Reisners Blick auf die Front"Wir haben ein zweites ukranisches Wunder erlebt"
Interview: Volker Petersen
Russland überzieht die Ukraine weiter mit heftigen Drohnenangriffen - im März waren es so viele wie nie zuvor. Oberst Reisner spricht von einer neuen Eskalationsstufe. Doch er sieht weiter Lichtblicke, spricht gar von einem ukrainischen Wunder. Doch gewonnen ist damit noch nichts.
ntv.de: Herr Reisner, US-Präsident Donald Trump droht damit, 5000 Soldaten aus Deutschland abzuziehen. Wie sehr schwächt das Deutschlands Verteidigungskraft?
Markus Reisner: Deutschland ist weltweit der drittgrößte Standort für US-Soldaten. Derzeit sind es knapp 36.500. Die 5000 Mann sind ein eher geringer Anteil des US-Kontingents in Deutschland. Diese Truppen und Basen brauchen sie aber, um global Macht zu projizieren.
Wie tun sie das?
Nehmen Sie die Basis in Ramstein. Sie spielt eine wichtige Rolle für die Steuerung von Drohnen im Iran, Afghanistan oder anderswo. Oder denken Sie an das US-Regionalkommando für Europa und Afrika in Stuttgart oder Grafenwöhr, den größten Truppenübungsplatz in Deutschland. Auch das große Militärkrankenhaus in Landstuhl werden sie nicht aufgeben.
Die USA wollen außerdem nun doch keine Tomahawk-Marschflugkörper in Deutschland stationieren. Hätte Deutschland dann gar keine Möglichkeit, Angriffe von Kaliningrad aus abzuwehren? Oder hat irgendein EU-Partner da was Adäquates?
Das ist viel entscheidender als diese 5000 Soldaten. Der Tomahawk und auch die Standard Missile SM-6 sind wichtiger Bestandteil einer Abschreckung Russlands durch die Nato. Die Frage ist, ob sie stattdessen in anderen Nato-Ländern wie Polen, Slowakei, Ungarn, Bulgarien oder Rumänien stationiert werden, also direkt an der Ostflanke.
Was ist mit Patriot-Systemen?
Für eine Abwehr russischer Iskander-Raketen kämen Patriot- oder SAMP/T-Systeme infrage. Wegen des hohen Verbrauchs im Iran-Krieg ist der Nachschub aber schwierig. Im Krieg mit dem Iran wurden allein in der ersten Woche über 800 Patriot-Raketen abgefeuert. Das ist deutlich mehr als eine Jahresproduktion von 650 bis 700 Stück.
Wie schnell könnten die Europäer gemeinsam eine eigene Abwehrwaffe entwickeln, wenn sie jetzt den Turbo anschmeißen?
Die gute Nachricht ist: Die Europäer wären technologisch in der Lage, solche Systeme zu entwickeln. Die Frage ist, ob sie sich politisch dazu durchringen können. Beim gemeinsamen Kampfflugzeug-Projekt, Future Combat Air System, FCAS, ist ihnen das nicht gelungen. Wir sind immer noch gefangen in Befindlichkeiten.
Nehmen wir einmal an, die Politik schafft es, sich zu einigen, wie lange würde es dann dauern, Abwehrsysteme aufzubauen?
Dann könnte man innerhalb weniger Jahre ein sehr gutes Produkt herstellen.
Was ist eigentlich mit ukrainischen Systemen wie dem Marschflugkörper Flamingo? Wäre der eine Option für Deutschland? Oder Drohnen aus ukrainischer Produktion?
Durchaus. Die Ukrainer zeigen, wie man mit geringen Ressourcen wirkungsvolle Waffensysteme bauen kann. Wenn es aber darum geht, Kurz-, Mittel-, und Langstreckenraketen abzuwehren, wird es auch für die ukrainischen Systeme schwierig und komplex. Deswegen fordern die Ukrainer ja immer wieder die Lieferung von Patriot- oder europäischen SAMP/T-Systemen.
Ausgangspunkt der jüngsten Irritationen war die Äußerung von Bundeskanzler Merz, die USA würden im Iran gedemütigt. Abgesehen davon, ob es klug war, das öffentlich zu sagen - hat er inhaltlich recht?
Wenn Sie sich das Ergebnis des Krieges im Iran ansehen, muss man sagen: Ja. Zu Beginn wollten die USA einen Regime-Wechsel erreichen. Das ist ihnen nicht gelungen. Auch das angereicherte Uran befindet sich weiter in iranischer Hand. Der Iran sperrt außerdem die Straße von Hormus weiterhin mit relativ geringen Mitteln effektiv. Wenn der deutsche Bundeskanzler sagt, dass die USA ihre Ziele nicht erreicht haben, ist das eine richtige Feststellung. Trotz gewonnener Schlachten fehlt der strategische Sieg.
Schauen wir nach Russland. Am 9. Mai feiert das Land den Sieg über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Nun wurde die bekannte Militärparade abgesagt. Ist das ein Zeichen für Engpässe?
Es hat am 9. Mai bislang immer eine Parade gegeben. Der Kreml spricht von terroristischen Bedrohungen. Aber das ist aus meiner Sicht eine Ausrede. Das Material zur Absicherung der Parade dürfte vorhanden sein. Aber es wäre für das Militär eine erhebliche logistische Belastung jetzt Tausende Soldaten und Fahrzeuge nach Moskau zu karren.
Russland hat die Ukraine im April wieder massiv mit Drohnen angegriffen. Auf Ermüdungserscheinungen braucht man wohl nicht zu hoffen?
Nein, das ist leider nicht der Fall. Im April sind jeden Tag mindestens 150 Drohnen eingeflogen. Es gab drei massive Angriffe mit bis zu 700 Drohnen innerhalb von zwei Tagen. Insgesamt haben die Ukrainer 6583 Drohnen gezählt, das ist ein neuer Rekord. Allein im Mai sind es schon mehr als 1300 russische Drohnen plus Marschflugkörper und Raketen gewesen. Das ist eine neue Eskalationsstufe.
Wie halten die Ukrainer dagegen?
Auch die Ukrainer bringen den Russen schmerzhafte Verluste bei, die die russische Ölindustrie treffen sollen. Am 2. Mai ist die Ukraine mit 334 Drohnen nach Russland eingeflogen. Die Erdöl-Hafenstadt Tuapse am Schwarzen Meer wurde dreimal angegriffen und schwer beschädigt. Insgesamt sind die Ukrainer bei etwa einem Drittel der russischen Drohnenangriffe. Im Vergleich zum März haben sie die Angriffe noch einmal steigern können. Das ist schon bemerkenswert. Andererseits soll Russland laut einem Bloomberg-Bericht trotzdem seine Ölexporte gesteigert haben.
Russland hat seine Frühjahrsoffensive am Boden begonnen. Können seine Soldaten mittlerweile die Belaubung an den Bäumen nutzen, um nicht von ukrainischen Drohnen gesichtet zu werden?
Durch den Bewuchs der Bäume ist es tatsächlich möglich, in bewaldeten Gebieten wieder vorzumarschieren. Genau das versuchen sie bereits im Raum Charkiw und bei Sumy. Sie möchten damit auch die Ukraine zwingen, Kräfte aus dem Mittelabschnitt nach Norden zu verlegen. Denn das Schwergewicht der russischen Angriffe liegt erkennbar im Mittelabschnitt der Front, vor allem nahe der Stadt Kostjantyniwka. Von dieser Stadt werden wir in den nächsten Wochen und Monaten noch sehr viel hören.
Warum ist Kostjantyniwka wichtig?
Konstjantyniwka ist der südlichste Punkt des ukrainischen Festungsgürtels im Donbass. Die Russen wollen hinter diesen Festungsgürtel auf der Achse Slowjansk, Kramatorsk, Konstjantyniwka. Dahinter liegt das offene Land. Ein Viertel der Stadt haben die Russen bereits in Besitz genommen.
Im März sah es gar nicht so schlecht aus für die Ukraine. Am Boden gab es ein Patt, steigende Temperaturen mildern die Angriffe auf die Energieinfrastruktur ab. Wie fällt Ihr Fazit für den April aus?
Die Ukraine hat eine Formel gefunden, wie sie den Vormarsch der Russen unterbinden kann. Das gelingt ihr mit dem massiven Einsatz von Drohnen, die kleinste Stoßtrupps aufklären und neutralisieren können. Das hat zu der 50 Kilometer breiten Todeszone an der Front geführt. Das ist absolut positiv für den Verteidiger. Einige Beobachter sagen, wir haben ein zweites ukrainisches Wunder erlebt.
Ein ukrainisches Wunder?
Nach dem schweren Winter hat es die Ukraine noch einmal geschafft, wieder aufzustehen, das Schild zu heben und die Russen abzuwehren. Das würde ich absolut unterstreichen. Gewonnen ist damit noch nichts. Der Soldatenmangel bleibt ein Problem und der russische Druck immens. Aber man erkennt sehr wohl das Knirschen und Knacken auf der russischen Seite.
Am Mittwoch ist die Bundesregierung ein Jahr im Amt. Was würden Sie für ein Fazit zur Ukraine-Politik von Merz ziehen?
Als Österreicher steht es mir nicht zu, die Bundeswehr oder die deutsche Bundesregierung zu kommentieren. Aber so viel: Erst am Ende des Krieges werden wir verstehen, wo man richtig oder falsch lag. Die Frage ist: Kann Europa ohne die Amerikaner die Unterstützung aufrechterhalten? Da schauen alle auf Deutschland, auch Frankreich oder Italien, und hoffen auf deutsche Führung. Es ist zu hoffen, dass Deutschland sie auch übernimmt. Denn wer soll es sonst machen?