Politik

"Leichengeruch vergesse ich nie" Wie Soh Horie die Atombombe überlebte

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Soh Horie (Mitte) mit seinen Eltern, Schwestern und dem großen Bruder.

(Foto: Privat)

Der 6. August 1945 verändert sein Leben für immer. Soh Horie ist ein Junge, als die USA die Atombombe "Little Boy" zünden. Zehntausende verbrennen in Hiroshima auf der Stelle, Abertausende sterben später. "Keiner wusste, warum", sagt Horie.

Das Inferno trifft sie alle unvorbereitet. Es ist ein klarer Sommertag, Soh Horie ist krank und muss nicht zur Schule gehen. Gemeinsam mit seiner großen Schwester macht sich der fast Fünfjährige auf den Weg zum Einkaufen. Plötzlich sieht Soh einen grellen Blitz, spürt die Druckwellen einer Explosion, dann wirft sich seine Schwester über ihn. Es ist der Morgen des 6. August 1945. Der Tag, an dem die US-Amerikaner die erste Atombombe der Welt über der japanischen Stadt Hiroshima abwerfen.

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580 Meter über dem Shima-Krankenhaus, mitten im Zentrum Hiroshimas, detoniert die Bombe.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Wirkung der 3,2 Meter langen Bombe ist verheerend. Innerhalb von Sekunden breitet sich eine Hitzewelle von mindestens 6000 Grad aus. Die Stadt gleicht einer lodernden Hölle, Menschen, Pflanzen und Tiere verdampfen. Mehr als 70.000 Menschen sterben sofort durch die Bombe, deren Zerstörungskraft bis dahin unvorstellbar schien.

Soh hat noch Glück. "Little Boy", so der zynische Name der Bombe, schlägt in drei Kilometern Entfernung ein. Er und seine zehn Jahre ältere Schwester befinden sich hinter einem kleinen Hügel, der sie schützt. "Wenn wir uns jenseits des Hügels befunden hätten, hätten wir nicht überlebt", meint er heute.

Eine Ewigkeit vergeht. Als er und seine Schwester wieder aufstehen und nach Hause rennen, sehen sie, was die Bombe angerichtet hat. Die Stadt brennt, durch die Trümmer irren Verletzte, schreiend und panisch. Keiner weiß, was geschehen ist. Sohs Haus steht noch, alle Fensterscheiben sind zersprungen, die Wände neigen sich zu einer Seite, das Innere ist verwüstet. Dennoch bietet es Schutz und viele Verletzte flüchten sich hierhin.

Am eindrücklichsten bleibt Soh ein Schüler der Mittelstufe in Erinnerung: Seine Haut im Gesicht ist verbrannt, schält sich ab und verstopft die Nase. Mit einer Pinzette sammelt Sohs Mutter die Hautfetzen, damit er wieder durch die Nase atmen kann. Auch eine junge Frau flüchtet sich zu ihnen, das Muster ihres Sommerkleids hat sich in ihre Haut gebrannt.

Tausende Toten stapeln sich

"Einer kam zu uns und starb", sagt Soh. Andere wiederum, so erinnert er sich, verlassen nach kurzer Zeit wieder das Haus seiner Familie und sterben wenig später woanders. In Hiroshima häufen sich die Toten. Allein bis zum Dezember sterben in der Stadt noch einmal rund 70.000 Menschen - an Brandverletzungen oder den Folgen der Verstrahlung. Im Hof von Sohs Schule, keine 100 Meter von seinem Zuhause entfernt, werden die Leichen gesammelt, zu Tausenden stapeln sie sich. Da es nicht genügend Brennstoff gibt, um sie sofort zu verbrennen, fangen sie in jenem heißen Sommer schnell an zu verwesen. "Es roch so stark", erinnert sich Soh Horie. "Diesen Geruch werde ich nie vergessen."

Auch Sohs Vater, ein Offizier der Marine, überlebt den Angriff nicht lange. Sechs Tage nach dem Abwurf der Bombe kommt der Marineoffizier ins Krankenhaus und stirbt. "Damals wusste keiner, warum die Menschen sterben", so Soh. "Von den Strahlen ahnten wir nichts."

Erst später wird klar: Der Vater befand sich deutlich näher am Explosionsort und war daher massiver nuklearer Strahlung ausgesetzt, die ihn das Leben kostete. Auch Menschen, die weiter von der Explosion entfernt sind, entkommen der tödlichen Strahlung nicht. Viele flüchten sich an den Fluss und trinken kontaminiertes Wasser. In der Folge fallen ihnen die Haare aus, sie bekommen purpurrote Flecken und verbluten an inneren Verletzungen. Die Zahl der Krebserkrankungen steigt rapide.

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Soh Horie bei einer Veranstaltung der Böll-Stiftung im Juni 2015 in Berlin.

(Foto: Heinrich-Böll-Stiftung)

Auch in Soh Hories Familie häufen sie sich. Seine Mutter bekommt Brustkrebs, sein 13 Jahre älterer Bruder, der nach dem Bombenabwurf lange auf der Suche nach seinem Vater durch die Stadt geirrt war, stirbt Jahrzehnte später an Leberkrebs. Die zehn Jahre ältere Schwester stirbt mit 50 Jahren unter großen Schmerzen an Darmkrebs. Soh selbst hat seit fast 20 Jahren eine Störung an der Schilddrüse und erkrankt Ende 2011 am Magen. Die Ärzte geben ihm damals noch zwei Monate zu leben – doch wie durch ein Wunder überlebt er.

"Wir waren nur die Versuchsratten"

Als Kind selbst bekommen weder er noch seine Freunde eine medizinische Behandlung. "Wir wurden zwar regelmäßig vom US-Institut ABCC, einer Kommission zur Untersuchung der Atombombenopfer, untersucht", erinnert er sich. "Aber wir waren nur die Versuchsratten." Hilfe gibt es nicht.

Trotz allem: Einen Hass gegen die Amerikaner hege er nicht, sagt Soh Horie heute. Stattdessen engagiert er sich seit Jahren für das World Friendship Center, in dem Zeitzeugen der Atombomben von ihren Erfahrungen berichten. In Hiroshima redet er von seinen Erfahrungen; in diesem Sommer ist er in Europa unterwegs, um mit anderen Überlebenden Vorträge in verschiedenen europäischen Städten zu halten und vor der nuklearen Gefahr zu warnen. "Wenn mich mein Enkel später fragt: 'Was hast du gemacht?', dann möchte ich gerne eine klare Antwort geben", sagt er. Doch seine Hoffnung, dass die Welt friedlicher wird, ist gering.

Auch an diesem 6. August wird er in seiner Heimatstadt Hiroshima wieder von seinen Erfahrungen erzählen. Wie in jedem Jahr wird er nicht die offizielle Gedenkveranstaltung besuchen, sondern seine ehemalige Schule. Dann fährt er wieder an dem alten Haus seiner Eltern vorbei und erinnert sich. Er weiß: Es wird ein sehr trauriger Tag.

Quelle: ntv.de

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