Politik

Wieduwilts Woche Wie lang kann sich Scholz durch Krisen murmeln?

Schaut man Olaf Scholz bei der Arbeit zu, bekommt man Mitleid: Da nuschelt jemand stockend ein paar Sätze ins Mikrofon, aber nur, wenn es nicht mehr anders geht. Der Kanzler muss jetzt einen Erfolg vorweisen, sonst wird seine Unlust zur Gefahr für die Ampel.

"Wo ist Olaf?" ist in diesen Tagen ein Running Gag in Deutschland und wenn der mächtigste Mann im Staate zu einem Witz wird, mischt sich schnell Nervosität ins Lachen. Die Laune der Deutschen könnte schließlich besser sein: Kriegsgefahr, Inflation, Pandemie und ein zehntausendjähriger Winter hinterlassen ihre Spuren. Dass Scholz kein Cicero ist, darüber hat sich mittlerweile auch der letzte Comedian ausreichend amüsiert. Aber müsste er nicht doch ein bisschen … anwesender sein? Scholz wirkt wie der neue Chef, der nur widerwillig aus dem Büro und vor seine Belegschaft tritt.

Der Bundeskanzler ist ein stilles, norddeutsches Gemüt und als Schleswig-Holsteiner fühle ich das. Doch die ewige Fragerei nach seinem Aufenthalt und vermutlich die Androhung von Waffengewalt durch sein PR-Team haben ihn dann doch noch vor eine Kamera gezerrt. Mit einem Gesicht wie ein Fünfjähriger vor einem dampfenden Teller voll Spinat murmelte sich Scholz durch die Kriegs- und Pandemiefragen des "Heute Journals". Dort beantwortete er auch die sich aufdrängende Frage, wer denn eigentlich grad Kanzler ist, er oder der überaus präsente Gerhard Schröder. Scholz antwortete zuversichtlich, "das bin ich". Er klang wie ein Chef-Beamter aus dem Kanzleramt, nicht wie ein Machtpolitiker mit Richtlinienkompetenz. Hat denn bei ihm wirklich noch niemand "Führung bestellt"?

Die Deutschen schätzen keine großen Redner

Warum ist Scholz so? Manche Gründe sind taktischer Natur. Kevin Kühnert mahnte im "Frühstart" von ntv Gehorsam an: Wer jetzt insinuiere, die Bundesregierung habe keinen klaren Kurs, der helfe Putin (und ist ein Vaterlandsverräter - so klang es jedenfalls). Einen solchen Sound hatten auch die Grünen schon angeschlagen. Richtig ist: Wenn Scholz sämtliche taktischen Erwägungen im Umgang mit Russland auf den Tisch legte, wäre das so dumm wie eine verspiegelte Sonnenbrille im Poker-Spiel.

Außerdem verlangt die Machtarchitektur der Ampel einen moderierenden Kanzler. Er wolle andere glänzen lassen, hatte Scholz versprochen. Das Drei-Parteien-Bündnis ist eine historische Premiere. Sie muss starke Fliehkräfte aushalten: Bei der Pandemiebekämpfung steht die FDP im Abseits, bei der Impfpflicht sind alle gespalten und in Russlandfragen geht der Riss durch den Wahlgewinner, die SPD. Ein brusttrommelnder Gorilla, der jeden Schritt vorgibt und für jeden Erfolg die Blumen abgreift, kann so ein Gebilde nicht führen.

Deutschland ist zudem grundsätzlich kein Land, das große Redner schätzt. Hier gerät jeder schnell in Verdacht, der sich mit Performance, also Ausdruck und Sprachstil zu viel Mühe gibt. Die Deutschen mögen es echt und erdig, Zierrat ist ihnen suspekt, sie haben es nie anders gelernt. Höfische Kultur hatten sie nicht, weshalb sie sich in die Romantik und die Suche nach dem "Erhabenen" flüchteten, dem Echten. Während etwa in den Vereinigten Staaten das Redenlernen als professionell gilt und Redenschreiber gefeierte Stars sind, tut man in Deutschland so, als wären Politiker und Führungskräfte samt und sonders Naturtalente. Oder eben Scholz.

Der Kontrast zu Merkel

Doch Scholz kann durchaus anders, wenn er Zeit und Ruhe hat, eine kontrollierte Umgebung. Sein Auftritt bei "Joko und Klaas" war empathisch, seine Performance solide, seine Stimme klang lebendig, nicht wie ein Gespräch im Beichtstuhl. Da hatte er Zeit zum Üben und zum Wiederholen. Ist Scholz also von Live-Situationen schlicht überfordert? Und was bedeutet das? Kann man sich tonlos durch eine ganze Legislaturperiode oder gar 16 Jahre murmeln?

Der Kontrast zu Angela Merkel fällt auf. Die frühere Kanzlerin als Rampensau zu bezeichnen, wäre sehr unhöflich und falsch: Die Politikerin duldete und nutzte Kameras, aber sie suchte sie nicht. Doch sie kommunizierte hochprofessionell. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war ein eigener Videopodcast. Damals erschien er in Gameboy-Auflösung, es war schließlich das Jahr 2006! Scholz zeigte sich im Wahlkampf innovativ, mit grellen Plakaten und guten Slogans. Als Regierungschef zeigt er sich - kaum.

In großen Krisen sprach Merkel zur Bevölkerung, in kurzen, einfachen Sätzen - auch das bediente das "Mutti"-Image und sorgte für Spott, aber sie erreichte auf diese Weise viele Menschen. "Wir schaffen das", "Die Lage ist ernst, nehmen Sie sie auch ernst", oder in der Finanzkrise: "Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind." Es sind keine eleganten, keine schönen Sätze - aber unverständlich oder bürokratisch klingt es nicht.

Fatale Pausen

Scholz-Sätze sind dagegen lang, aneinandergeknotet wie Bettlaken beim Gefängnisausbruch. Er setzt kaum Punkte, dafür stoppt er mittendrin für ganze Sekunden - und diese Sekunden sind sehr, sehr lang. So sieht dann der wichtigste Satz im "Heute Journal" aus:

"Und deshalb ist es so wichtig, dass wir sehr klar sind, in dem, was wir sagen und in dem, was wir vorbereiten, nämlich dass es einen sehr hohen Preis haben würde, die (zwei Sekunden Pause) territoriale (eine Sekunde Pause) Souveränität und Integrität der Ukraine (eine halbe Sekunde Pause) zu gefährden und dort militärisch anzugreifen und ich glaube, diese Botschaft ist auch verstanden worden."

Wie bitte? Sprech-Pausen auf derart großer Bühne und in angespannter Lage sind fatal. Man fragt sich: Was überlegt Scholz da? Hat er sich nicht vorbereitet? Ist der Kurs nicht klar? Ist Scholz unsicher? Die Frage nach der Ukraine dürfte niemanden im Team Scholz überrascht haben.

Wird die Murmelei gefährlich?

Nicht nur Alan Posener legte die Pause deshalb in der "Welt" inhaltlich aus: "Nur einmal verhaspelte er sich: Nämlich als er zu sagen versuchte, eine Verletzung der territorialen Integrität und Souveränität der Ukraine würde einen hohen Preis nach sich ziehen", schreibt der Journalist, er deutete das Stolpern als "freudsche Fehlleistung", der Kanzler wisse, dass die Integrität und Souveränität der Ukraine längst verletzt sei.

Ist die scholzsche Murmelei, der "Scholzomat", ein Risiko für die Ampel - oder sogar für Deutschland? Medien sind von Natur aus hysterisch und damit das Gegenteil von Scholz. Der ist bekanntlich Ruderer, er inszenierte sich sogar auf einem Wasser-Ergometer, in leicht schräger Anspielung auf Frank Underwood in "House of Cards". "Aber weißt du, was wirklichen Mut erfordert? Es ist mutig, den Mund zu halten, ganz egal, was man dabei empfindet", sagte der einmal.

Was Scholz jetzt helfen könnte, ist ein Lob durch einen elder statesman. "Er kann es", von Helmut Schmidt oder so, das wäre ideal, wie damals bei Peer Steinbrück, aber Schmidt ist ja verhindert. Ein kleineres Kaliber (Gerhard Schröder) wird nicht helfen.

Scholz braucht den diplomatischen Durchbruch

Ein Machtwort des Kanzlers in anderen Angelegenheiten würde gut aussehen, eine Nebelkerze also, aber in Pandemiedingen wird er sich nicht durchsetzen können gegen Quertreiber wie etwa Winfried Kretschmann und das Zuständigkeitswirrwarr. Kleinere Themen würden kaum Eindruck schinden.

Der größte Erfolg, ein scholzscher Erfolg wäre ein diplomatischer Durchbruch in der Ukraine-Krise. Es wäre typisch, denn Scholz könnte die Lorbeeren mit seiner Außenministerin Annalena Baerbock teilen. Andere glänzen lassen, so hatte er es versprochen. Ein Macher im Verborgenen, keine Rampensau. Doch der jetzt zusätzlich mit Russland entflammte Streit um Fernsehsender lässt nichts Gutes befürchten.

Scholz muss wohl noch eine ganze Weile gegen den Autoritätsverlust anrudern.

Quelle: ntv.de

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