Politik

Verkettung unglücklicher Umstände? Wie Amri entwischen konnte

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Anis Amri wird mittlerweile europaweit gesucht.

(Foto: REUTERS)

Anis Amri soll der Attentäter von Berlin sein. Schon vor seiner Einstufung als Gefährder hatten ihn die Behörden wegen diverser Straftaten im Visier. Dennoch fehlten ihnen die Möglichkeiten, gegen den Tunesier vorzugehen. Eine Chronologie.

Die Polizei sucht mittlerweile nicht nur deutschland- sondern auch europaweit nach dem Attentäter von Berlin. Die Ermittler konzentrierten sich nach wie vor auf den 24-jährigen Tunesier Anis Amri. Die Bundesanwaltschaft veröffentlichte am Mittwoch einen Fahndungsaufruf.

Derweil wird immer mehr über den Verdächtigen bekannt: Bevor Amri im Juli 2015 nach Deutschland kam, verbrachte er italienischen Medienberichten zufolge vier Jahre in Italien. 2011 war er in das Land gekommen, er sei wegen Brandstiftung in einer Schule zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Die Zeitung "Die Welt" berichtete unter Berufung auf italienische Regierungsquellen, Amri sei 2011 im Ort Belpasso nahe der sizilianischen Hauptstadt Catania verhaftet worden. Seine Strafe verbüßte er in Haftanstalten in Catania und Palermo. Im Mai 2015 wurde Amri in Abschiebehaft in die zentralitalienische Stadt Caltanissetta verlegt. Wenige Wochen später wurde er entlassen. Dann reiste Amri Richtung Deutschland weiter.

Direkter Kontakt zum IS?

Im Juli 2015 soll Amri dann über Freiburg nach Deutschland gekommen sein. Seit Februar 2016 hielt er sich vornehmlich in Berlin auf. Dort zog er die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich. Gegenstand der Ermittlungen waren Informationen, wonach Amri "einen Einbruch plane, um hierdurch Gelder für den Erwerb automatischer Waffen zu beschaffen, möglicherweise um damit später mit noch zu gewinnenden Mittätern einen Anschlag zu begehen", so die Berliner Generalstaatsanwaltschaft.

Amri wurde damals bereits mit dem IS in Verbindung gebracht. In einem Eintrag zur verdeckten Fahndung vom 5. Februar 2016 steht: "Mutmaßlicher Bezug zum IS" und "Intensive Kontrolle der Person". Mehrere Medien berichten, dass Amri wohl in Kontakt mit dem bekannten Hassprediger Ahmad Abdulaziz Abdullah A., besser bekannt als "Abu Walaa", stand. "Abu Walaa" gilt als die Nummer eins des IS in Deutschland. Doch Amri hatte vermutlich auch direkten Kontakt zum Islamischen Staat: Wie die "New York Times" berichtet, soll er mindestens einmal über den Messengerdienst Telegram in Kontakt zum IS gestanden haben. Das Blatt beruft sich auf Aussagen nicht näher genannter US-amerikanischer Offizieller. Aus dieser Quelle stammt auch die Information, dass Amri sich im Internet über den Bau von Sprengsätzen informiert haben soll.

Kleindealer im Görlitzer Park

Im Frühjahr 2016 stuften die deutschen Behörden Amri schließlich als sogenannten Gefährder ein. Ein Richter ordnete an, Amris Kommunikation zu überwachen und ihn zu observieren. Die Überwachungsmaßnahmen lieferten Hinweise darauf, dass Amri als Kleindealer im Görlitzer Park in Berlin tätig sein könnte. Allerdings lieferten die Erkenntnisse laut Generalstaatsanwaltschaft Berlin keine Hinweise, um "den ursprünglichen Vorwurf zu verifizieren oder diesen oder einen anderen staatsschutzrelevanten Tatvorwurf zu erhärten". Die Überwachungsmaßnahmen wurden deswegen im September 2016 eingestellt.

Zuvor, im Juni, war der Asylantrag Amris abgelehnt worden. Im Juli wurde er bei einer Routinekontrolle in Friedrichshafen in einem Fernbus aufgegriffen. Die Polizisten stellten fest, dass der Tunesier abgeschoben werden sollte. Nach einem Beschluss des Amtsgerichts Ravensburg wurde Amri in Abschiebehaft in die örtliche Justizvollzugsanstalt gebracht. Zwei Tage später wurde er aber entlassen, die Abschiebung nicht durchgeführt. Die Abschiebung sei wegen fehlender Passersatzdokumente aus Tunesien gescheitert, erklärte der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger am Mittwoch. Die tunesischen Behörden bestritten zunächst, dass Anis Amri Tunesier sei. Dann stellten sie die Ersatzdokumente doch noch zu. Zwei Tage nach dem Anschlag in Berlin.

Quelle: ntv.de, kpi/AFP/dpa