Politik

Corona-Talk bei Anne Will "Wir müssen die Nerven behalten"

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Vier Gäste saßen im Studio, der Epidemiologe Gérard Krause war bei "Anne Will" per Videokonferenz zugeschaltet.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Der Shutdown, die Kontaktsperre – all das muss erst mal bestehen bleiben, darüber ist sich die Talkrunde bei Anne Will einig. Die Wirkung der Maßnahmen darf nicht gefährdet werden. Spannender und schwieriger ist die Frage, wie die Zeit danach aussehen könnte.

So schrecklich und beängstigend die Corona-Pandemie ist, sie gönnt uns auch wenige schöne Begleiterscheinungen: Neben glasklarem Wasser in Venedigs Kanälen, himmlischer Ruhe über den Einflugschneisen mancher Flughäfen, fördert die Krise offenbar höflichen Umgang und Sachlichkeit in öffentlichen Debatten. Das ließ sich am Mittwoch im Bundestag beobachten, und das macht am Sonntagabend die Talkrunde bei Anne Will geradezu angenehm anzuschauen. Ein Kompliment, das man der Sendung nicht allzu häufig machen kann.

Ein Grund für die wohltuende Zurückhaltung der Talkgäste wird gleich zu Beginn deutlich: Auf die für viele Deutsche vielleicht drängendste Frage nach der Exit-Strategie aus den Schutzbeschränkungen, und wie lange sie überhaupt gelten sollten, hat keiner der Teilnehmer überhaupt eine Antwort, über die man sich streiten könnte, wenn man denn wollte.

Diese Antwort kann zum jetzigen Zeitpunkt auch niemand haben, darüber sind sich alle einig, wie Hamburgs Erster Bürgermeister, Peter Tschentscher, auf den Punkt bringt: "Die Wirkung solcher Maßnahmen kommt eben erst mit einer bestimmten Verzögerung", und Deutschland dürfe diese Wirkung auf keinen Fall aufs Spiel setzen, indem man unvorsichtig sei und zu früh aus diesen Maßnahmen wieder rausgehe. "Deswegen muss man jetzt wirklich die Nerven behalten."

"Wir müssen auf Sicht fahren"

Der Epidemiologe Gérard Krause, per Video zugeschaltet, stellt bezogen auf den Exit klar, "dass wir jetzt noch keine Kriterien festlegen dürfen, und wir uns auch jetzt noch nicht auf feste Zeitpläne festlegen dürfen". Man müsse jeden Moment neu bewerten aufgrund vieler ankommender Daten und "wirklich auf Sicht fahren", sagt Krause. Was nicht heißt, dass Deutschland sich mit Exit-Strategien noch nicht beschäftigen sollte: "Nachdenken müssen wir jetzt schon."

Genau das mahnt auch Clemens Fuest an, Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, unter anderem mit dem Argument, pro Woche "Shutdown", gingen 40 Milliarden Euro verloren. Deutschland müsse im Hintergrund eine Strategie entwickeln, die es erlaube, "Rettung der Wirtschaft und Rettung der Gesundheit zu vereinbaren". Die jetzige Debatte, die aus Fuests Sicht oft eine Rettung der Wirtschaft der Rettung von Menschenleben gegenüberstellt, hält er für falsch. "Wir müssen es schaffen, arbeiten zu gehen und uns vor Ansteckung zu schützen." Das sei kompliziert und müsse jetzt geplant werden, "damit wir Ende Mai, wenn die Fachleute sagen, es ist okay, und wenn die Politik so entscheidet, ein Konzept in der Hand haben".

Ende Mai? "Ende Mai", sagt Fuest auf Anne Wills Nachfrage, sei ein Beispiel, es könne auch länger dauern. Wenn indes selbst der Wirtschaftsvertreter in einer solchen Runde in Monaten rechnet, müssen sich die Deutschen wohl wirklich auf einen Frühling ohne Biergarten, Kino und Einkaufsbummel einstellen. "Ich hab Verständnis, dass Frau Merkel sich nicht hinstellen kann und sagen: ‘Lasst uns mal diskutieren, wann es wieder losgeht‘", sagt Fuest und lässt damit jene unüberlegt wirken, die solches bereits in der vergangenen Woche verlangten oder gleich mit eigenen Forderungen vorpreschten. In dieser Runde findet sich keiner von ihnen.

Epidemiologe rät von Handy-Tracking ab

Einige Strategien, die auf längere Sicht gefahren werden könnten, spricht die Runde an. Vor allem Wissenschaftler Krause nimmt Stellung gegen das Tracking von Handydaten nach südkoreanischem Vorbild. Zum einen sei die räumliche Nähe allein, die das Tracking misst, nicht ausschlaggebend für das Infektionsrisiko. Dadurch würden Menschen unnötig verängstigt. Und bei so begrenzter Wirksamkeit sei es nicht verhältnismäßig, "weil hier doch ganz massiv in die Persönlichkeitsrechte eingegriffen wird. Bürgerrechte, die wir über Jahrhunderte hart erkämpft haben, übrigens auch mit Todesfällen, werden hier zur Disposition gestellt. Und ich halte das gemessen an dem zu erwartenden Erfolg nicht für angemessen". Weitaus mehr verspricht sich Krause von zukünftigen Antikörper-Tests, dank derer man in einigen Wochen wohl einschätzen kann, wie groß der Teil der Deutschen ist, die gegen Sars-CoV-2 bereits immun sind.

Doch noch ist es nicht so weit, noch müssen die politischen Entscheider "auf Sicht fahren", wie Krause es eingangs nannte. Was das bedeutet, wird deutlich, als Peter Tschentscher beschreibt, wie die Entscheidung über bundesweite Schulschließungen zustande kam. Lange Zeit sei es von den Experten nicht empfohlen worden, die Schulen zu schließen. "Und dann kam auf einmal eine Situation, in der die gleichen Experten gesagt haben: ‚Jetzt sind wir in einer Phase der Epidemie, wo wir das empfehlen würden‘" beschreibt Tschentscher. "Weil es in dieser Phase sehr wirkt, in einer späteren Phase dann aber nicht mehr. Also wenn man es macht, dann jetzt."

Sie seien ja beide in der Besprechung zwischen Ministerpräsidenten und Bundesregierung dabei gewesen, ergänzt Wirtschaftsminister Peter Altmaier, "als genau diese Experten plötzlich ihre Meinung geändert haben". In einem Diskussionsprozess von zwei, drei Stunden habe man dann die Entscheidung getroffen, in deren Folge alle 16 Bundesländer ihre Schulen schlossen.

*Datenschutz

Schutzausrüstung reicht nur bis zum übernächsten Tag

Während bei solchen Entscheidungen das "Auf Sicht fahren" also durchaus passend erscheint, lässt der Bericht der Klinikärztin Susanne Johna, Pandemiebeauftragte der Bundesärztekammer, befürchten, dass die Regierung auch bezüglich der Schutzkleidung für medizinisches Personal bislang auf Sicht fuhr. Nur hier könnten die Folgen fatal sein.

Ihre größte Sorge sei, ob man das dringend benötigte Personal, um all die Patienten zu versorgen, auch weiter gesund halten könne. Die dafür erforderliche Schutzausrüstung habe man nicht. "Die arbeiten mit Material, das reicht gerade bis zum nächsten oder übernächsten Tag", sagt Johna, ein Nervenspiel sei das. "Wir haben diesen Mangel im Krankenhaus. Wir haben diesen Mangel bei den niedergelassenen Kollegen. Wenn die uns wegbrechen, weil sie sich nicht ausreichend schützen können, dann geht die ambulante Versorgung der chronisch kranken Patienten verloren."

Nachdrücklich plädiert die Ärztin dafür, Schutzkleidung durch deutsche Industrie fertigen zu lassen. Denn da, wo es noch Schutzkleidung zu kaufen gibt, bestelle "die ganze Welt". Sie sei fasziniert, wenn Kolleginnen und Kollegen "schreiben, dass sie nach Feierabend auf dem 3D-Drucker ihres Freundes sich selber einen Schutz-Schild herstellen", aber das könne vielleicht nicht die Antwort der Industrienation sein. "Da brauchen wir jetzt einfach ganz andere Mengen und Unterstützung."

Unternehmen stellen um auf Maskenproduktion

Peter Altmaiers Versicherung, es seien Masken angekommen und die Bundeswehr sei in die Verteilung eingeschaltet, kann angesichts des offenbar dramatischen Mangels da nicht recht beruhigen. Es werde einige Tage dauern, "bis alle Unternehmen, die bereit sind, etwa von Textilproduktion auf Maskenproduktion umzustellen, dann ihre Produktion hochgefahren haben". Warum ist das nicht schon vor zwei Wochen passiert? Warum riskiert man die Gesundheit und Zuversicht der wichtigsten Akteure im Kampf gegen das Virus, indem man nicht von Anfang an sicherstellt, dass sie sich – auch auf lange Sicht - gegen Ansteckung schützen können? Fragen, die man sich als Zuschauerin stellt, die aber leider nicht von Anne Will gestellt werden.

Immerhin, laut Aussage Altmaiers gehört dieser Notstand zu den Punkten, aus denen die Bundesregierung bereits etwas gelernt hat, um für epidemische Verläufe in Zukunft vorbereitet zu sein. "Das heißt, die Vorratshaltung von bestimmten notfallmedizinischen Geräten - Masken brauchen Sie bei jeder großen Virusinfektion, die im Land ausbricht - bis hin zu der Frage, wie man in bestimmten strategischen Bereichen die Menschen so bezahlt, dass wir den Pflegenotstand auch lindern können." Deutschland dürfe nach der Krise nicht so weitermachen wie vor der Krise. Der Satz fällt zwar mitten im Gespräch, wäre aber ein gutes Schlusswort gewesen für eine Talkrunde, die kaum kontrovers diskutierte, auch weil sie nicht entsprechende Fragen gestellt bekam. Dennoch gab es ein paar interessante Erkenntnisse und gut begründete Positionen. Hätte man sich sogar noch etwas länger anschauen können. Auch das ein Gedanke, den man sonst nach einem Anne Will Talk nicht allzu häufig hat.

Quelle: ntv.de