Politik

Russlands Verbrecher im KriegWenn Mehrfachmörder immer wieder begnadigt werden

12.08.2026, 19:34 Uhr 6d612840-d481-4c7d-9138-8a2e83199fdbVon Uladzimir Zhyhachou
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Der verurteilte Mörder Iwan Rossmachin wurde für seinen Einsatz im Ukraine-Krieg begnadigt. Nach seiner Rückkehr mordete er wieder - und ging erneut an die Front, um der Haftstrafe zu entkommen. (Foto: Screenshot vk.com/vp_tv)

Ein Bräutigam wird auf seiner eigenen Hochzeit erstochen - der Täter geht straffrei aus, weil er in den Krieg zieht. Russland begnadigt tausende verurteilte Straftäter für den Kriegsdienst. Viele von ihnen werden nach ihrer Rückkehr erneut zu Mördern.

Semjon Prichodko wurde auf seiner eigenen Hochzeit getötet. Am 10. Juli gab der 27-jährige Russe in der Großstadt Atschinsk in Sibirien seiner Lebensgefährtin das Ja-Wort - kurz danach wurde sie zur Witwe. Bei der Feier in einem Restaurant kam es zu einem Streit mit einer Gruppe, die im selben Gebäude ein Jubiläum feierte. Im Handgemenge zückte ein 32-Jähriger ein Messer und stach auf den Frischvermählten ein. Neun Tage später starb er im Krankenhaus. Der Täter, Jegor Tschistjakow, wurde festgenommen, doch zu einer Verurteilung kam es nicht.

Am 23. Juli trug die Familie den 27-Jährigen zu Grabe, bereits am nächsten Tag musste sie eine neue Erschütterung verkraften: In sozialen Medien entdeckten sie Fotos von Tschistjakow, auf denen der Täter in Militäruniform posiert. Prichodkos Witwe rief die Ermittler an und erfuhr, dass der Mann, der ihren Lebensgefährten getötet hatte, einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium unterschrieben hatte und auf dem Weg in die Ukraine war. Die Ermittlungen wurden daraufhin eingestellt.

Der Fall, über den das regionale Nachrichtenportal "Sibir. Realii" des US-amerikanischen Auslandssenders Radio Free Europe/Radio Liberty berichtet, ist keine Ausnahme. Bereits 2022, wenige Monate nach Beginn des Ukraine-Kriegs, begann die russische Söldnergruppe Wagner mit der Rekrutierung von Häftlingen in russischen Gefängnissen. Verurteilte Verbrecher, darunter Vergewaltiger und Mörder, bekamen nach sechs Monaten Einsatz an der Front Begnadigung und kamen wieder auf freien Fuß - oft mit staatlichen Auszeichnungen und Taschen voller Geld, das sie für ihren Einsatz bekamen.

2024 ließ Kremlchef Wladimir Putin die Praxis, die zuvor ein offenes Geheimnis war, gesetzlich verankern und nicht nur auf Verurteilte, sondern auch auf Verdächtige und Angeklagte ausweiten, deren Verfahren noch nicht rechtskräftig entschieden wurden. Erhält man dann eine staatliche Auszeichnung für den Kriegseinsatz oder wird aus dem Dienst entlassen, etwa nach einer Verletzung oder beim Erreichen der Altersgrenze, wird man von der Strafverfolgung oder der restlichen Haftstrafe vollständig befreit.

Kannibale kommt frei

Prichodkos Witwe wird von der Polizei damit vertröstet, dass Tschistjakow, der ihren Mann erstochen hatte, an der Front "höchstwahrscheinlich verrecken wird", sagt eine Bekannte der Familie im Gespräch mit "Sibir. Realii". "Aber wir sehen in den Nachrichten, wie Serienmörder, Mörder und Vergewaltiger ins Zivilleben zurückkehren und neue Verbrechen begehen", ergänzt sie.

Und damit hat sie recht. Zahlen dazu, wie viele Ex-Häftlinge den Krieg überleben, gibt es nicht. Nach einer Zählung der Medien BBC Russian und Mediazona von 2023 starben mindestens 35 Prozent der zu dem Zeitpunkt knapp 50.000 von der Gruppe Wagner rekrutierten Gefangenen. Diese Zählung berücksichtigt allerdings nur die Wagner-Rekrutierung bis 2023 und nicht die Personen, die später über das gesetzliche Verfahren in die Armee gelangten. Doch auch wenn ein großer Teil der Häftlinge im Krieg fällt, kursieren seit Jahren in russischen Medien zahlreiche Berichte über Schwerstverbrecher, die nach einem kurzen Kriegseinsatz in die Heimat zurückkehren.

Eines der bekanntesten Beispiele ist der Kannibale Denis Gorin - der Mann hat mindestens vier Menschen ermordet, neun weitere Opfer werden vermutet. Nach Gerichtsangaben hat er in mindestens zwei Fällen die Überreste seiner Opfer gegessen. Im Gefängnis wurde er von der Gruppe Wagner rekrutiert, nach dem Kriegseinsatz im November 2023 von Putin begnadigt und kehrte mit einer Verletzung nach Russland zurück. Offenbar ging er dann zurück in den Krieg und starb im Juli 2024 an der Front.

Kreml rechtfertigt Begnadigungen: "Mörder sühnen ihre Taten mit Blut"

Anders als der Kannibale Gorin entscheiden sich viele Mörder nicht dafür, im Nachbarland gegen Bezahlung Ukrainer zu töten, sondern in der Heimat. Für große Aufregung sorgte etwa der Fall von Wladislaw Kanjus. Im Jahr 2020 ermordete er seine 23-jährige Freundin Wera Pechtelewa, die sich von ihm trennen wollte. Der Fall sorgte damals für Entrüstung in ganz Russland. Der Mann folterte die Frau in seiner Wohnung mehr als drei Stunden lang. Alarmiert durch die Schreie riefen die Nachbarn mindestens sieben Mal die Polizei, doch die ignorierte die Anrufe und kam nicht. Die Nachbarn brachen schließlich die Tür auf, doch zu spät - Pechtelewa war bereits tot. Kanjus wurde 2022 zu 17 Jahren Haft verurteilt, aber bereits weniger als ein Jahr später wurde er rekrutiert und ging in den Krieg - und wurde bereits wenige Monate später begnadigt.

Selbst der Kreml reagierte auf die Begnadigung des Täters in solch einem prominenten Fall - Kremlsprecher Peskow sagte: "Verurteilte, auch solche wegen schwerer Delikte, sühnen ihre Straftat mit ihrem Blut auf dem Schlachtfeld. Sie sühnen sie mit ihrem Blut in Sturmbrigaden, unter Kugeln und Granaten", kommentierte er die Begnadigung von Kanjus.

Mörder töten wieder

Viele der Freigelassenen, die den Krieg überleben, wurden nach ihrer Rückkehr erneut straffällig. Tsyren-Dorschi Tsyrenschapow hatte erst etwa vier Jahre seiner 14-jährigen Haftstrafe abgesessen, die er für die Tötung und Zerstückelung einer 18-Jährigen bekommen hatte. Kurz nach seiner Rückkehr aus dem Krieg tötete er eine weitere junge Frau - und wurde erneut zu 14 Jahren Haft verurteilt. Auch Alexander Protski, der wegen der Tötung eines Trinkgefährten zu elf Jahren Haft verurteilt worden war, wurde nach seinem Kriegseinsatz begnadigt. Zurück in der Oblast Tomsk musste er sich erneut wegen eines Mordes vor Gericht verantworten.

Auch der Fall von Andrej Bykow sorgte überregional für Aufsehen. Der Mann, der Medienberichten zufolge wegen Mordes an einem Rentner noch bis 2032 im Gefängnis hätte sitzen müssen, wurde im Gefängnis rekrutiert. In der Ukraine geriet er dann in Kriegsgefangenschaft und wurde später ausgetauscht. Kurze Zeit später wurde er erneut festgenommen - er soll ein zwölfjähriges Mädchen brutal ermordet haben.

Es kommt auch zu absurden Situationen. Im März ermordete ein Mann in der Region Woronesch im Südwesten Russlands die Witwe eines Veteranen des Ukraine-Kriegs - nach Medienberichten, weil er es auf das "Sarggeld" abgesehen hatte, das die vierfache Mutter nach dem Tod ihres Mannes erhalten sollte. Um den Mord an der Veteranenwitwe zu "sühnen", hat der Mann russischen Medienberichten zufolge den Vertrag für den Kriegseinsatz unterschrieben.

Mord - Begnadigung - Mord- Begnadigung in Dauerschleife

Noch absurder sind aber Fälle, in denen verurteilte Mörder nach dem Kriegseinsatz zurückkehren, weiter morden, wieder verurteilt werden - und dann erneut in den Krieg ziehen, statt im Gefängnis zu sitzen.

Iwan Rossomachin saß nur zwei Jahre seiner 14-jährigen Haftstrafe wegen Mordes ab, bevor er 2022 von der Gruppe Wagner rekrutiert wurde. Nach wenigen Monaten an der Front kehrte er in sein Heimatdorf in der Oblast Kirow zurück und versetzte den ganzen Ort in Schrecken. Ein lokaler Fernsehsender strahlte sogar eine Reportage aus dem Dorf aus. Eine ältere Frau sagte darin, Rossomachin laufe stets durch das Dorf mit einer Mistgabel und einer Axt und schreie: "Ich werde alle töten, ich werde die ganze Familie abschlachten." Auf Aufnahmen einer Überwachungskamera, die in der Reportage gezeigt wurden, ist zu sehen, wie Rossomachin die Scheiben von zwei geparkten Autos mit einer Axt einschlägt. Ein Polizist versprach den Dorfbewohnern Schutz und kündigte an, der Unruhestifter werde aus dem Dorf "abgeschoben".

Doch dazu kam es nicht - Rossomachin vergewaltigte und ermordete eine 85-jährige Frau in einem Nachbardorf. Er wurde zu 23 Jahren Haft verurteilt - und wenige Monate später, im August 2024, erneut für den Krieg rekrutiert.

Wiktor Sawwinow kam nach seiner ersten Verurteilung wegen Mordes durch einen Vertrag für den Krieg frei. Nach seiner Rückkehr soll er zwei weitere Menschen getötet haben; dafür wurde er zu 20 Jahren Haft verurteilt. Doch auch diese Strafe musste er nicht verbüßen: Er unterschrieb erneut einen Militärvertrag und wurde wieder freigelassen. Im Februar 2026 wurde Sawwinow wegen des Verdachts auf einen vierten Mord festgenommen. Nach seiner Festnahme erklärte er erneut, in den Krieg ziehen zu wollen.

Das sind nur einige der bekanntesten Fälle - und nur jene, die in Russland selbst öffentlich werden.

Quelle: ntv.de

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