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Noch vier MonateMacht das Russische Haus zum Haus der freien Völker!

15.08.2026, 15:05 Uhr Artur WeigandtEin Kommentar von Artur Weigandt
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Das Russische Haus in Berlin. (Foto: picture alliance / SULUPRESS.DE)

Das Russische Haus in Berlin ist möglicherweise ein Hort der russischen Geheimdienste, auf jeden Fall aber ein Zentrum für das imperiale Selbstverständnis des russischen Staats. Man sollte es nicht schließen, sondern umwidmen.

Seit der vergangenen Woche steht der Verdacht im Raum, dass das Russische Haus an der Friedrichstraße mitten in Berlin den Geheimdiensten Moskaus als Tarnung dient. Die Reaktion folgt einem eingeübten Muster: Die einen fordern die sofortige Schließung, die anderen - das BSW an vorderster Front - warnen davor, den letzten Gesprächskanal nach Russland zu kappen.

Beide Seiten beantworten die falsche Frage.

Denn beide unterstellen, dieses Haus sei Russland. Deshalb scheint es nur zwei Möglichkeiten zu geben: Entweder man schlägt Russland die Tür zu oder man hält sie offen. Doch das Problem des Russischen Hauses besteht nicht darin, dass es russisch ist. Das Problem besteht darin, dass es dem Kreml gehört - und damit einer Macht, die seit Jahrhunderten beansprucht, für andere Völker, Sprachen und Erinnerungen sprechen zu dürfen.

1984 gegründet und heute von der Moskauer Agentur Rossotrudnitschestwo betrieben, verteidigt sich das "Haus der Wissenschaft und Kultur" gegen jeden Vorwurf mit demselben Wort: Kultur. Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter nennt es einen verlängerten Arm Putins und fordert seine Schließung. Das Auswärtige Amt verweist dagegen auf zwei Regierungsabkommen, die den Status des Hauses mit dem des Goethe-Instituts in Moskau verknüpfen - ein juristischer Knoten, der sich nicht über Nacht durchschlagen lässt.

Nicht schließen: umwidmen

Doch selbst wenn eine sofortige Schließung möglich wäre: Sie wäre eine Schlagzeile für einen Tag und ein Geschenk an die Kremlpropaganda für Jahre. Moskau bekäme seine liebste Rolle frei Haus geliefert: die des verfolgten Opfers. "Russophobie", würde es heißen. Deutschland verbiete russische Kultur, verstoße Dostojewski, cancelte Tschaikowski und Tschechow.

Also nehmen wir dem Kreml dieses Argument. Schließen wir das Russische Haus nicht einfach. Entziehen wir es seinem Besitzer - und seinem imperialen Anspruch.

Macht daraus ein Haus der freien Völker. Ein dekoloniales Zentrum für all jene, deren Geschichte vom Russischen Reich, von der Sowjetunion und vom heutigen Russland vereinnahmt, verdrängt oder ausgelöscht wurde. Einen Ort für Ukrainerinnen und Ukrainer, Belarussen, Georgier, Armenier und Kasachen. Für Tschetschenen und Tscherkessen, Krimtataren, Wolga- und Sibirientataren, Baschkiren, Burjaten, Kalmücken, Tuwiner, Sacha und die indigenen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens. Für jüdische und romani Gemeinschaften. Für Russlanddeutsche, Wolgadeutsche und Schwarzmeerdeutsche, deren Geschichte von Entrechtung, Deportation, Zwangsarbeit und erzwungener Assimilation geprägt ist.

Und auch für jene Russinnen und Russen, die den Krieg ablehnen, den imperialen Anspruch ihres Landes bekämpfen und nicht mehr frei sprechen dürfen.

Aus der Fußnote ins Zentrum

Dabei darf Russisch nicht länger die selbstverständliche Hauptsprache sein, in die sich alle anderen einzufügen haben. In diesem Haus müsste Ukrainisch ebenso zu hören sein wie Belarussisch, Georgisch und Armenisch, Kasachisch und Kirgisisch, Tschetschenisch und Tscherkessisch, Tatarisch, Baschkirisch, Burjatisch, Jakutisch und Deutsch. Nicht als folkloristische Zugabe zu einer vermeintlich großen russischen Kultur, sondern als eigenständige Sprachen eigenständiger Erfahrungen.

Denn Kolonialismus beginnt nicht erst mit der Eroberung eines Landes. Er zeigt sich auch darin, wer wen übersetzen muss, wessen Geschichte als Mittelpunkt gilt und wessen Erinnerung nur als regionale Fußnote vorkommt.

Ein wirklich dekoloniales Haus dürfte deshalb nicht bloß die Fahnen austauschen. Es müsste seine Ordnung verändern. Nicht Moskau dürfte weiterhin das Zentrum bilden, um das sich alle anderen gruppieren. Die Menschen und Gemeinschaften, über die das Imperium gesprochen hat, müssten selbst entscheiden, welche Geschichten erzählt, welche Archive geöffnet, welche Ausstellungen gezeigt und welche Sprachen gesprochen werden.

Ein solcher Ort könnte sich mit den Deportationen der Tschetschenen, Inguschen, Krimtataren und Russlanddeutschen beschäftigen; mit der russischen Eroberung des Kaukasus und Sibiriens; mit dem Holodomor und dem stalinistischen Terror; mit der Unterdrückung nationaler Sprachen; mit den Spuren deutscher Siedler am Schwarzen Meer und an der Wolga; mit den Familiengeschichten jener Menschen, die über Generationen verschoben und umbenannt wurden, und gezwungen, ihre Herkunft zu verschweigen.

Das russische Imperium will andere Kulturen beherrschen und verdrängen

Er könnte zugleich zeigen, dass diese Menschen nicht nur Opfergeschichten besitzen. Ihre Literatur, Musik und Kunst, ihre religiösen Traditionen, politischen Bewegungen und Vorstellungen von Zukunft gehören nicht in die ethnografische Vitrine eines russischen Imperiums. Sie gehören ihnen selbst.

Eine solche Umwidmung träfe Moskau an einer Stelle, die keine Sanktion erreicht: bei seiner Deutungshoheit. Das russische Imperium lebt von dem Anspruch, für all diese Menschen zu sprechen, das sowjetische Erbe allein zu besitzen und zu bestimmen, was zu Russland gehört. Es erklärt ukrainische Städte zu "russischen" Städten, eigenständige Völker zu Bestandteilen einer "russischen Welt" und jede Kritik an seiner Herrschaft zu einem Angriff auf Russland selbst.

Übergibt man das Haus denen, die der Kreml zum Schweigen bringt, fällt dieser Anspruch in sich zusammen.

Die russische Kultur würde dadurch nicht ausgelöscht, sondern aus den Händen des Staates befreit - und aus der Rolle erlöst, alle anderen Kulturen überschatten zu müssen. Dostojewski braucht Rossotrudnitschestwo nicht. Tschechow braucht keinen Geheimdienst. Zur russischen Kultur gehören auch die Dichter, die Russland einsperrt, die Filmemacher, die es ins Exil treibt, und die Menschen, die sich weigern, ihre Sprache dem Krieg zur Verfügung zu stellen.

Aber russische Kultur ist eben nur eine Kultur unter vielen. Sie ist nicht das Dach, unter dem Ukrainer, Tataren, Burjaten oder Russlanddeutsche ihren Platz erhalten. Das neue Haus müsste allen gehören, ohne dass eine Sprache, eine Hauptstadt oder eine historische Erzählung wieder den Mittelpunkt besetzt.

Das nächste Zeitfenster öffnet sich im Dezember

Ich selbst bin in Kasachstan geboren, in Deutschland aufgewachsen und mit mehreren kulturellen Zugehörigkeiten groß geworden. Gerade solche Biografien zeigen, wie wenig die Geschichte der ehemaligen Sowjetunion in nationale Schubladen passt. Menschen können Russisch sprechen, ohne dem Kreml zu gehören. Sie können Deutsch sprechen und zugleich eine sowjetische Familiengeschichte haben. Sie können aus Kasachstan, der Ukraine oder Russland kommen, ohne sich von Moskau erklären lassen zu müssen, wer sie sind.

Das Abkommen mit Moskau ist real. Aber die Gegenseitigkeit, auf die es sich beruft, ist längst zur Fiktion geworden: Die Arbeit des Goethe-Instituts in Russland wird seit Jahren eingeschränkt und erstickt. Zugleich lässt sich der Vertrag über die Tätigkeit der Kulturzentren alle fünf Jahre kündigen. Das nächste Zeitfenster öffnet sich in diesem Dezember.

Berlin sollte diese Gelegenheit nutzen - nicht, um einen kulturellen Ort verschwinden zu lassen, sondern um ihn neu zu bestimmen: dieselben Mauern, aber andere Menschen, denen sie Schutz geben. Dieselbe Adresse, aber nicht mehr dieselbe Macht. Kein Ersatzministerium für ein anderes Nationalprojekt, sondern ein gemeinsames Haus, das seine Vielfalt aushält.

Die Schließung des Russischen Hauses wäre ein Vorgang, den Moskau mühelos in eine weitere Erzählung von Demütigung und Verfolgung verwandeln könnte. Ein dekoloniales Haus der freien Völker wäre dagegen ein Satz, auf den der Kreml keine Antwort hat.

Man muss diese Tür nicht verriegeln. Man muss sie denen öffnen, vor denen das Imperium sie verschlossen hat.

Quelle: ntv.de

RusslandBerlinAngriff auf die Ukraine