Angriffe auf EnergieversorgungWie Russland seinen Drohnenterror in der Ukraine fortsetzt
Von Laura Stresing
Donald Trump feiert sich für seine Vermittlerrolle im Ukraine-Krieg. Doch die von ihm verkündete "humanitäre Pause" für die Energieversorgung erweist sich als recht kurzlebig. Russland überzieht das Land mit der schwersten Angriffswelle des Jahres. Daten enthüllen ein bekanntes Muster.
Da wollte sich Donald Trump wieder mal als Friedensbringer inszenieren: Ende Januar kündigte der US-Präsident vollmundig an, Russlands Präsident Wladimir Putin habe zugestimmt, die Angriffe auf Einrichtungen zur Energieversorgung der ukrainischen Bevölkerung für eine Woche auszusetzen. Die Ukrainer reagierten skeptisch auf die Nachricht. Schließlich blieb anfangs sogar unklar, ab wann die Angriffspause gelten sollte - und für wie lange.
Im Rückblick lässt sich sagen: Die Skepsis war berechtigt. Tatsächlich fiel die ohnehin stark begrenzte Waffenruhe nur sehr kurz aus. So wurden in der Nacht auf Freitag zwar keine Energieanlagen beschossen, wie die Ukraine bestätigte. Luftangriffe gab es aber trotzdem - und diese zielten nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj auf andere Infrastrukturziele wie Eisenbahnknotenpunkte ab.
Ukraine erlebt heftigste Angriffswelle des Jahres
Auch Daten der ukrainischen Luftwaffe zeigen, dass die Zahl der nächtlichen Luftangriffe nach Trumps Ankündigung am 29. Januar nur drei Tage lang leicht zurückging. Anfang Februar eskalierte das russische Militär dafür umso härter und überzog die Ukraine in der Nacht zum 3. Februar erneut mit Marschflugkörpern, Raketen und Drohnenschwärmen.
Getroffen wurden unter anderem Ziele in den Großstädten Kiew, Dnipro, Charkiw, Saporischschja und Odessa. Erneut kam es zu massiven Strom- und Heizausfällen. Allein in Kiew hatten mehr als 100.000 Menschen nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko zeitweise keine Heizung mehr. Es war die bisher heftigste Angriffswelle in diesem Jahr. Präsident Selenskyj hob den ungewöhnlich hohen Anteil ballistischer Raketen hervor. Während die Drohnenschwärme allein durch ihre Masse die ukrainische Luftabwehr an ihre Grenzen bringen, richten ballistische Geschosse den größten Schaden an der Infrastruktur an.
Insgesamt setzt sich ein Muster fort, das schon seit dem vergangenen Frühjahr vorherrscht: In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen ragen aus dem russischen Drohnen-Dauerfeuer, dem die Ukrainer Tag für Tag ausgesetzt sind, kombinierte Großangriffe mit verschiedenen Waffensystemen hervor. Selten vergeht mehr als eine Woche, ohne dass in der Ukraine großflächig Luftalarm herrscht und in den Städten Drohnen und Raketen einschlagen.
Auswertungen der Konfliktforschungsdatenbank ACLED ("Armed Conflict Location & Event Data") dokumentieren, wie Russland schon seit Jahren gezielt die ukrainische Energie-Infrastruktur angreift - erst vereinzelt, inzwischen aber fast täglich und im ganzen Land. Die Daten werden anhand von öffentlichen Quellen gesammelt, geprüft und strukturiert veröffentlicht. Dadurch decken die wöchentlichen Datensätze bislang nur den Zeitraum bis zum 30. Januar ab.
Dennoch wird deutlich, warum sich Trump explizit mit der Bitte an Putin wandte, die Bewohner Kiews und anderer Großstädte wenigstens zeitweise zu verschonen. Die Energieversorgung der Hauptstadt wurde im Januar bereits mehrfach angegriffen. Bei zweistelligen Minusgraden finden die Menschen oft nur noch Zuflucht in den Not-Wärme- und Versorgungsstellen, die für den Fall von Heizungs-, Strom- und Wasserausfällen eingerichtet wurden. "Orte der Unbezwingbarkeit" ("Points of Invincibility") nennt die Stadt diese beheizten Zelte und öffentlichen Räume.
Russlands Angriffe auf die Städte und zivile Infrastruktur zielen offensichtlich darauf ab, die Bevölkerung zu zermürben. Trump findet andere Worte: Es sei "grausam" und "schrecklich" und "nicht gut", was in der Ukraine passiere. Die von ihm vermittelte kurze Angriffspause im Januar nennt er einen "Energie-Waffenstillstand" und eine "humanitäre Pause". Und er lobt Putin dafür, dass er sich dazu bereit erklärt habe. Das sei "sehr nett" gewesen.
Dabei ist fraglich, ob es sich wirklich um ein Zugeständnis handelte. Bereits zum Jahreswechsel schienen die russischen Luftangriffe an Intensität zu verlieren und langsam wieder zuzunehmen. Beobachter vermuten, dass Russland zeitweise mit seinen Geschossen haushalten musste. Die heftige Angriffswelle in der Nacht zum 3. Februar deutet jedenfalls darauf hin, dass Russland derzeit selbst an einer symbolischen Deeskalation wenig Interesse hat.
Das war schon mal anders: Als Trump dem russischen Präsidenten zum sogenannten Alaska-Gipfel am 15. August sprichwörtlich den roten Teppich ausrollte, verzeichneten die ukrainischen Streitkräfte in den Wochen davor auffällig wenige Drohnen- und Luftangriffe. Erst nach dem Gipfel, der ohne Ergebnis blieb, fuhr Russland wieder sämtliche Geschütze auf.
In den aktuellen Friedensgesprächen wartet Putin noch nicht mal den Ausgang ab, sondern eskaliert unmittelbar vorher. Derzeit verhandeln Vertreter Russlands und der Ukraine in Abu Dhabi über ein mögliches Ende des seit Februar 2022 andauernden Krieges. Die USA übernehmen erneut eine Vermittlerrolle. Dass die trilateralen Gespräche einen nennenswerten Durchbruch bringen, wird nicht erwartet.
Mitarbeit: Martin Morcinek, Lisa Aretz