von unseren kommunistischen Freunden aus China übernehmen dürfen, eröffnen sich mir bis dahin fremde Welten: Bilder von exotischen Regionen, lustige Tiervideos, aber auch chinesische und russische Nachrichtenseiten. Inhalte des westlichen Klassenfeindes werden durch die "Digitale Mauer" blockiert. Zu diesem Zeitpunkt stört mich das nicht.

Weil meine Noten stimmen und ich auch brav an den FDJ-Treffen teilnehme, erfüllt sich mein Traum und ich werde nach meinem Abitur 2009 für ein Volontariat zugelassen. Ich muss allerdings meine heimischen Gefilde verlassen und zur "Freien Erde" nach Neubrandenburg. Doch der Umgang mit den wortkargen Vorpommern fällt mir leichter als gedacht und ich darf eines meiner Herzensthemen, die Umwelt, bearbeiten. Seitdem Peking die Richtung vorgegeben hat und der Smog aus unseren Großstädten sowie die Chemikalien aus unseren Gewässern verschwinden sollen, ist der Naturschutz zu einem stetigen und von den Parteifunktionären erwünschten Thema geworden. Schließlich gehört zum Heimatschutz auch die Bewahrung von Flora und Fauna.

Nach einem Jahr bringe ich die Aufnahmeprüfung erfolgreich hinter mich und studiere fortan an der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig. Seit den Demonstrationen, die im Jahr vor meiner Geburt stattgefunden haben und über die ich nicht viel weiß, ist die Stadt recht verschlafen. Der Mendebrunnen auf dem zentralen Karl-Marx-Platz ist durch die Nachbildung eines sowjetischen Panzers auf einem Felsen ersetzt worden. Das gibt die Erinnerung vor.

Der Sinn des Lagers erschließt sich mir nicht

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Gasmasken-Probe im ZV-Lager

(Foto: imago stock&people)

Im ersten Studienjahr bin ich verpflichtet, an dem besagten ZV-Lager teilzunehmen. ZV steht für Zivilverteidigung. Zusammen mit anderen Frauen absolviere ich vier Wochen lang einen militärischen Schnellkurs in einer Bergbauregion. Ab 6 Uhr morgens exerzieren wir den perfekten Zeltaufbau, das Marschieren und Schießen, Läufe mit Gasmaske - kurz: den Ernstfall. Die Beziehung zum Klassenfeind hat sich zwar etwas entspannt. Doch das Schreckgespenst des Westens, der uns in seinen kapitalistischen Bann ziehen möchte, hat sich tief in den Köpfen der Genossen festgesetzt.

Der Sinn des Lagers erschließt sich mir nicht. Ich fühle mich nicht bedroht. Gewalt ist mir fremd. Ich verzehre mich nach Harmonie. Ich bin müde, friere. Die harten Stiefel hinterlassen Blasen, die ich nur notdürftig behandeln kann. Mir tut alles weh. Zum ersten Mal zweifle ich daran, ob das wirklich der Sozialismus sein soll, der gelehrt wird. Wo ist die Gleichheit, die Gerechtigkeit, wenn nur Parteimitglieder einen Posten in der Chefetage der Medien bekommen? Wenn nur ein kleiner Kreis die Entscheidungen trifft?

Mein echtes Leben

Zu meiner Geburt am 1. Juli 1990 gab es tatsächlich noch die rosafarbene DDR-Geburtsurkunde - und das erste Mal Westgeld. Nach dem Abitur im Jahr 2009 absolvierte ich ein Bachelor-Studium an der Freien Universität Berlin in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Politikwissenschaft. Während meines Journalistik-Masterstudiums an der Uni Leipzig zog es mich für zwei Semester ins Ausland - in den US-Bundesstaat Oklahoma und nach Dublin. Anschließend volontierte ich beim "Nordkurier" - der ehemaligen "Freien Erde" - in Neubrandenburg und arbeitete als Redakteurin. Seit April 2018 bin ich Newsdesk-Redakteurin bei ntv.de und blicke vom Büro aus auf den Alexanderplatz, wo sich am 4. November 1989 Hunderttausende DDR-Bürger zum friedlichen Protest versammelt hatten. In der Schule lernte ich Englisch, Französisch und Latein, warf in meiner Freizeit Basketbälle in Körbe, spielte am liebsten mit Lego und suchtete Trickfilme auf SuperRTL. Meine einzigen Schießübungen habe ich bei der Jagd auf Moorhühner am heimischen PC gemacht.

Für mein Journalistik-Diplom absolviere ich Seminare über Marxismus-Leninismus, Russisch, Englisch, Stilistik, Genretheorie und praktische Stationen. Das noch relativ neue Betätigungsfeld KEN-JOU erweckt zunehmend mein Interesse. Als Journalistin, die für Netzmedien wie "nd.ddr" oder "freie-erde.ddr" schreiben will, fokussiere ich mich auf vermeintliche Jugendthemen, zu denen etwa die Umweltpolitik zählt. Ein Auslandssemester kommt für mich nicht infrage. Mit Russisch wurde ich nie so richtig warm, und mein Englisch ist erstens eingerostet, weil ich in meinem Alltag kaum mit der Sprache in Berührung komme. Zweitens bringt mich das in unserer sino-sowjetischen Wirtschaftszone nicht weiter. Ganz abgesehen davon, dass ich ohnehin nicht ausreisen darf.

Der Zweifel bleibt, als es mich nach vier Jahren in Leipzig zurück in den Bezirk Neubrandenburg zieht. Die Kadersteuerung spielt mir in die Karten und ich darf am Nachrichten-Zirkel der "Freien Erde" Platz nehmen. Ich drehe Videos von Landungen des Notarzt-Hubschraubers am Marktplatz, stelle Meldungen der staatlichen Nachrichtenagentur ADN ins KEN und betreue das Leserforum in der Gemeinschaftsplattform "Gesichter des Kommunismus". Die Arbeit macht mir Spaß.

Alles wäre gut, wenn ...

Nur wenn der Chefredakteur die Ansichten der Bezirksleitung vortöddert und der gefühlt zehnte Staatsbesuch in zwei Monaten von Xi Jinping auf die Titelseite muss, beiße ich mir regelmäßig auf die Zunge. Neulich hat mir ein Kollege einen VPN-Client gezeigt. Damit kann er auf das "Internet" im Westen zugreifen. Wie unverblümt da Privatmenschen ihre Ansichten teilen, hat mich stark beeindruckt. Auf "Youtube" konnte man sogar Musikvideos von Stars mit Namen wie Lady Gaga und Beyoncé ansehen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich fühle mich wohl in meiner Haut. Meine Generation hat nie etwas anderes kennengelernt als die DDR. Wir wissen, dass wir auf Schritt und Tritt mit Kameras beobachtet, dass unsere Huawei-Handys überwacht werden. Wir dürfen einfach nichts Böses tun. Ich weiß gar nicht, ob das im Westen so viel anders ist. Mit unseren chinesischen und sowjetischen Brüdern haben wir es zu sagenhaftem Wohlstand geschafft, den meine Eltern und Großeltern so nicht für möglich gehalten hätten. Es ist alles geordnet und für die nächsten fünf Jahre durchgeplant. Das gibt mir Sicherheit.

Alles wäre gut, wenn nur neben dem Unverständnis, das zuweilen meine Nerven strapaziert, diese Sehnsucht nicht wäre. Sehnsucht nach Urlaubsreisen in ferne Länder, etwas Neuem, nach wahrhaftigen Gesprächen ohne Furcht vor Repression, nach Frieden und Völkerverständigung. Und so bleibe ich doch auch mit 30 Jahren eine Gefangene des Horizontes meiner Herkunft.

Quelle: ntv.de

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