Politik

Die Gewinner der Coronakrise Wem das Virus politisch genutzt hat

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Angela Merkel und Jens Spahn gehören zu den politischen Gewinnern dieser Krise.

(Foto: picture alliance/dpa)

Gerade in Zeiten der Krise sehnen sich die Menschen nach klarer Führung. Wer diese Aufgabe übernimmt, erhält nicht selten einen hohen Vertrauensvorschuss. Doch mit der Verantwortung steigt auch der Druck - und das Risiko, tief zu fallen.

Kurz vor Weihnachten macht auf Twitter ein Hashtag die Runde. Unter #DankeDrosten würdigen etliche Nutzer - manche nicht ohne Ironie - die Arbeit des Chefvirologen an der Berliner Charité, den die Corona-Pandemie zu einem der bekanntesten Gesichter der Nation gemacht hat: Christian Drosten. Kaum einer Stimme aus Wissenschaft und Forschung wurde im zu Ende gehenden Jahr mehr Gehör geschenkt. Seine Einschätzungen, Warnungen und Prognosen haben das Handeln der Öffentlichkeit und auch der Politik mitbestimmt. Drosten steht stellvertretend für eine deutsche Wissenschaftselite, die in der Krise enorm an Vertrauen hinzugewonnen hat - und sich zur gleichen Zeit schlimmster Angriffe erwehren musste. Nicht nur von Corona-Leugnern.

Karl Lauterbach

SPD-Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbach war einer der Ersten, der Hasskampagnen gegen Forscher thematisierte. "Einige von uns müssen viel hinnehmen", twitterte er im Mai. "Daher sollte jeder mit Restbestand von Charakter die Hetze im Netz gegen Virologen, Epidemiologen oder Politiker einstellen. Es animiert Leute, die unberechenbar sind." Sein Appell erhielt viel Zuspruch. Die Solidarität war riesig. Lauterbach avancierte in der Krise zum Politiker der Stunde - auch weil er eine Brücke schlug zwischen Medizin, Wissenschaft und Politik. "Er ist ein guter Kommunikator", sagt Politikberater Johannes Hillje über den 57-Jährigen. "Seine Übersetzungsleistung von der Wissenschaft zur Politik wurde in der Pandemie stark gebraucht."

Zweifellos hat sich Lauterbach mit seiner Expertise für höhere Positionen empfohlen - doch dürften seine Chancen etwa auf einen Ministerposten angesichts der allgemeinen Performance seiner Partei in der Krise marginal sein. "Es ist einfach nicht besonders realistisch, dass die SPD so bald den Posten des Gesundheitsministers besetzen kann", sagt Hillje ntv.de. Nichtsdestotrotz stehe Lauterbach aber, ebenso wie die Kanzlerin, für einen wissenschaftsbasierten und eher vorsichtigen Kurs in der Pandemie. Einen Kurs, der bislang von der großen Mehrheit der Deutschen bevorzugt wird. Selbst den harten Lockdown vor Weihnachten befürworteten einer Forsa-Umfrage zufolge 63 Prozent der Befragten, 22 Prozent hätten sich sogar noch strengere Regeln gewünscht. Die steigenden Infektionszahlen gaben den Mahnern recht.

Angela Merkel

Ausgerechnet vor den Feiertagen verlor das Land die Kontrolle über das Coronavirus - und die Kanzlerin hat es kommen sehen. Schon im September hatte Angela Merkel vor täglichen Infektionszahlen über der 19.000-er Marke gewarnt, wenn sich die Länder nicht rechtzeitig auf konkrete Schutzmaßnahmen einigen könnten. Zu diesem Zeitpunkt taten das viele als Panikmache ab. Inzwischen wissen sie es besser. "Ihr naturwissenschaftlich geprägtes Denken hat ihr sehr geholfen", sagt Politikberater Hillje. Merkel ist promovierte Physikerin. "Sie versteht wissenschaftliche Maßzahlen und Modellrechnungen. Und sie kann diese gut erklären." Nachdem die krisenerprobte Kanzlerin das Zepter übernommen hatte, kletterte ihre Beliebtheit auf alte Höchststande.

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Noch Anfang des Jahres hatte sich Merkel weitgehend aus der Innenpolitik verabschiedet, ihr Amt als CDU-Vorsitzende übernahm Ende 2018 Annegret Kramp-Karrenbauer. Einige sahen in Merkel die berühmte "lahme Ente" mit schwindendem Einfluss. Doch die Kanzlerin überraschte sie alle. In der Krise suchte sie die direkte Ansprache zu den Bürgern, wurde so emotional wie selten - und auch wieder nahbarer. "Merkel hat sich nicht mit Maximalbotschaften vorgewagt", sagt Hillje. "Sie war eher die Mahnerin." Leugnern wissenschaftlicher Evidenzen, auch aus den Reihen des politischen Gegners, stellte sie sich entgegen. Auch das kam an.

Jens Spahn

Nur einer aus der CDU hat es geschafft, in die Nähe der Beliebtheitswerte der Kanzlerin zu rücken. Als Gesundheitsminister steht Jens Spahn seit Beginn der Pandemie in einem stärkeren öffentlichen Fokus als alle seine Vorgänger - und sein Agieren in der Krise hat ihm viel Zuspruch eingebracht. Im RTL/ntv Politikerranking hat er seit Januar 14 Punkte hinzugewonnen, mehr noch als Merkel. Aus heutiger Sicht hätte der 40-Jährige sehr gute Chancen auf den CDU-Vorsitz. Wenn er nicht schon Ende Februar 2020 seine eigene Kandidatur zum Vorteil von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zurückgezogen hätte - im Nachhinein ein Fehler, sagt Johannes Hillje.

Natürlich habe Spahn Anfang des Jahres nicht kommen sehen können, dass das Coronavirus eine weltweite Gesundheitskrise auslösen und alte Gewissheiten auf den Kopf stellen würde. "Aber mit dem Wissen von heute hätte er womöglich anders gehandelt", sagt der Experte. Das Dilemma der Union sei nun, dass die beiden beliebtesten Politiker neben Angela Merkel nicht für den CDU-Vorsitz kandidierten. Denn auch Markus Söder, im Politikerranking auf dem zweiten Platz hinter Merkel, steht als CSU-Chef naturgemäß nicht zur Verfügung - lediglich die Kanzlerkandidatur käme für ihn in Frage. Und Ambitionen in dieser Hinsicht hat er bisher, wenn auch mit einem Augenzwinkern, stets dementiert.

Markus Söder

Zutrauen würden es ihm die Deutschen. In der Kanzlerfrage kann ihm seit Monaten weder der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz noch Grünen-Co-Vorsitzender Robert Habeck das Wasser abgraben - und das, obwohl die Beliebtheitswerte des bayerischen Ministerpräsidenten lange Zeit seine größte Baustelle waren. Sein Erfolgsrezept in der Krise ist Präsenz. Söder gab mehr Pressekonferenzen als jeder andere Landeschef. Er preschte mit Forderungen nach verschärften Regeln vor, als die meisten anderen Länder noch beschwichtigten. Bundesweite Einschränkungen konnte er so als Ergebnis der eigenen Zugkraft verkaufen. Er wirkte wie ein Macher. "Im Zustand der kollektiven Verunsicherung hat Söder den Menschen mit eindeutigen Botschaften eine Orientierung angeboten", sagt Hillje.

Nach Ansicht des Experten haben sich die Beliebtheitswerte von Söder inzwischen allerdings von seiner politischen Bilanz losgelöst. "Söder ist nicht erfolgreicher als andere im Kampf gegen das Virus", sagt Hillje, "aber im Kampf um die mediale Aufmerksamkeit". Nicht wenige rollen inzwischen die Augen über den Marathon an Pressekonferenzen, die der CSU-Politker in den vergangenen Wochen hinter sich gebracht hat. Diese Dauerpräsenz in Kombination mit mäßigen Erfolgen in der Viruseindämmung könnte sich als Bumerang erweisen. Nach einem Umfragehoch im August hat Söder im Politikerranking inzwischen wieder drei Punkte eingebüßt.

Die Union

Während die SPD als Regierungspartei im Zuge der Pandemie kaum einen Vertrauensgewinn verzeichnen kann, ist die Union der große politische Gewinner dieser Krise. Im März 2020 lagen CDU und CSU im Trendbarometer von RTL und ntv noch bei mageren 26 Prozent. Nach dem Rücktritt von Annegret Kramp-Karrenbauer im Februar nagte der Streit um ihre Nachfolge an den Umfragewerten vor allem der CDU. Nun liegt die Union bei 36 Prozent, so viel Zuspruch gab es seit Jahren nicht mehr. Zu verdanken hat sie das sicher nicht nur der Regierungsarbeit des Kabinetts Merkel, sondern auch dem Umstand, dass das Virus die Diskussion um die neue Führungsspitze in den Hintergrund drängte.

Nach teils persönlichen Attacken der drei Kandidaten für den CDU-Vorsitz hatte Parteichefin Kramp-Karrenbauer im November nicht ohne Grund einen "ruinösen Wettbewerb" beklagt, der mehr schade als nütze. Im Zuge des Impfstarts und der bevorstehenden Bundestagswahl im neuen Jahr dürfte sich der öffentliche Fokus aber zwangsläufig vom Pandemiegeschehen lösen. Die Frage ist, ob die Union ihren komfortablen Vorsprung in den Umfragen dann mit einer möglichst geräuschlos verlaufenden Vorsitz- und Kanzlerkandidatenwahl halten kann. Zumindest im Moment scheint alles möglich.

Quelle: ntv.de