Kommentare

Zum Wahlkampf von CDU und CSU Laschet in der Horror-Picture-Show

252557360.jpg

Laschets Rede am Samstag im Berliner Tempodrom wurde als "absoluter Höhepunkt" angekündigt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Armin Laschet und die Union wollten am Samstag die Wende im Ringen um den Sieg bei der Bundestagswahl einläuten. Das ging nach hinten los. Die Veranstaltung hat nur gezeigt: Markus Söder wäre der bessere Kanzlerkandidat.

Als wäre der offizielle Auftakt ihres Wahlkampfes ein Ereignis, dem die ganze Nation entgegenfiebert, hatte die CDU auf ihrer Webseite einen Countdown laufen, wie wir ihn von Silvester und ähnlichen Spektakeln kennen. Das kann man machen, um die Spannung zu steigern. Nur muss es funktionieren. Als die rückwärts laufende Uhr der CDU am Samstag um 11.00 Uhr bei null angekommen war, passierte: nichts. Es dauerte noch mehrere Minuten, ehe die Horror-Picture-Show begann, in der - Achtung: Spoiler - das "Rocky" fehlte, auch wenn alle so taten, als würden sie ab sofort das Land rocken.

Das Misslingen des Countdowns, der lediglich in minutenlangem Dudeln einer mäßig originellen Musik mündete, symbolisiert den Zustand der Christdemokraten: Ihre Führung weckt in der Bevölkerung und an der eigenen Basis immer wieder enorme Hoffnungen und Erwartungen, die sie dann nicht erfüllt. Die Folge sind Enttäuschung in der Anhängerschaft.

Natürlich ist es okay, den Wahlkampfbeginn mit einem Hauch Flitter zu umhüllen, damit die Veranstaltung nicht zu sehr nach politischem Old Style anmutet, um vielleicht Jugendliche zu begeistern, die nicht Mitglied der Jungen Union sind. Nach hinten losgeht so etwas aber, wenn die Moderatorin Berufspolitiker wie Superstars ankündigt und deren noch so dröge Statements als "super", "stark" und "kämpferisch" lobt. "Soll ja keiner sagen, diese Sendung hier sei langweilig", meinte die junge Frau, als habe sie noch nie etwas von Fremdscham gehört.

Söder hatte gut lachen

Dass die - übrigens durchaus sympathische - Moderatorin Kanzlerkandidat Armin Laschet als "absoluten Höhepunkt" der "Sendung" ankündigte, dürfte bei manchem Gast im Saal oder vor dem Laptop zu einem inneren Schmunzeln geführt haben. Unfreiwillige Ironie war fortlaufender Bestandteil der Show. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak beklatschte Laschet wie ein Berserker, während Markus Söder zarten Applaus spendete, als wäre er ein Rentner, der Gicht hat und deshalb die Hände schont. Nach einer außenpolitischen Passage Laschets beschränkte sich der CSU-Chef einmal darauf, mit der rechten Hand auf die obere Hälfte seines rechten Beins zu hauen: Bei Witzveranstaltungen nennt man das Schenkelklopfer.

Söder hatte gut lachen. Er hielt eine emotionale, mitunter packende Rede. Vor allem aber brachte er es besser auf den Punkt, was die Union vorhabe, wohin sie mit dem Land wolle und worum es ihr gehe: "Keinen Bock auf Opposition!" Wie immer mimte der Bayer den freundlich-loyalen Laschet-Unterstützer, konterkarierte aber seine Beteuerung - "das ist ehrlich gemeint" - in gewohnter Manier. Unter anderem piesackte Söder Laschet mit einem Fußball-Vergleich. "Wir haben lange geführt. Es sah so ein bisschen aus, Armin, wir spielen das locker runter. So war es nicht." Der "Armin"-Einschub ist eine nett verpackte Schuldzuweisung. Es kam noch dicker. Söder fragte, ob ein Fußball-Team, das vorne gelegen habe, bei Gleichstand aufgebe. "Es gibt solche Mannschaften. Aber das sind nicht wir."

Natürlich dachte man bei der Metapher sofort an Auswechslung. Das aber wollte Söder nicht gemeint haben. Er musste es auch gar nicht laut sagen, waren doch tags zuvor Äußerungen aus den hinteren Rängen der Unionsfraktion bekannt geworden, die die Auswechslung Laschets als Kanzlerkandidat wünschen oder fordern. Im jüngsten RTL/ntv-Trendbarometer liegt die SPD nur noch zwei Punkte hinter der Union. Und dieselbe Umfrage verdeutlicht: Es liegt hauptsächlich an Laschet. Der Samstag zeigte klar: Söder wäre der bessere Kanzlerkandidat. Man muss schon ein eingefleischter Verächter des CSU-Vorsitzenden sein, um das nicht erkannt zu haben.

Seltsames Zeug bis hin zu Unfug

So wurde ausgerechnet die Show, mit der Laschet, CDU und CSU die Wende einläuten wollten, zum Horror-Trip für den Kanzlerkandidaten. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass er weiter unter Druck geraten wird. Söder machte klare Aus- und Ansagen. Friedrich Merz schaffte es, in einem kurzen Video-Statement wirtschaftspolitische Ziele verständlich zu benennen. Selbst der gegen SPD und Grüne scheinbar chancenlose Berliner CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner zeigte, wie Wahlkampf geht und wie ein Bewerber Optimismus verbreiten kann. Der Kontrast zu Laschet hätte kaum größer sein können.

Der CDU-Chef verlor sich im Kleinklein, verhedderte sich in unnötigen Details, versprach sich, beging bei seinem fragwürdigen Themen-Hopping Fehler, redete seltsames Zeug bis hin zu Unfug. Laschet sagte zu Beginn: "Es ist ein gutes Signal, dass wir heute hier und überall in Deutschland starten mit den Besuchen an den Haustüren, und dass wir zusammen sind." Man fragte sich: In welcher Welt lebt der Mann, wenn für ihn ein inszeniertes Parteitreffen und gewöhnliche Wahlkampfprozeduren schon ein "gutes Signal" sind?

Laschets Versuch, CDU und CSU als Volksparteien dazustellen, geriet eher zum Beleg gewisser Personalnot in der Union. Er verwies auf "unsere Freunde überall im Land", die wie Merz per Video zugeschaltet waren, nannte ausdrücklich die stellvertretende CDU-Vorsitzende Silvia Breher, "eine couragierte Frau in Niedersachsen, junge Mutter, die die Probleme der Familien kennt". Brehers Bekanntheitsgrad dürfte bundesweit knapp über null liegen, zugeschaltet wurde sie, weil am 12. September in ihrem Bundesland Kommunalwahlen stattfinden. Laschet hob Merz hervor, CSU-Gruppenchef Alexander Dobrindt sowie den Vorsitzenden der Unionsfraktion, Ralph Brinkhaus. Wenn Laschet glaubt, dass diese vier Berufspolitiker belegen, "wir sind die große Volkspartei", sollte er in sich gehen.

Und dann auch noch der Landshut-Fehler

Es sind kleine Verhaspler, die den Mann in einem schlechten Bild erscheinen lassen, weil sie seine richtigen politischen Ansätze entwerten. "Wer Terror in unserem Land üben will, hat hier nichts verloren." Wo "üben" Terroristen in Deutschland? Oder: "Die Naturwissenschaft gibt den Kipppunkt vor." Nein, tut sie nicht. Die Wissenschaft berechnet oder prognostiziert Kipppunkte, Vorgaben macht sie nicht.

Verheerend ist indes Laschets Landshut-Fehler - und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Als Beispiel dafür, dass eine unionsgeführte Bundesregierung aus Krisen lerne und die richtigen Schlussfolgerungen ziehe, nannte er die unter dem Eindruck des Münchner Olympia-Attentats im September 1972 gegründete Anti-Terror-Einheit GSG 9. "Fünf Jahre später hat diese GSG 9, herausragende Experten eines Kommandos, Deutsche aus der entführten Lufthansa-Maschine in Landshut befreit." Laschet korrigierte sich nicht, er hielt nicht einmal inne, um nachzudenken, woraus man leider schließen muss: Der Kanzlerkandidat hat lückenhaftes Wissen über die Geschichte des Landes, das er regieren will. Denn Mogadischu sollte zur Allgemeinbildung eines Politikers gehören, der in die Fußstapfen von Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Angela Merkel treten will.

Vor allem aber: Der Vergleich ist dünn. Die Gründung einer Spezialeinheit als unmittelbare Reaktion aus einem Terroranschlag ist eine ganz andere Geschichte als die Herausforderung, Konsequenzen aus der Corona-Pandemie, dem Hochwasser und der Erderwärmung zu ziehen. In jedem Fall wirft der peinliche Fehler die Frage auf, mit welchem Personal sich Laschet umgibt, das ihn inhaltlich, wahlstrategisch und medial so berät, dass man denken könnte, all die Leute seien U-Boote Söders.

Das Fazit nach dieser Horror-Picture-Show kann nur lauten: Laschet mag ein feiner Ministerpräsident sein, als Nachfolger Merkels scheint er ungeeignet zu sein - auch wegen seines Umfelds, das besser nicht mit ihm ins Kanzleramt einziehen sollte. Wenn er nicht an Söder übergibt und kein Wunder geschieht, droht selbst nach einem schlechten Wahlergebnis der Union in den nächsten vier Jahren ein angeschlagener Kanzler zu regieren. Und das kann niemand wollen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen