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AfD-Paar isoliert Was wird aus Marcus und Frauke?

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Zukunft ungewiss: AfD-Chefin Petry mit Ehemann Pretzell, der NRW-Spitzenkandidat der Partei ist.

(Foto: picture alliance / Rolf Vennenbe)

Frauke Petry ist die große Verliererin des AfD-Parteitags. Die Partei will sich nicht auf einen Kurs festlegen lassen. Das Timing ist ungünstig, vor allem für Petrys Ehemann Marcus Pretzell.

Marcus Pretzell wirkt angefasst. "Ein Teil der Partei hat das noch nicht mitbekommen, aber wir führen tatsächlich Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen", sagt er beim AfD-Bundesparteitag in Köln. Pretzell spricht über Meinungsfreiheit und weist darauf hin, dass AfD-Funktionäre sich im Klaren sein müssten, immer für die Partei zu sprechen. Hunderte Wahlkämpfer stünden zurzeit "auf der Straße und müssen das ausbaden". Die Botschaft ist klar: Lasst uns in Ruhe Wahlkampf machen. Es ist nicht so, dass Pretzell und Parteichefin Frauke Petry, seine Frau und Verbündete, keinen Anteil hätten an dem Streit in der AfD. Ihre Gegner um Parteivize Alexander Gauland werfen ihnen vor, die Partei spalten zu wollen. Am Wochenende erlitten die beiden eine empfindliche Niederlage. Sie wollten eine Abstimmung über den Kurs erzwingen, aber die Delegierten verhinderten das - eine Ohrfeige, für die beiden vielleicht sogar der Anfang vom Ende.

Für Pretzell könnte das Timing nicht schlechter sein. Der 43-Jährige ist Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 14. Mai in Nordrhein-Westfalen. In den eigenen Reihen ist er schon lange umstritten. Bei der Wahl auf Platz eins der Landesliste erhielt Pretzell nur 54 Prozent. Im Februar wählte die NRW-AfD seinen Gegner, den stellvertretenden Landesvorsitzenden Martin Renner, auf Platz eins der nordrhein-westfälischen Liste für die Bundestagswahl. Michael Klonovsky, der frühere Medienberater Petrys, warf Pretzell vor, gegen finanzielle Absprachen verstoßen zu haben. Er nannte ihn einen "Hochstapler" mit Hang zur Intrige. AfD-Mitbegründer Konrad Adam bezeichnete ihn jüngst als "Spieler".

Nun hat Pretzell ein weiteres Problem: Die AfD wird wohl in den Landtag einziehen, aber seine eigene Zukunft ist ungewiss. Für einen Politiker gibt es kaum etwas Schlimmeres, als mitten in der heißen Phase des Wahlkampfes demontiert zu werden. Pretzell ist ein leidenschaftlicher Wahlkämpfer. Dabei kann man ihm zurzeit fast täglich zuschauen. Mehr als 200 Menschen stehen vor einem Schulgelände in der Stadt Lage, 30 Autominuten entfernt von Bielefeld. Wer an der Absperrung vorbei zu der AfD-Veranstaltung läuft, wird von den Gegendemonstranten beschimpft. Drinnen lässt Pretzell auf sich warten. Mit einer halben Stunde Verspätung betritt er die Bühne. Er hat einer Journalistin des Bayerischen Rundfunks noch ein Interview gegeben.

"Nennen Sie uns ewiggestrig"

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist auch das erste Thema von Pretzell. Die AfD will die Programme finanziell deutlich zusammenschrumpfen und die Gebühren senken. "Deutschland leistet sich weltweit den teuersten öffentlich-rechtlichen Rundfunk und das macht sich in der Qualität bemerkbar, nicht wahr?", fragt Pretzell, der breitbeinig auf dem Podium steht, ironisch. Gelächter im Publikum. Immer wieder garniert der gebürtige Niedersachse seinen Vortrag mit solchen Pointen, den Zuhörern soll schließlich nicht langweilig werden. Als Pretzell mit den Medien fertig ist, nimmt er sich die Inklusion vor. "Gegen Inklusion zu sein, ist etwas ganz Schlimmes. Es grenzt Menschen aus. Ja, so sind wir", sagt er mit bedeutungsschwerer Stimme. Wieder ein Treffer, viele im Saal grinsen. "Mut zur Wahrheit" ist der Slogan der AfD. Pretzell spielt häufig mit Ironie. Als er die Ablösung der Diplom- und Magister-Abschlüsse durch Bachelor und Master kritisiert, sagt er: "Nennen Sie uns ewiggestrig, reaktionär oder eben realistisch."

Aber Pretzells Ansprache ist nur selten plump. Er formuliert scharf, aber nicht radikal. Schließlich will man keine gemäßigten Wähler abschrecken. Gebührenkritik, Inklusion, Uni-Abschlüsse – offenbar versucht er, Wähler anzusprechen, die sonst vielleicht nicht unbedingt auf die Idee kommen würde, die AfD zu wählen. Seit Monaten versuchen Petry und er, sich in der Partei als Anführer eines moderaten realpolitischen Flügels zu profilieren. Sie stellen sich offensiv gegen das Bündnis um AfD-Vize Alexander Gauland, Bundessprecher Jörg Meuthen und den Anführer des rechten Flügels, Björn Höcke. Pretzell und Petry wollen Höcke wegen seiner umstrittenen Äußerungen aus der AfD werfen. Dies soll zeigen, dass die Partei sich nach Rechtsaußen sehr wohl Grenzen setzt. Sie wollen die AfD mittelfristig für Koalitionen öffnen und keine Fundamentalopposition sein.

Nicht nur ihre Kritiker werfen Pretzell und Petry jedoch vor, bei dem Machtkampf gar keine inhaltlichen, sondern persönliche Motive zu haben. In vielerlei Hinsicht stehen die zerstrittenen Lager politisch nämlich eng beieinander, inhaltlich lassen sich oft keine Unterschiede ausmachen. Etwa wenn Pretzell die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung angreift. "Es sind Merkels Tote", twitterte er im Dezember kurz nach dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Dass von moderat keine Rede sein kann, zeigen auch die Verbindungen von ihm und Petry. Beide haben ebenso wenig Berührungsängste mit einer Marine Le Pen wie ihre innerparteilichen Gegner. Auf dem Parteitag verteidigt Pretzell die rechte französische Präsidentschaftskandidatin, die seine Fraktionschefin im EU-Parlament ist, gegen den Vorwurf des Antisemitismus.

"Wir wollen dieses Land verändern"

Le Pen ist für ihn und Petry eine Art politisches Vorbild. Schließlich ist ihr bereits gelungen, was sie sich für die AfD wünschen. Sie hat das Image des umstrittenen Front National aufpoliert und die Partei für weite Teile der Franzosen wählbar gemacht. Eine rechte Volkspartei, von der die AfD noch weit entfernt ist. In Umfragen ist die Partei in den vergangenen Monaten unter 10 Prozent abgerutscht, im Herbst lag sie noch bei 15. Das Petry-Lager will, dass die AfD mittelfristig mitregiert. Auf dem Parteitag sagt Pretzell: "Wir wollen Verantwortung übernehmen und dieses Land verändern." Nicht 2017, aber 2022, fügt Pretzell hinzu. Ob er und Petry dann noch an Bord sind? Viele würden zurzeit wohl eher Wetten dagegen setzen.

Vor einigen Wochen hatte Petry dem "Tagesspiegel" gesagt, weder Politik noch AfD seien für sie alternativlos. Pretzell sagte vor dem Parteitag, Petry und er könnten mit "demokratischen Entscheidungen ganz erwachsen" umgehen. Bei einer Niederlage auf dem Parteitag würden die Vertreter eines "realpolitischen, bürgerlichen" Kurses in der AfD an Bedeutung verlieren. "Man kann die eine wie die andere Strategie am Ende als Partei einschlagen. Man kann aber nicht auf zwei Pferden gleichzeitig reiten." Sind die Tage der beiden nun also gezählt?

Von wegen. Nach dem Parteitag klang das plötzlich ganz anders. Pretzell erklärte, dass die AfD in Nordrhein-Westfalen künftig einen anderen Kurs fahren werde als die Bundespartei. Es soll also erst einmal mit zwei Pferden weitergehen, zumindest bis zur Bundestagswahl. Und dann? Schon vor dem Parteitag hielten sich hartnäckig Gerüchte, das Petry-Pretzell-Lager wolle dann mit ihren Abgeordneten aus allen AfD-Fraktionen im Bundestag und in den Landtagen austreten und eine neue Partei gründen. Das Paar wird die Zeit bis dahin nutzen, um alle Optionen abzuwägen. Im Sommer bekommen die beiden ein Kind. Aus dem Machtpoker aussteigen und sich den Gaulands und Höckes geschlagen geben, ist aber offenbar vorerst kein Thema.

Quelle: n-tv.de

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