Politik
Gut und Böse? Oder die falsche Kategorie?
Gut und Böse? Oder die falsche Kategorie?(Foto: REUTERS)
Samstag, 19. April 2014

Zwischen Putin und Obama: Die Welt ist nicht schwarz-weiß

Ein Kommentar von Hubertus Volmer

Aus den Deutschen ist ein Volk von Putin-Verstehern geworden - so scheint es jedenfalls. Aber erstens stimmt das nicht. Und zweitens wäre es ein Fehler.

Wer schon etwas älter ist, der kennt dieses Gefühl: Früher war die Welt nicht besser, aber überschaubarer, die Rollen waren klar verteilt. Hier die Guten, dort die Bösen. Diese Schlichtheit ist dahin, sie kehrt auch nicht zurück.

Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Kriegs hat der Ukraine-Konflikt eine neue Spezies ans Licht der Öffentlichkeit gebracht: die Russland-Versteher. Es gab sie schon immer, doch nie waren sie so laut wie heute. Sie füllen die Leserbriefseiten der Tageszeitungen und das Mail-Postfach von n-tv.de. Sie halten uns, die Mainstream-Medien, für ferngesteuert. Eigentlich sind es Putin-Versteher. Die USA werden von ihnen verachtet.

Das ist der Kern des Putin-Verstehertums. Den russischen Putin-Fans geht es um Dinge wie die Abwehr von Homosexualität oder die Wiederherstellung eines großen Russland. Darum geht es den deutschen Putin-Verstehern nicht. Sondern darum: Endlich ist da jemand, der den USA, dem Westen insgesamt, die Maske von der bigotten Fratze reißt. Der russische Präsident hat es geschafft, zur Ikone all jener zu werden, die Amerikas Hegemonie ablehnen.

Die Legitimationskrise ist schuld

Putin-Versteher gibt es überall. Und dennoch scheint es, als seien sie eher laut als viele. Dem Allensbach-Institut zufolge sagten vor fünf Jahren 55 Prozent der Deutschen, sie seien für eine möglichst enge Kooperation mit Russland. Danach ging die Unterstützung kontinuierlich zurück. Aktuell liegt sie bei 32 Prozent. Das hat mit Putin zu tun. 65 Prozent der Deutschen sehen ihn heute kritisch. Vor zehn Jahren waren es nur 17 Prozent.

Und dennoch: Es ist unbestreitbar, dass es viele Putin-Versteher gibt, nicht nur bei AfD und Linkspartei. Sie waren mal Bundeskanzler oder sind Konzernchef, sie wohnen nebenan oder sind Teil der eigenen Familie. Bernd Ulrich hat das Phänomen kürzlich in der "Zeit" unter die Lupe genommen und schlüssig erklärt. Verkürzt gesagt: Schuld ist die Legitimationskrise des Westens.

Obama hat die Krise noch verschärft

In der schwarz-weißen Welt des Kalten Kriegs waren die USA per Definition gut, die Sowjetunion böse. Die Schweinereien der Amerikaner nahm man hin; sie dienten schließlich dazu, den Kommunismus abzuwehren. Heute zieht Washington nicht mehr gegen den Kommunismus, sondern gegen den islamistischen Terrorismus in die Schlacht. Anfangs schluckte die Öffentlichkeit in Europa das. Damit ist längst Schluss: Afghanistan hat gezeigt, dass der Westen viel verspricht, aber nur wenig hält. Der Irak hat gezeigt, dass die Führung der "freien Welt" zu jeder Lüge bereit ist.

Eine Zeitlang sah es so aus, als würde Barack Obama alles ändern. Wir wollten ihn lieben. Aber Obama hat das Lager in Guantanamo nicht aufgelöst. Er hat den Drohnenkrieg ausgeweitet. Und er lässt seine Geheimdienste den gesamten Globus bespitzeln. Obama hat nichts geändert, im Gegenteil. Er hat die Legitimationskrise noch verschärft, denn er hat erst Hoffnungen geweckt, dann enttäuscht.

Was folgt aus all dem? Die Rolle des Guten können die USA aus Sicht der meisten Deutschen nicht mehr ausfüllen - auch Deutschland kann dies nicht, Europa schon gar nicht. Für Politiker ist es verführerisch, die Legitimationskrise mit begründungsfreien Phrasen zuzukleistern. Für Bürger liegt es nahe, die Rollen neu zu verteilen: Wenn USA böse, dann Russland gut. Doch die Welt ist schon lange nicht mehr so überschaubar. Ja, es ist möglich, sowohl den amerikanischen Krieg gegen den Terror als auch Putins aggressiven Nationalismus zu kritisieren. Nein, man muss kein bedingungsloser Transatlantiker sein, um die Annexion der Krim einen Bruch des Völkerrechts zu nennen. Vor allem aber muss man weder Russland noch die USA bejubeln oder verteufeln. Die Welt ist nicht schwarz-weiß und wird es auf absehbare Zeit auch nicht werden.

Es scheint banal, aber genau so ist es.

Quelle: n-tv.de