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SPD-Casting-Tour erreicht Berlin "Wenn Olaf gewinnt, steige ich aus"

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Die Willy-Brandt-Skulptur in der SPD-Parteizentrale wirkt noch ein wenig einschüchternder als sonst. "Wer von euch hat das Format, in meine Fußstapfen zu treten?", scheint sie die 14 Bewerber zu fragen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Halbzeit bei der SPD-Kandidatenkür für den Parteivorsitz: Im Berliner Willy-Brandt-Haus liefern sich die sieben Paare einen leidenschaftlichen Wettbewerb. Doch im linken Landesverband sind die Sympathien klar verteilt: Während Walter-Borjans und Esken bejubelt werden, kann ein Favoriten-Duo kaum punkten.

"Die Stimmung ist bombastisch", ruft die Moderatorin im vollen Atrium des Willy-Brandt-Hauses. "Das hat man selten hier", schiebt sie hinterher. Verlegenes Lachen aus dem Publikum, denn sie trifft einen Nerv: Seit Langem wurden in der SPD-Parteizentrale in Berlin keine Wahlerfolge oder positiven Umfragewerte mehr gefeiert. Stattdessen endeten im Vorstandssaal im fünften Stock in kurzer Abfolge Karrieren - zuletzt die von Parteichefin Andrea Nahles. Unter dem ernsten Blick der Bronze-Statue von Willy Brandt soll ihr Posten nun neu besetzt werden.

Auf die Galionsfigur der Sozialdemokraten - und ehemaligen Regierenden Bürgermeister von West-Berlin - wird sich im Laufe des Abends noch öfter zurückbesonnen. So weist Norbert Walter-Borjans, der an diesem Tag Geburtstag hat, mit großer Geste auf die überlebensgroße Skulptur und sagt: "Ich werde heute 67 Jahre alt. Ich bin einer der ersten Männer seit Generationen auf diesem Kontinent, der sein ganzes Leben in Frieden leben durfte. Und das habe ich ihm da zu verdanken." Warmer Applaus aus dem Publikum, Erinnerungen an frühere Zeiten, als die SPD noch groß und stark war.

Nun soll aus der Nostalgie wieder Realität werden. Dafür geben die 14 verbliebenen Bewerber für den Parteivorsitz an diesem historischen Ort alles. Denn schließlich geht es um die Frage, wer hier künftig auf dem Chefsessel Platz nehmen und über die Zukunft der SPD mitentscheiden darf. Dementsprechend groß ist auch das Interesse der Genossen: Erdgeschoss, Treppe und sogar die Balkonplätze sind eng besetzt. 2500 Zuschauer haben sich für die 12. von insgesamt 23 Regionalkonferenzen angemeldet. Zu viele für die Parteizentrale, so wurde schon im Vorfeld ausgelagert: "An 14 Orten in Berlin finden Public Viewings statt", berichtet ein SPD-Mitarbeiter stolz. Dennoch platzt der Saal kurz vor Beginn aus allen Nähten.

Bevor die sieben Bewerberpaare in Vorstellungs- und Fragerunden alles daran setzen, die Basis von sich zu überzeugen, schütteln sie noch fleißig Hände und knipsen Selfies. Vor allem das Duo aus Christina Kampmann und Michael Roth begeistert im blauen Europapulli junge Parteimitglieder. Wenig später ruft die stets gut gelaunte 39-jährige Landtagsabgeordnete Kampmann zum Kampf gegen Rechts auf, allen voran gegen den Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke: "Sie werden niemals eine wichtige Persönlichkeit in unserem Land." Da ist Stimmung im Saal, denn es ist eine Anspielung auf ein jüngst von Höcke abgebrochenes Interview.

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Jubel und Applaus sind auch dem ehemaligen nordrhein-westfälischen Finanzminister Walter-Borjans sicher. Vor sieben Jahren kaufte er Steuer-CDs aus der Schweiz auf und zwang so Steuersünder zu milliardenschweren Rückzahlungen. Seitdem wird er von seiner Partei als eine Art Robin Hood gefeiert. Den will er nun auch auf Bundesebene mimen; er setzt mit Co-Kandidatin Saskia Esken auf soziale Gerechtigkeit durch Umverteilung. Mit Juso-Chef Kevin Kühnert und dem Berliner Landesverband hat das Bewerberpaar einflussreiche Unterstützer. Dementsprechend selbstsicher stellt Walter-Borjans die von Bundesfinanzminister Olaf Scholz vertretene Politik infrage, keine neuen Schulden aufzunehmen: "Wir brauchen einen handlungsfähigen Staat, der sich nicht mit der schwarzen Null stranguliert." Dafür erntet er erneut lauten Beifall.

Die Favoriten haben es in Berlin schwer

Und auch sonst scheinen Vertreter der Parteilinken besser bei den Berliner Genossen anzukommen. Karl Lauterbach und Nina Scheer punkten mit einem klaren Schwerpunkt: Raus aus der Großen Koalition und zwar "vorzeitig", fordert Lauterbach mehrfach im Laufe des Abends. "Sonst verlieren wir noch die letzte Glaubwürdigkeit, die wir noch haben." Das fordern auch Hilde Mattheis und Dierk Hirschel. Sie wollen einen "radikalen Neustart" und sprechen sich offen für ein rot-rot-grünes Bündnis aus. Beim Berliner Publikum, wo diese Konstellation seit 2016 regiert, ernten sie dafür Sympathiepunkte.

Laut Umfragen hat das Team aus Vizekanzler Olaf Scholz und Klara Geywitz im Kampf um den SPD-Vorsitz die Nase klar vorn. In Berlin ist davon allerdings wenig zu spüren. Scholz thematisiert - wie auch die meisten anderen Kandidaten - die Wohnungsnot in vielen deutschen Großstädten und preist seine Erfolge als Bürgermeister von Hamburg an. Dort habe er schon tatkräftig gehandelt, als alle anderen noch geglaubt hätten, "das Problem gebe es gar nicht", so Scholz. Der Applaus fällt jedoch vergleichsweise verhalten aus. Vor allem sein Prinzip "Stabilität und Wandel Light" macht ihn für viele Berliner Genossinnen und Genossen unattraktiv. "Wenn der Olaf gewinnt, steige ich aus", sagt ein junges Parteimitglied. Scholz' stoisches Beharren auf der schwarzen Null enttäuscht hier viele.

Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius und dessen Mitbewerberin Petra Köpping gelten ebenfalls als Favoriten. Sie treten als Ost-West-Duo auf und setzen sich auch so in Szene. Als "Frau aus dem Osten" spricht vor allem Köpping, Staatsministerin für Integration in Sachsen, die Herzen vieler Mitglieder an: "Wir sind stolz auf die Genossinnen und Genossen in Ostdeutschland." Zusammen mit Pistorius wolle sie "Brücken bauen".

Ein neues Wir-Gefühl

Am Ende des Abends hat sich kein eindeutiges Favoritenpaar in Berlin herauskristallisiert. Das mag auch daran liegen, dass abgesehen von der Frage, ob die SPD in der Großen Koalition bleiben sollte, keine wirklich großen Unterschiede zwischen den Kandidaten zu erkennen sind. Es wird viel von sozialem Wohnungsbau gesprochen, der Sozialstaat gepriesen und Rechten der Kampf angesagt. Aber vielleicht ging es an diesem Abend gar nicht um große Positionsbestimmungen, sondern eher um ein neues Wir-Gefühl der Sozialdemokraten.

Nachdem Generalsekretär Lars Klingbeil noch ein paar Dankes- und Abschiedsworte gesprochen hat, leeren sich die Reihen schnell. Von der anfänglichen euphorischen Stimmung ist nur noch wenig übrig. Hatte man sich anfangs noch an der seit Langem wieder gefüllten Halle berauscht, sind die Längen der zweieinhalbstündigen Veranstaltung am Ende deutlich an den Gesichtern der Kandidatenpaare und Mitglieder abzulesen. Der durchorchestrierte Ablauf mit exakt gleicher Redezeit für alle Bewerber lässt wenig Raum für Abwechslung oder Überraschung.

Die Partei erfreut sich dafür an dem oft bekundeten Willen, dass die SPD in Zukunft wieder stärker zusammensteht. Einigkeit lautet das Credo fast aller Kandidaten. Der Feind befinde sich nicht innerhalb der Partei, sondern lauere außen, in Gestalt der "Höckes und Gaulands dieser Welt", betont Roth. Künftig wollen die Sozialdemokraten enger zusammenrücken und Solidarität wieder nach innen leben. Wer sie dabei anführen wird, entscheidet sich Ende November.

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Quelle: n-tv.de

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