Politik

Corona-Talk bei Anne Will "Wir sollten den Menschen mehr vertrauen"

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Wolfgang Kubicki mahnt die Verhältnismäßgkeit der Maßnahmen an.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

In Deutschland sind die Ansteckungszahlen mit dem Coronavirus immer noch vergleichsweise niedrig. Experten sagen, das könne sich schnell ändern. Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über Sinn und Unsinn diverser Schutzmaßnahmen.

Gut 20.000 Menschen sind in Deutschland aktuell mit dem Coronavirus infiziert. Das sind ungefähr 0,025 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Zahlen klingen harmlos, das Virus ist es nicht. Denn viele Menschen, die schon Corona hatten, leiden an Spätfolgen wie der Beeinträchtigung des Geruchs- oder Geschmackssinns. Ob sich der Zustand je wieder bessert, wissen sie nicht. Wie kommen wir durch die nächsten Monate, ohne uns anzustecken? Dazu hatte sich Anne Will am Sonntag im Ersten eine Gesprächsrunde eingeladen, von der man eine spannende Diskussion erwarten konnte.

Deutsche nehmen Maßnahmen an

In einem waren sich die Gäste mehr oder weniger einig: Die meisten Deutschen akzeptieren die Maßnahmen. Damit das so bleibt, müsse man sie weiterhin regional differenziert planen, sagt Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Bisher sei man damit gut gefahren.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki von der FDP ist nicht ganz dieser Ansicht. Maßnahmen gegen das Virus müssten "notwendig, sinnvoll und verhältnismäßig sein", sagt er. Das waren sie bisher nicht immer, wie viele Gerichtsurteile belegen, durch die sie wieder außer Kraft gesetzt wurden. Sinnlos sei beispielsweise eine bundesweite Einführung einer Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen. Bei Windstärke vier auf einem Deich in Schleswig-Holstein könne man sich kaum durch Aerosole anstecken. Grundsätzlich fordert Kubicki mehr parlamentarische Diskussionen über Coronamaßnahmen. "Wir sollten den Menschen mehr vertrauen als es zur Zeit getan wird", meinte er.

Melanie Brinkmann, Virologin an der Technischen Universität Braunschweig, warnt: Die Ansteckungsgefahr steige, inzwischen seien auch wieder mehr ältere Menschen betroffen. Das stimmt: Die Zahl der Neuinfizierten über 60 Jahre hat sich in den letzten sieben Tagen verdoppelt. Um die Infektionsgefahr grundsätzlich zu verkleinern, erinnert sie an die AHA-Regeln: Abstand, Hygiene, Atemschutzmaske. Doch weil wir uns in der kalten Zeit immer mehr in Innenräumen aufhalten, plädiert sie für ein Zusätzliches L für "Lüftung".

Auf weniger Zwang setzt der Präsident der kassenärztlichen Vereinigung, Andreas Gassen. Auch er kritisiert einige Maßnahmen zur Eindämmung des Virus, hält aber die meisten für sinnvoll. Allerdings fordert er mehr Eigenverantwortung der Bürger. Sinnhafte Maßnahmen würden auch befolgt werden, ist sich Gassen sicher.

Kleinere Partys, weniger Gäste?

Am Dienstag werden die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über neue Maßnahmen gegen steigende Coronazahlen beraten. Dabei könnte es auch um eine Begrenzung der Gästezahlen bei Partys im Innenraum gehen. In Nordrhein-Westfalen müssen bald private Partys mit mehr als 50 Teilnehmern beim Ordnungsamt angemeldet werden - mit Gästeliste. Und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder von der CSU fordert im Kampf gegen das Virus: "Mehr Masken, weniger Alkohol, weniger Feiern!" Die Vorsitzende des Ethikrats, Elena Buyx, hält aber bundesweite Maßnahmen bei Partys für schwierig. Bei Anne Will schlug sie eine bundesweite Obergrenze von 50 Gästen vor, bei der man dann regional "nachsteuern" könne. Auch der Rest der Runde hält eine bundesweite Obergrenze von Partygästen für problematisch, Wolfgang Kubicki sieht sogar juristische Probleme.

*Datenschutz
Pläne für die Zukunft

Nahezu einig ist sich die Runde bei der Corona-Warnapp. Sie sei gut und funktioniere, nur müsse man noch mehr Werbung für sie machen. Während allerdings Wolfgang Kubicki die App unter anderem des Datenschutzes wegen lobt, wünscht sich die Ethikrats-Chefin "ein paar Nachrichten mehr". Denn: "Man kann mit der App anderer Menschen Oma schützen; Vielleicht ist es irgendwann die eigene."

Problematisch findet Andreas Gassen die Idee der Fieberambulanzen, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor kurzem geäußert hat. Sie seien nur sinnvoll, wenn es ein begrenztes Ausbruchsgebiet des Virus gebe. Er hält es für besser, dass Patienten zum Arzt gingen, wenn sie sich krank fühlten. Selbsttests findest er interessant, aber mit zwei Einschränkungen: Im Moment müssten Patienten von Fachpersonal getestet werden, und man müsse sich beim heutigen Stand der Tests damit abfinden, dass die Selbsttests ungenauer seien als jene in Labors. Zumindest was das Testen zu Hause angeht, kann sich Virologin Melanie Brinkmann bald eine Verbesserung vorstellen.

Scholz übt Kritik an Experten

Angesprochen auf eine neue Teststrategie, die die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer vergangene Woche forderte, stimmt Scholz zu: Dazu müsse man bestimmte Kriterien festlegen. Auf die Frage der Moderatorin, ob es dafür nicht eigentlich schon ein wenig spät sei, reagiert der SPD-Politiker ein wenig säuerlich. Man habe viel erreicht, müsse aber ständig neue Entscheidungen treffen. "Wer in dieser Sendung sagt, für alle Zeiten ist folgende Regel richtig, sollte nicht mehr hierher gehen, weil er immer wieder widerlegt wird." Darauf entfährt es spontan Kubicki: "Lauterbach." Scholz ist nicht nachtragend. Als Kubicki ihn später bittet, dafür zu sorgen, dass der medizinische Dienst der Krankenkassen auch weiterhin Mitarbeiter für Gesundheitsämter abstellt, antwortet er mit einem klaren "Ja."

Quelle: ntv.de