Politik

Kohl, Lenin und eine Kamera Wie das Ende der DDR begann

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Das Archivfoto vom November 1989 zeigt Teilnehmer an einem Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Helmut Kohl und Lenin haben recht: Der Zusammenbruch der DDR begann nicht vor 25 Jahren, als Zehntausende Leipziger durch die Innenstadt zogen. Doch ohne ihren friedlichen Protest hätte es die Revolution nicht gegeben.

Heute vor 25 Jahren, am 9. Oktober 1989, als Zehntausende friedlich und furchtlos durch Leipzig zogen, begann der Anfang vom Ende der DDR. Das ist zumindest die vorherrschende Auffassung.

Der Kanzler der Einheit hat diese Ansicht infrage gestellt - nicht öffentlich, sondern in den Kellergesprächen, die Helmut Kohl in den Jahren 2001 und 2002 mit seinem damaligen Ghostwriter Heribert Schwan führte. Diese Gespräche dienten als Arbeitsgrundlage für Kohls "Erinnerungen"; Schwan hat sie - ohne Einwilligung des Altkanzlers - für ein Buch über Kohls "Vermächtnis" benutzt.

Das Buch macht deutlich: Aus Kohls Sicht wurden Freiheit und Einheit nicht von den Demonstranten auf den Straßen von Leipzig, Plauen und Ostberlin erkämpft. Es war eine Folge der Kredite, die der DDR von der Bundesregierung gewährt wurden. Schließlich hatte sich die DDR im Gegenzug bereit erklären müssen, die Restriktionen für Reisen in den Westen zu lockern.

Diese Besuche hätten die Feindbilder zerstört, sagte Helmut Kohl dem "Vermächtnis" zufolge. Die Ausweitung der Besuchserlaubnis sei der schlimmste Fehler gewesen, den DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker gemacht habe. Zusammengebrochen sei die DDR nicht, weil "der Heilige Geist ... über die Plätze in Leipzig gekommen" sei, sondern weil der sowjetische Machthaber Michail Gorbatschow der DDR "kein Bimbes", also kein Geld, mehr zur Verfügung gestellt habe.

Ganz falsch liegt Kohl damit nicht. Aber auch nicht ganz richtig. Der Experte für Revolutionen, Wladimir Iljitsch Lenin, würde ihm jedenfalls nur in Teilen zustimmen. Lenin zufolge müssen für die Entstehung einer revolutionären Situation drei Bedingungen erfüllt sein: Die Politik der herrschenden Klasse muss einen Riss erzeugen, der die Unzufriedenheit der unterdrückten Klassen hervorbrechen lässt. Die Not der unterdrückten Klassen muss sich über das gewohnte Maß hinaus verschärfen. Und schließlich müssen die Massen sich gegen ihre Unterdrücker auflehnen.

Angst vor der "chinesischen Lösung"

Kohl denkt offenbar vor allem an Punkt eins und zwei, an die wirtschaftlichen Nöte und die zunehmende Unzufriedenheit. Doch für eine Revolution braucht es auch die Auflehnung der Massen. Mit Lenin kann man sagen: Ohne den wirtschaftlichen Zusammenbruch der Sowjetunion hätte es die Wende nicht gegeben. Ohne die Reisen von DDR-Bürgern in den Westen hätte sich deren Unzufriedenheit nicht verschärft. Und ohne die vielen mutigen Demonstranten wäre das SED-Regime nicht abgetreten.

Das gilt vor allem für die Demonstration des 9. Oktober 1989. Siebzigtausend, vielleicht mehr, ziehen an diesem Montagabend durch die Leipziger Innenstadt. Es ist nicht der erste Protestzug, den die DDR in diesem Herbst erlebt. Zwei Tage zuvor, am 40. Geburtstag der Republik, hatten Tausende in Ostberlin und zahlreichen anderen Städten unter der Parole "Wir sind das Volk!" demonstriert. Polizei und Staatssicherheit reagieren mit Gewalt: Zahlreiche Menschen werden zusammengeknüppelt, verhaftet und misshandelt. Allein in Ostberlin kommt es zu 1200 "Zuführungen".

Die Oppositionellen müssen befürchten, dass die Spitze der SED ein blutiges Ende ihrer Proteste anstrebt. Der Bürgerrechtler und spätere Grünen-Politiker Werner Schulz, der sich aus Angst vor einer Festnahme am 9. Oktober aus Berlin abgesetzt hatte, sieht am Leipziger Hauptbahnhof "überall Stasi" stehen, wie er vor fünf Jahren im Interview mit n-tv.de sagte. "Ich dachte, jetzt wird's hier das geben, was in Berlin noch zurückgehalten worden war - die 'chinesische Lösung'." Zum ersten Mal hat er Angst um sein Leben.

Das ist das Besondere an diesem 9. Oktober 1989: Trotz dieser Angst wird diese Demonstration die größte in der DDR seit dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Und das Beste: Es gibt sogar Bilder.

"Das ist das Ende der DDR"

Das war am 7. Oktober im sächsischen Plauen anders gewesen. Dort hatten zehn- bis zwanzigtausend Menschen demonstriert. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl war es die größte Demonstration der Wendezeit. Nur: Niemand erfuhr davon. In Leipzig sorgen zwei Männer dafür, dass es Bilder gibt: Siegbert Schefke und Aram Radomski. Die beiden Bürgerrechtler steigen auf den Turm der Reformierten Kirche am Innenstadtring, um heimlich den Demonstrationszug zu filmen. Sie können kaum fassen, was sie von ihrem Versteck aus beobachten.

"Uns war schnell bewusst, wenn wir diese Bilder in den Westen transportieren, dann wird das ganz Deutschland, ja sogar die ganze Welt verändern", sagt Schefke heute. Ihre Aufnahmen laufen am Abend des 10. Oktober in den westdeutschen Abendnachrichten. "Friedlich löste sich die Demonstration auf, Demonstranten diskutierten mit der Polizei und den angerückten Betriebskampfgruppen", heißt es in dem Beitrag. Die "chinesische Lösung" war vom Tisch; die revolutionäre Masse hatte erkannt, was ihr Handeln bewirken kann. An diesem Tag "entschied sich, dass die Revolution von nun ab friedlich verlaufen würde", schreibt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch über das "Endspiel" von 1989.

Radomski und Schwarz hatten ihr Video dem "Spiegel"-Reporter Ulrich Schwarz übergeben, der es in seiner Unterwäsche nach Westberlin zum Sender Freies Berlin schmuggelte. Schwarz drückte das Band einem SFB-Redakteur in die Hand, der erst fünf Jahre zuvor von der DDR zwangsausgebürgert worden war: Roland Jahn, heute Chef der Stasi-Unterlagenbehörde. Jahn kann sich noch erinnern, was ihm durch den Kopf schoss, als er die Filmaufnahmen auswertete: "Das ist das Ende der DDR."

Quelle: n-tv.de

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