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Tatverdächtiger Stephan B. Was wir über die Attacken in Halle wissen

Die Polizei hat einen Verdächtigen nach den Angriffen auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss in Halle festgenommen. Es soll ein Holocaust-Leugner aus Sachsen-Anhalt sein. Im Internet taucht ein mögliches Bekennerschreiben auf. Ein Überblick zum aktuellen Stand.

Was ist passiert?

Der Angriff in Halle/Saale beginnt am Mittwoch um kurz nach 12 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt sind rund 80 Menschen in der Synagoge im Paulusviertel und feiern den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Ein schwer bewaffneter Täter versucht in die Synagoge einzudringen, es gelingt ihm aber nicht. Er erschießt auf der Straße vor der Synagoge eine Frau. Ihre Leiche wird etwa 30 Meter vor dem Gotteshaus gefunden. Außerdem erschießt er einen jungen Mann in einem Döner-Imbiss, der etwa 500 Meter von der Synagoge entfernt ist. Mindestens zwei weitere Menschen werden schwer verletzt.

Wie war der zeitliche Ablauf der Taten?

Der Schütze hat seine Taten gefilmt. Er soll das fast 36-minütige Video mit einer Helmkamera aufgenommen und ins Internet gestellt haben. Es zeigt zunächst den gescheiterten Versuch des Filmenden, in die Synagoge zu gelangen. Mehrmals schießt er auf eine Tür, die dem Beschuss allerdings standhält. Danach schießt er einer Frau mehrmals in den Rücken, die ihn zuvor angesprochen hatte. Es ist auch zu sehen, wie er auf der Straße auf einen Mann zielt. Doch die Waffe hat wohl Ladehemmung, sodass dieser entkommt. Dann fährt der Angreifer mit einem Auto durch die Stadt. Dabei scheint er sich mehrfach an mögliche Zuschauer zu wenden. Immer wieder sagt er auf Englisch, er sei ein Verlierer. Schließlich steigt er bei einem Döner-Imbiss aus. Im Laden feuert er mehrfach auf ein Opfer. Danach ist zu sehen, wie er auf eine Polizeistreife schießt, die sich ihm in den Weg stellt. Der Angreifer behauptet, am Hals angeschossen worden zu sein. Die Behörden haben bisher nicht bestätigt, dass es sich bei dem Mann in dem Video tatsächlich um den Attentäter handelt.

Wie kam es zur Festnahme?

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Polizisten nach den Schüssen in Halle. Zwei Menschen wurden bei den Angriffen erschossen.

(Foto: REUTERS)

Kurze Zeit nach den Angriffen in Halle fallen auch in Landsberg, rund 15 Kilometer von Halle entfernt, Schüsse. Die Polizei durchsucht mehrere Häuser im Landsberger Ortsteil Wiederdorf. Nähere Informationen gibt sie dazu nicht bekannt. Rund um den Ortsteil gilt ein Sperrkreis von 300 Metern. Am Nachmittag melden die Ermittler dann eine Festnahme, allerdings ohne Einzelheiten zu nennen. Mehrere Medien berichten, der Tatverdächtige sei auf der Bundesstraße 91 südlich von Halle festgenommen worden.

Was ist über den Tatverdächtigen bekannt?

Der 27-jährige Stephan B. aus dem Landkreis Mansfeld-Südharz wurde festgenommen. Gegen ihn soll noch im Verlauf des Donnerstags ein Haftbefehl erwirkt werden. Ob der Mann noch im Krankenhaus ist, ist unklar.

Laut Sicherheitskreisen handelt es sich um den 27-jährigen Deutschen Stephan B. aus Sachsen-Anhalt. Er hatte demnach eine Verletzung am Hals, als er festgenommen wurde. Er soll aber nicht von der Polizei angeschossen worden sein, von daher könne nicht ausgeschlossen werden, dass er versucht hat, sich selbst zu töten, heißt es. Der Tatverdächtige war den Angaben zufolge noch ansprechbar. Er soll gesagt haben, sein Ziel sei es gewesen, in die Synagoge einzudringen. Auf seiner Flucht soll er einen Taxifahrer und zwei weitere Menschen bedroht haben. Dann habe er mit einem Wagen einen Unfall gebaut und sei festgenommen worden. Vorher sei er nicht polizeibekannt gewesen, berichten mehrere Medien.

Stephan B. soll eine Wohnung in Halle haben – das sagt zumindest ein Nachbar seines Vaters im Landkreis Mansfeld-Südharz. Der Nachbar beschreibt die Familie als ruhig, der Tatverdächtige soll viel zu Hause gewesen sein. Zum Wohnort des Verdächtigen gibt es allerdings widersprüchliche Angaben. In mehreren Medienberichten heißt es, dass Stephan B. in Benndorf im Landkreis Mansfeld-Südharz wohnen soll.

Was ist über das Motiv bekannt?

Der Angreifer hat vor den Attacken offenbar ein "Manifest" geschrieben. Im Internet sei ein mehrseitiges PDF-Dokument aufgetaucht, erklärt das auf die Überwachung extremistischer Internetseiten spezialisierte Unternehmen SITE Intelligence Group. In dem Dokument würden Fotos von bei der Attacke verwendeten Waffen und Munition gezeigt. Als Ziel der Attacke werde in dem Dokument genannt, soviele "Anti-Weiße" wie möglich zu töten, vorzugsweise Juden.

Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen, die unter anderem bei Terroranschlägen ermittelt. Nach ihren Erkenntnissen hat die Tat ein rechtsextremistisches und antisemitisches Motiv.

 Innenminister Horst Seehofer sagte, die aktuelle Erkenntnislage erlaube es noch nicht, die Tat abschließend einzuordnen. Nach Einschätzung des Generalbundesanwalts gebe es aber "ausreichend Anhaltspunkte für einen rechtsextremistischen Hintergrund". Nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft ist das Video eindeutig antisemitisch und rechtsextremistisch. "Er hat geplant, Menschen zu töten", so ein Ermittler.

In dem Video macht der Angreifer antisemitische und rassistische Äußerungen. Er leugnet den Holocaust und kurz bevor er schießt, sagt er auf Englisch, die "Wurzel aller Probleme sind die Juden". Außerdem schimpft er über "Kanaken", wie der "Spiegel" berichtet. Unklar ist, ob es ein gezielter Angriff auf den Döner-Imbiss war. Auch, ob die Frau vor der Synagoge ein Zufallsopfer war.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, sagte, dass sich der Angriff direkt gegen die Synagoge richtete. "Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte Privorozki der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten". "Aber unsere Türen haben gehalten." Aus Sicherheitskreisen heißt es zudem, dass der Täter selbst gebastelte Sprengsätze vor der Synagoge abgelegt habe.

War es ein Einzeltäter?

Davon gehen die Behörden laut Sicherheitskreisen inzwischen aus. Kurz nach der Tat hatte die Polizei bei Twitter noch von mehreren flüchtigen mutmaßlichen Tätern gesprochen. Allerdings bezieht sich der Begriff allein auf die Umsetzung der Tat. Ob er sich im Internet radikalisiert hat und womöglich im Austausch mit anderen stand, ist unklar.

Woher kam das Video?

Das Video, das die Taten zeigen soll, wurde bei der Streamingplattform Twitch gestreamt. Fünf Menschen verfolgten es in Echtzeit. Anschließend hätten rund 2200 Menschen das aufgezeichnete Video angeschaut, bevor es gelöscht worden sei, erklärte Twitch. Allerdings kursierte das Video auch in anderen sozialen Medien. Der Twitch-Account, auf dem das Video gezeigt wurde, war demnach vor rund zwei Monaten eröffnet worden. Der Nutzer hatte vor der Attacke nur ein Mal versucht, ein Video zu streamen.

Das Vorgehen erinnert an den rechtsextremistischen Anschlag im neuseeländischen Christchurch. Dort hatte der Täter in zwei Moscheen mehr als 50 Menschen getötet und den Anschlag live im Internet übertragen.

Quelle: n-tv.de, hul/dpa/AFP

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