Sachliche Fassade, offene HetzeWie russische Medien die deutschen Strafmaßnahmen erzählen
Von Artur Weigandt
Wenn es um Deutschland geht, haben die russischen Medien ein festes Repertoire, das sie bei jedem Anlass hervorholen. Die Tonlage reicht von Nüchternheit in Wirtschaftszeitungen bis hin zu Vernichtungsfantasien im Staatsfernsehen. Ein AfD-Vertreter gibt den Kronzeugen.
Als die Bundesregierung am Dienstag Russland offiziell für den Anschlag auf dem Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich machte und Strafmaßnahmen verkündete, lief die Berichterstattung in den russischen Medien binnen Stunden an. Dabei ist eine klare Arbeitsteilung zwischen den Redaktionstypen festzustellen: Die Staatsagenturen setzen die Sprachregelung, die Wirtschaftsblätter halten sich nüchtern zurück, die Boulevard-"Experten" liefern die Verschwörung, das Staatsfernsehen die Wahlkampfmunition.
Den Takt geben die staatlichen Nachrichtenagenturen vor. Ria Nowosti wählte die härteste Rahmung und stellte schon in die Überschrift, Deutschland beschuldige Russland "ohne Beweise". Diese Wertung tauchte anschließend, mal wörtlich, mal variiert, quer durch die Häuser wieder auf. Die Agenturen Tass und Interfax, ebenfalls staatlich kontrolliert, lieferten die Eilmeldungen, an denen sich der Rest orientierte.
Die Tageszeitung "Iswestija" trug denselben "Keine-Beweise"-Baustein in ein großes Blatt und reicherte ihn an: um Stimmen aus dem Deutschen Bundestag, die eine Normalisierung mit Moskau als überlebenswichtig für den Industriestandort Deutschland bezeichnen. Und um die von ihren "Experten" befeuerte Erwartung, Russland werde spiegelbildlich das deutsche Generalkonsulat in St. Petersburg und das Goethe-Institut in Moskau treffen.
Wirtschaftspresse bleibt nüchtern
Deutschland hatte eine Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn angeordnet und den Vertrag über das Russische Haus in Berlin gekündigt, dazu verschärfte Einreisekontrollen verhängt. Auch auf die russische "Schattenflotte" soll mehr Druck ausgeübt werden. Bislang hat Russland nur mit der Schließung der drei Standorte des Goethe-Instituts in Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg reagiert. Weitere Maßnahmen sollen folgen.
Nüchtern bleibt die Wirtschaftspresse. Die Wirtschaftszeitung "Kommersant" sowie die Blätter "RBC" und "Wedomosti" referieren vor allem die diplomatischen Vorgänge - die mögliche Ausweisung von Diplomaten, die Schließung des Bonner Konsulats. Dabei stützen sie sich auf Berichte des "Spiegel". Den propagandistischen Furor der Boulevardebene teilen sie nicht. Bei ihnen liest sich die Affäre fast wie ein Verwaltungsvorgang.
Das Onlineportal Lenta dagegen dreht die Erzählung zum Gegenvorwurf: Unter der Überschrift, Moskau halte Berlin eine Nähe zum Terrorismus vor, verpackt es die Affäre als deutschen "neuen Anlass" und zieht die inzwischen in Russland geradezu standardmäßige Nord-Stream-Analogie: Man habe wie bei den Ostsee-Pipelines "sofort auf Russland gezeigt", während doch längst ukrainische Verdächtige benannt worden seien.
Indizien werden aufgeführt und bestritten
Noch aufschlussreicher ist das Onlineportal Ura.ru: Es erzählt die deutsche Ermittlungsspur ausführlich nach: Ein Verdächtiger sei ein Lette mit russischem Pass gewesen, Ende Juli nach Berlin gekommen, per Mietwagen nach Leipzig gefahren und zwei Tage vor dem Vorfall ausgereist; DNA vom Drohnenkörper habe zu einem zweiten, mit italienischem Visum eingereisten Mann geführt. Im selben Atemzug nennt Ura.ru die Vorwürfe "unbegründet". Man reproduziert die Indizien und bestreitet sie zugleich.
Am lautesten treten die "Experten" des Massenblatts "Argumenty i Fakty" (AiF) und des Portals Pravda.ru auf. Hier stehen die Vollversionen der False-Flag-These. Bei AiF sagt der Militärexperte Oleg Iwannikow, die Drohnen seien "direkt in Deutschland zusammengebaut" worden, der ganze Vorfall eine "klassische Provokation" des Bundesnachrichtendienstes. Ein zweiter AiF-Experte, Juri Knutow, spricht von einer "gemeinsamen Provokation" der Ukraine und Deutschlands. Pravda.ru zitiert den Ex-Militär Rustem Klupow, der den Titel "Held Russlands" trägt. Klupow verkündet, die Inszenierung habe Berlin zur Taurus-Lieferung zwingen und die Nato in eine direkte Konfrontation ziehen sollen. Ein AiF-Stimmungsstück trägt schließlich deutsche Leserkommentare zusammen, um zu belegen, "normale Deutsche" glaubten ohnehin nicht an die "russische Spur". Unter der Überschrift "Wir befinden uns im Kriegszustand" lässt das Blatt einen Politologen die Ausweisung von Diplomaten als "sehr ernsten Schritt" einordnen.
Die AfD mischt fleißig mit
Die krasseste Propaganda verbreitet allerdings das Staatsfernsehen. In der Hauptnachrichtensendung des Senders Rossija 24 kommt der AfD-Politiker und frühere Bundestagsabgeordneten Eugen Schmidt zu Wort, der die Drohnengeschichte vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September als "aufgebauscht" bezeichnet, um ein Feindbild aufzubauen und die deutsche Gesellschaft zu "spalten". Der Sender des Verteidigungsministeriums, Swesda, fährt die schärfste Linie und rahmt den Fall in seinen Meldungen als bloßen "Vorwand".
Auch sonst rücken die Staatsmedien den Wahltermin in Sachsen-Anhalt in den Vordergrund: Ria Nowosti zitiert die "Berliner Zeitung" mit der These, die Vorwürfe könnten Ostdeutsche zur AfD treiben. Das Portal EADaily titelt: "Merz zieht in den Wahlkampf".
Die Platte läuft ohnehin
Neu ist an all dem wenig, und das ist der eigentliche Befund. Gegenüber Deutschland haben die russischen Medien ein festes Repertoire, das sie bei jedem Anlass immer wieder hervorholen. Auch hier dreht das Staatsfernsehen am stärksten auf: Bereits am Sonntagabend sprach Chefpropagandist Wladimir Solowjow in seiner Show Deutschland die Existenz als legitimer Staat ab, verlangte, die Verträge zur Wiedervereinigung aufzukündigen, und fantasierte von einer Wiederherstellung der DDR. Mit Leipzig hat das kaum etwas zu tun - solches Gerede ist ohnehin ein Dauerbrenner seines Programms: Solowjow hat Deutschland schon "unter russischer Flagge" gesehen und angedroht, es "vom Erdboden zu tilgen". Der Drohnenfall ist nur der jüngste Aufhänger für eine Platte, die ohnehin läuft.
Über alle Häuser hinweg tauchen dieselben vier Bausteine immer wieder auf: das "es gibt keine Beweise"-Argument, die False-Flag-Umkehr, die Frage nach dem Motiv (Taurus! Nato! Repression gegen Russen in Deutschland!) und die Nord-Stream-Analogie. Nur die Tonlage reicht von der Verwaltungsnüchternheit des "Kommersant" bis zur Kriegsrhetorik von AiF. Und doch sprechen die Redaktionen mit einer Stimme: Die Agenturen liefern die Sprachregelung, die Wirtschaftsblätter eine Fassade der Sachlichkeit, die Boulevardblätter die Verschwörung, das Fernsehen die Hetze.

