"Kein Land für alle"Wer sich in Sachsen-Anhalt vor einem AfD-Sieg fürchtet
Von Vivian MicksNach der Wahl in Sachsen-Anhalt könnte es erstmals zu einer AfD-Landesregierung kommen. Was würde sich ändern, wenn die Forderungen der Partei umgesetzt werden? Eine RTL-Doku gibt Einblicke in das Leben von Menschen, die Angst vor einer AfD-Regierung haben - und zeigt mögliche Folgen auf.
"Ich würde jetzt bei Ihnen einen Ultraschall vom Herzen machen. Was sind Ihre Symptome?" Amer Kader Agha schaut seine Patientin an. "Luftnot und ein bisschen Druck", antwortet die ältere Frau im Krankenbett. "Druck auf der Brust? Okay, gucken wir."
Kader Agha ist Herzspezialist. Er arbeitet als Oberarzt der Kardiologie im Klinikum Quedlinburg in Sachsen-Anhalt. Geboren ist er in Syrien, seit zwölf Jahren lebt er in Deutschland. 2014 ist er aus seiner Heimat geflüchtet. In Deutschland hat er eine Facharztausbildung gemacht, nebenher Intensivsprachkurse besucht. "Die Mitralkappe sieht ein bisschen undicht aus. Ein bisschen Mitralkappeninsuffizienz", erklärt er der Patientin, während er auf den Bildschirm des Ultraschalls guckt.
Kader Agha ist einer der Menschen, die die Dokumentation "Kein Land für alle - Wer verliert, wenn die AfD gewinnt?" (Ausstrahlung am 27.08. um 23.30 Uhr bei RTL) im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September begleitet. Der Film zeigt, wie sich die politischen Pläne der AfD auf den Alltag der Menschen in Sachsen-Anhalt auswirken würden, wenn die Partei dort an die Regierung käme. Dafür trifft das Team um RTL/ntv-Politikchef Nikolaus Blome sowohl potenziell Betroffene als auch AfD-Politiker.
Fachkräfte wie Amer Kader Agha spricht die AfD in Sachsen-Anhalt in ihrem Wahlprogramm direkt an. Darin heißt es: "Ausländische Ärzte aber sind wegen der Sprachbarriere und kultureller Differenzen oft kaum geeignet, unsere Bürger richtig zu behandeln." Die Passage dürfte bei ausländischen Ärztinnen und Ärzten die Frage aufwerfen, ob sie in Sachsen-Anhalt noch willkommen sind - und ob ihre Arbeitsplätze langfristig sicher wären. Aus Sicht der AfD sind sie "kulturfremd".
AfD lehnt "Importärzte" ab
Für Krankenhäuser wie das Klinikum Quedlinburg könnte das erhebliche Folgen haben. Nach Angaben der Landesärztekammer kommt in Sachsen-Anhalt etwa jeder vierte Arzt in den Kliniken des Bundeslandes aus dem Ausland. Insgesamt könnten rund 2000 der 14.000 Mediziner im Land von den Plänen der AfD betroffen sein. Ohne diese Ärztinnen und Ärzte wäre die medizinische Versorgung vor allem in ländlichen Regionen nach Einschätzung von Krankenhausvertretern flächendeckend kaum sicherzustellen.
Kader Agha verfolgt den Wahlkampf mit Sorge. "Ich habe schon gelesen und gehört, dass Ausländer Schwierigkeiten bekommen, wenn die AfD die Macht hat." Er ist damit nicht allein. Am Mittwoch haben Gewerbetreibende mit Migrationshintergrund in Magdeburg für einen halben Tag ihre Läden geschlossen, um ein Zeichen zu setzen. Darunter Gastronomen, Barbershops und Kioske. Auch andere Ladenbetreiber haben sich dem stillen Protest angeschlossen.
Auf die Passage im Wahlprogramm zu ausländischen Ärzten angesprochen, sagt der stellvertretende AfD-Fraktionsvorsitzende in Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider: "Wir gehen aus von der Erfahrung vieler Patienten, die einen Arzt vor sich haben, der die Sprache nicht mehr versteht." Das sei ein Missstand. "Wir wünschen uns, dass wieder mehr deutsche Ärzte Dienst tun in unseren Kliniken", so Tillschneider. "Importärzte" könnten nicht die Lösung sein.
Umfrage zeigt Diskrepanz
Dass nur wenige Deutsche den Aussagen der AfD zustimmen, zeigt eine von RTL/ntv in Auftrag gegebene repräsentative Forsa-Umfrage. Von den 1007 befragten Menschen in ganz Deutschland stimmen lediglich 17 Prozent der Ansicht zu, dass ausländische Ärzte wegen "ihrer Sprachbarrieren" und "kulturellen Differenzen" kaum geeignet seien, deutsche Patienten zu versorgen. Unter den AfD-Anhängern teilen diese Einschätzung 52 Prozent.
Auch der Aussage im Parteiprogramm, die Anwerbung von Fachkräften "aus fremden Kulturen" führe zu Problemen und gefährde etwa im Gesundheits- und Pflegesektor "das Wohl der Patienten", stimmen nur 16 Prozent aller Bürger zu. Mehr als 80 Prozent der Deutschen lehnen beide Aussagen ab. Bei den AfD-Anhängern stimmen 49 Prozent zu - deutlich mehr als in der Bevölkerung insgesamt, aber nur knapp die Hälfte.
Den Zustimmungswerten der Partei schadet das nicht. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hofft auf mindestens 45 Prozent der Wählerstimmen, um "stabil" regieren zu können, wie er seinen Anhängern beim Wahlkampfauftakt am 18. Juli in Magdeburg zuruft. Die Stimmung ist gut, das Gefühl im Saal: Ein Sieg bei der Landtagswahl am 6. September ist der Partei eigentlich nicht mehr zu nehmen. Aktuelle Umfragen sehen die Partei bei rund 40 Prozent.
Der syrische Kardiologe Amer Kader Agha berichtet von positiven Erfahrungen in seinem Beruf. Sein Deutsch sei nicht perfekt, die Dankbarkeit der Patienten aber motiviere ihn. Zusammen mit einem Pfleger bereitet er gerade eine Untersuchung am Herzkatheter vor, als der Patient ihn fragt: "Von wo kommen Sie?" Aus Syrien, antwortet Kader Agha. "Mein letzter Doktor kam aus Aserbaidschan", sagt der Patient. "Er hat mich gerettet."
Die Dokumentation wird am Donnerstag, dem 27. August, um 23.30 Uhr auf RTL ausgestrahlt und wird anschließend auf RTL+ und YouTube abrufbar sein.
