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Thunbergs New-York-Segeltrip Du hättest ruhig fliegen können, Greta

Es wird vermutlich cool aussehen, wenn Greta Thunberg nun per Rennjacht nach New York aufbricht. Was für eine Konsequenz! Doch genau darin liegt auch ein Problem, das ihrem Anliegen sogar schaden könnte.

Wenn Greta Thunberg auf der Segeljacht "Malizia II" gen New York aufbricht, werden viele begeistert sein. Die berühmteste 16-Jährige der Welt verzichtet auf den bequemen Transatlantikflug und zwängt sich lieber in ein winziges Boot. Ein gewaltiges Opfer - ihr steht ein Trip unter Extrembedingungen bevor, ohne jeden Luxus, dafür vermutlich mit jeder Menge Übelkeit.

Doch warum tut sie sich das an? Ein Vorbild für andere kann der Segeltörn jedenfalls nicht sein. Denn wollen wir nun wirklich in die Zeit zurück, bevor es Flugzeuge, ja, bevor es Dampfschiffe gab? Das kann nicht die Antwort auf die Probleme des 21. Jahrhunderts sein.

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Greta Thunberg, ihr Vater Svante und Skipper Boris Herrmann im kargen Inneren der Rennjacht "Malizia II".

(Foto: dpa)

Das ist anders bei Thunbergs Reisen in Europa. Diesseits des Atlantiks verzichtet sie ebenfalls konsequent auf Flugreisen und fährt stattdessen Bahn. Das ist in Europa tatsächlich machbar. Es dauert zwar länger, es ist teurer, aber es geht. Nach Paris, Wien oder Warschau muss man nicht fliegen. Doch bei Reisen nach New York oder auch China oder Australien gibt es keine annähernd gleichwertige Alternative zum Flugzeug.

Vor allem PR

So ist dieser Segeltrip vor allem gute PR. Ob gewollt oder nicht - wieder einmal berichten etliche Medien über Thunberg und damit auch über ihr Anliegen, den Klimaschutz. Doch es ist die Frage, ob die Abenteuer-Tour eher dem Anliegen oder doch vor allem Greta Thunberg selbst dient. Sie behält ein reines Gewissen und kann weiter maximale Konsequenz vorleben.

Doch bleibt sie damit auch ein Vorbild? Oder wird sie nicht vielmehr ein Star, den man für seine Konsequenz bewundert? Stars jedoch sind entrückt wie die Sterne und per Definition Ausnahmefiguren. Sie sind interessant, das ja, aber sie haben nichts mit der eigenen Realität zu tun. Zwar können sie ihre Fans inspirieren. Doch bei Thunbergs Segeltrip ist die Nachahmung für die allermeisten unmöglich. Denn einen monegassischen Milliardär mit Speed-Segeljacht hat niemand an der Hand.  

So gesehen könnte der Segeltrip ihrer Sache sogar schaden. Denn wenn die Dinge, die sie tut, für die breite Masse unrealistisch sind, wie soll man ihr dann noch nacheifern? Die Sache selbst, der Klimaschutz, fällt dann hinter die Bewunderung für diese taffe junge Frau zurück. Oder der Kritik. Alle reden über Greta Thunberg. Aber der Klimaschutz wird zum Randaspekt.

Es ist etwas in Bewegung geraten

Thunberg hätte ruhig auch nach New York fliegen können. Es hätte komisch ausgesehen, zugegeben. Ihre Kritiker von rechts, oben und unten hätten sofort mit dem Finger auf sie gezeigt. "Seht her, Greta verpestet jetzt auch das Klima, weil es eben nicht anders geht", hätte es geheißen. Das wäre aber übertrieben gewesen. Zwar müssen auch Klimaschutzaktivisten sich selbst nach dem richten, was sie fordern. Aber es muss auch möglich sein, Ausnahmen zu machen.

Das wäre das pragmatische Eingeständnis, dass man derzeit vernünftigerweise nicht mit akzeptabler CO2-Bilanz über den Atlantik kommt. Die Forschungen an CO2-neutralem Kerosin und Elektromotoren an Flugzeugen laufen zwar, aber noch ist es nicht so weit. Auch einer Greta Thunberg muss es daher erlaubt sein, mit dem Flugzeug nach New York zu reisen. Ihre Glaubwürdigkeit hätte das nicht geschmälert. Vor allem dann nicht, wenn sie so einen Flug nur alle fünf Jahre anträte. Oder an Organisationen gespendet hätte, die versuchen, die CO2-Bilanz auszugleichen.

Es ist das kaum zu überschätzende Verdienst Greta Thunbergs und der Fridays-for-Future-Demos, dass sie den Klimaschutz ins Zentrum der politischen Debatte gebracht haben. Es ist ihnen gelungen, dass Millionen Menschen darüber diskutieren, wie man denn nun sinnvollerweise möglichst bald möglichst viel CO2 einsparen könnte. Es ist etwas in Gang gekommen. Ein Transatlantik-Flug hätte das nicht mehr aufgehalten.

Quelle: n-tv.de

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