Politik

Weniger Ankünfte, mehr Tote Wo bleiben die Flüchtlinge?

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Im vergangenen Sommer war so eine Stille selten an den Küsten der griechischen Inseln zu erleben.

(Foto: REUTERS)

Übers Mittelmeer kommen kaum noch Flüchtlinge nach Griechenland. Auch Alternativrouten scheint es nicht zu geben. Gründe, das als politischen Erfolg zu feiern, gibt es laut Menschenrechtsorganisationen nicht.

Immer weniger Flüchtlinge machen sich auf den Weg nach Europa. Immer mehr, die es wagen, sterben im Mittelmeer. So lässt sich der Trend, der sich gerade abzeichnet, beschreiben.

Am 4. September jährt sich der Tag, an dem Kanzlerin Angela Merkel entschied, Flüchtlinge vom Budapester Bahnhof ohne weitere Kontrollen einreisen zu lassen. Es war der Höhepunkt eines Jahres im Zeichen der Flüchtlingskrise.

Seither hat sich viel verändert. Trotz der "Willkommenskultur", die Merkel beschworen hat, ist es schwerer geworden, nach Deutschland zu kommen. Die Balkanroute ist weitgehend geschlossen. Die EU hat sich auf einen Pakt mit der Türkei eingelassen. Flüchtlinge, die über die Ägäis nach Griechenland kommen, werden wieder zurückgeschickt. Die Zahl der Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa ist drastisch gesunken.

Seit Jahresbeginn machten sich nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) rund 260.000 Flüchtlinge auf den Weg nach Europa. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind es ungefähr 280.000. Zum Vergleich: 2015 lag die Zahl für das gesamte Jahr bei etwas mehr als einer Millionen Flüchtlinge.

In der Bundesrepublik registrierte das Innenministerium zuletzt nur noch rund 16.000 Neuankömmlinge pro Monat. Auf der Hochzeit der Flüchtlingskrise standen so viele Menschen schon mal an einem Tag an der bayerischen Grenze.

Keine Ausweichbewegungen über Italien oder Bulgarien

Insbesondere auf der Route von der Türkei über Griechenland, die vor allem von Syrern, Pakistanern und Afghanen genutzt wird, ist es ruhig geworden. Zuletzt kamen auf diesem Weg nach Angaben des UNHCR nur noch 130 Flüchtlinge am Tag in Griechenland an. Wenig verändert hat sich bei der Zahl der Flüchtlinge, die über Libyen oder Ägypten nach Italien kommen. Die Zahl liegt demnach bei knapp 300 pro Tag.

Bei den unvermindert vielen Personen, die über Libyen und Ägypten nach Europa kommen, handelt es sich vor allem um Nigerianer, Eritreer und Gambier. Von Ausweichbewegungen wegen des EU-Türkei-Paktes kann also keine Rede sein. Und das gilt auch für den Landweg.

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2015 kamen nach Angaben von UNHCR und IOM mehr als eine Millionen Flüchtlinge nach Europa.

(Foto: REUTERS)

"Es gibt dafür keine Anzeichen", sagt Barbar Baloch, Beauftragter des UNHCR für die Region, n-tv.de. "Die Zahlen geben so eine Annahme einfach nicht her."

Nach Angaben des bulgarischen Innenministeriums kamen 2016 bisher rund 3000 illegale Migranten ins Land. Eine überschaubare Zahl, die womöglich noch kleiner wird. Die bereits schwer gesicherte Grenze des Landes zur Türkei und Griechenland soll weiter ausgebaut werden.

Baloch fordert legale Zugangswege nach Europa. "Die Menschen sind verzweifelt. Grenzen und Zäune können doch nicht die Antwort sein. Es wird immer Schmuggler geben, die bereit sind, ein noch größeres Risiko einzugehen." Er verweist auf das große Drama der jüngsten Entwicklungen. Trotz sinkender Flüchtlingszahlen ist die Zahl der Menschen, die auf dem Weg nach Europa gestorben sind, gestiegen. UNHCR und IOM geben sie weitgehend übereinstimmend mit mehr als 3100 Männern, Frauen und Kindern in diesem Jahr an. Das sind mehr als 70 Prozent der weltweit vermissten Flüchtlinge und laut IOM ein Anstieg um mehr als 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Tote in syrischem Flüchtlingslager

Es gibt ein weiteres dramatisches Phänomen. Dass es in Deutschland mittlerweile so ruhig geworden ist, liegt nicht nur an der geschlossenen Balkan-Route und dem Deal mit Ankara. Seit Monaten meldet die türkische Regierung, dass es rund drei Millionen Flüchtlinge versorge. Wer sich darüber wundert, dass diese Zahl trotz der heftigen Kämpfe um Aleppo, diverser anderer Schlachtfelder und Versorgungskrisen nicht steigt, irrt, wenn er meint, dass es gar keine Zivilisten mehr gäbe, die aus Syrien fliehen könnten.

Von den einst fast 19 Millionen Bewohnern des Landes sind die meisten geblieben. Hilfsorganisationen zufolge gibt es derzeit mehr als 13 Millionen Syrer, die in ihrer Heimat auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Viele von ihnen versuchen, irgendwie auszuharren. Doch es gibt auch etliche, die zwischen Kriegsparteien eingekesselt sind oder aus anderen Gründen nicht aus dem Land kommen – insbesondere nicht in Richtung Europa. Es gibt keine Direktflüge aus Damaskus in die Türkei mehr, der Fährbetrieb wurde weitgehend eingestellt und die Grenzübergänge sind dicht. Nördlich von Aleppo harren Tausende in teils erbärmlich versorgten Flüchtlingscamps aus und hoffen auf ihre Chance, doch noch irgendwie mit Schleppern über die immer schärfer kontrollierte grüne Grenze zur Türkei zu gelangen. Erst im Mai verloren der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge 28 Menschen in einem Camp im Ort Azaz bei Luftangriffen ihr Leben. Das Leid ist ausgelagert.

Quelle: n-tv.de

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