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Da ist er wieder, der Populist Merz' Gender-Krieg ist billiges Kalkül

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Was bezweckt Merz?

(Foto: picture alliance/dpa)

Nein, man muss das Bemühen um diskriminierungsfreie Sprache nicht gutheißen. Die Forderung des CDU-Politikers Merz nach einem Gender-Verbot aber ist nicht Ausdruck von Kritik, sondern ein populistischer Reflex.

Friedrich Merz ist zurück. Zum dritten Mal, um genau zu sein. Nach seinen gescheiterten CDU-Vorsitzkandidaturen gegen Annegret Kramp-Karrenbauer und Armin Laschet ist es ihm zumindest gelungen, dem Abgeordneten Patrick Sensburg die CDU-Bundestagskandidatur für den Hochsauerlandkreis abspenstig zu machen. Vieles spricht dafür, dass Merz nach der Bundestagswahl eine prominente Rolle zufallen wird; sei es in einer von Bundeskanzler Armin Laschet geführten Bundesregierung oder erst recht in einer von Laschet auf die Oppositionsbank geführten CDU. Dass der 65-Jährige aber mit einer durchschaubaren Kampagne gegen Gendersternchen sein erstes Thema setzt, bestätigt alle, die immer schon vor der Rückkehr eines Ewiggestrigen in die Politik gewarnt haben.

Das Verwerfliche ist dabei wohlgemerkt nicht, dass Merz gegen das Gendern ist, also gegen das tatsächlich oft verwirrende und in Teilen unausgegorene Bemühen um eine diskriminierungsfreie Sprache. Das Problem ist, dass Merz sich eines ohnehin schon die Gesellschaft spaltenden Themas auf eine Art und Weise bedient, die diesen Spalt noch tiefer treibt. Und das nur, um die eigene Wählerschaft zu mobilisieren. So Vorgehen hat einen Namen: Populismus. Der Merz des Frühjahrs 2021 sollte sich fragen, ob er wirklich da weitermachen will, wo er vor zwei Dekaden mit der leidigen Leitkultur-Debatte durchgestartet war.

Ein Liberaler ruft nach Verbot

Dass Kalkül hinter Merz' Äußerungen steckt, ist offensichtlich: Seit einem Wellen schlagenden Tweet zum Thema am Wochenende seiner Wahlkreisnominierung geht Merz mit seiner neu-entdeckten Gender-Allergie in den Medien hausieren. Er eskaliert dabei schrittweise - bis hin zu seiner jüngsten Forderung nach einem Gender-Verbot à la francaise. Dass der (in Wirtschaftsfragen) Liberale, der sich gerne als Vorkämpfer gegen grüne Verbotskultur geriert, selbst einen ganzen Diskurs "canceln" möchte, ist nur einer von mehreren Widersprüchen in Merz' Argumentation.

Der vielleicht schwerwiegendste betrifft aber die Behauptung, Deutschland habe in der Pandemie wichtigeres zu tun, als über Geschlechterdiskriminierung und rassistisch konnotierte Straßennamen zu debattieren. So differenziert drückt er das zwar nicht aus, grundsätzlich ist es aber möglich, dieser Diagnose zuzustimmen. Erst recht, wenn man von beiden Themen nicht persönlich betroffen ist. Tatsächlich wäre es auch interessant, Merz' Vorschläge zu hören, wie beispielsweise Deutschland seine gigantische Neuverschuldung und seine Infrastruktur-Modernisierung bei gleichzeitiger Beibehaltung der Schuldenregel stemmen will. Stattdessen schwingt sich der CDU-Politiker zur neuen Galionsfigur derjenigen auf, die sich lautstark am Gendersternchen abarbeiten. Warum tut er das?

Die Mär von der linken Verschwörung

Seine Begründung: Eine verschworene linke (Kultur-)Elite würde einer schweigenden Mehrheit eine Verhunzung der deutschen Sprachen aufzwingen. Nicht nur, dass er damit einen Mythos nährt, denn die wirklich Mächtigen im Land neigen eher nicht linken Kreisen zu, er verbreitet auch Falschbehauptungen: An deutschen Lehrinstituten oder Schulen wird niemand diskriminiert, der in Prüfungsarbeiten nicht fleißig Gender-Sternchen setzt oder das generische Femininum verwendet. Wer so etwas behauptet, muss es beweisen.

Die Unabänderlichkeit der deutschen Sprache zu predigen, ist für einen intellektuellen Konservativen zudem faktenschlank. Ein Friedrich Merz würde im Leben nicht mehr das N-Wort benutzen, wenn er von Schokoküssen spricht. Hinzukommt: Dass Sprache mächtig und potenziell immer auch diskriminierend ist, hat Merz zu Beginn seines Comebacks zu genüge erfahren. Seine Unterstützer jubelten das Mitglied des CDU-Wirtschaftsrats zum Wirtschaftspolitiker hoch, seine Gegner diffamierten den früheren Aufsichtsratschef von Blackrock Deutschland einseitig als Hedgefonds-Lobbyisten.

Wer sich einmischt, muss zuhören

Ob sie es aus Rendite-orientiertem Opportunismus tun oder aus echter Überzeugung, mit sprachlichen Mitteln etwas gegen Diskriminierung unternehmen zu wollen: Dass Unternehmen und Medien neue Sprachmittel bemühen, kann man doof finden. Man kann sich auch mehr "ß" oder die Sütterlinschrift zurückwünschen. Niemand aber wird in Deutschland gezwungen, diskriminierungsfreie Sprache zu übernehmen. Er oder sie werden für ihre Weigerungshaltung höchstens kritisiert - erst Recht, wenn irgendwann eine breite Mehrheit sich aus innerer Einsicht diskriminierungsfrei ausdrücken sollte. Das muss Man(n) aushalten können.

Dennoch den Eindruck eines von Eliten verordneten Zwangs zu erwecken, ist eines so klugen Mannes wie Friedrich Merz unwürdig. Genauso, wie seine Weigerung, die berechtigten Kritikpunkte der Fürsprecher des Genderns zumindest ernsthaft zu diskutieren, wenn er sich denn schon einmischt. Stattdessen tut er dieses Bemühen pauschal ab. Damit verhält er sich ebenso destruktiv, wie Vertreter der Gegenseite, die jede sprachliche Unsensibilität in Bausch und Bogen verdammen. So kommt eine Gesellschaft nicht zusammen, das wird der Verantwortung eines Vertreters der politischen Mitte nicht gerecht.

Quelle: ntv.de

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